Flieger, grüß mir die Sonne: Donald Trump begrüßte im Wahlkampf jeweils pünktlich seine Fans. Sein Ziel: die planmäßige Zerrüttung politischer Vernunft.

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Seine Inauguration fand nicht etwa zur festgesetzten Stunde statt. Die Einsetzung Heliogabals zum römischen Kaiser wurde zur Jahreswende 217/218 nach Christus mit Pomp und wüsten Ausschweifungen begangen. Als parfümierter Wollüstling aus Syrien, der sich als Double der Sonne am Himmel ausgab, wollte er die Stadt am Tiber sofort unmissverständlich wissen lassen, was sie und ihre ehrwürdigen Väter von ihm erwarten durften.

Das Schicksal Heliogabals oder "Elagabalus‘" bildet den Inhalt einer kleinen, aber bewunderungswürdigen Monografie, 1934 geschrieben vom französischen Surrealisten und Aufrührer Antonin Artaud (1896–1948). Fast 1.800 Jahre vor Donald Trump näherte sich der neue Herrscher Roms dem Ort seiner Bestimmung in denkwürdiger Begleitung: Auf dem weiten Landweg begleitete ihn ein rund zehn Tonnen schwerer Phallus, mit mächtig erigierter Spitze, die tief in den Himmel reichte. 300 Stiere zogen das Gefährt wutschnaubend über die Alpen.

Als der Wiedergänger der Sonne an einem Märztag 218 Rom endlich erreicht hatte, reckte er dem Sitz Cäsars und Augustus‘ demonstrativ den verlängerten Rücken entgegen. Wir erinnern uns deutlich: Als Donald Trump 2016 das Weiße Haus eroberte, wollte er Amerika nicht nur "wieder groß machen" – es sozusagen machtvoll aufrichten. Er ruhte nicht, bis er die Funktionseliten in Washington und darüber hinaus wirkungsvoll vor den Kopf gestoßen hatte. Er, Trump, vertrat – und vertritt noch bis übermorgen Mittwoch – laut eigener Auffassung das "wahre", eigentliche Amerika.

Lüsterner Rebell

Heliogabal tat, durch die Brille Artauds gesehen, nichts Geringeres: Er trat im Namen uralter Menschheitsprinzipien, im Auftrag der Sonne und eines ständig erneuerten Fruchtbarkeitskults, als lüsterner Rebell auf. Er warf die lateinisch geregelte, immer stärker von der christlichen Moral geprägte Kultur des Imperiums als Spötter in den Staub. Vor allem aber zerrüttete er sie mit kalkulierten Proben einer schier unüberbietbaren Vulgarität. Dieser Kaiser, der mit zarten 14 Jahren den Thron bestieg, entließ nicht etwa nur den Chef seiner zeitgenössischen Nachrichtendienste. Er ernannte einen Balletttänzer zum Anführer seiner Palastgarde.

Schlimmer noch: Er "verweiblichte" die Kolonnen der Funktionsträger und ersetzte Senatoren konsequent durch Frauen (heute wüsste man ihm Dank dafür!). Die Eignung für römische Ministerposten machte er abhängig von der Länge des jeweiligen Glieds. Die Plebejer freilich, die Vertreter des einfachen Volks, konnten ihm nichts Schlechtes nachsagen: Er ließ für sie abgeschnittene Pimmel vom Himmel regnen und versorgte sie ansonsten mit sehr viel Brot und noch mehr Spielen.

Zieht man von seiner kurzen Regierungszeit (bis 222) die antiken Gewaltexzesse ab, so ergibt sich für Heliogabals subversive Regierungszeit eine verblüffende Bilanz. Der kleinasiatische Despot, der selbst gerne Frauenkleider trug und sich bevorzugt als Wiedergänger der Göttin Venus lüstern ausstaffierte, rüttelte wie ein Irrsinniger an den Säulen der Zivilisation. Die antiken Geschichtsschreiber rümpften über den Emporkömmling indigniert die Nase. Prompt kosteten sie den Umstand aus, dass der Aufsteiger in Roms Latrinen einen ebenso schmählichen wie eben gewaltsamen Tod fand. Heliogabal besaß unzweifelhaft das, was man eine "schlechte Presse" nennt.

Wirrer Kopf mit Tiara

Mit Donald Trump, dem Streiter gegen "Fake News", verbindet den Spross der sengenden Sonne nicht etwa die Tendenz zur Androgynität. Bassianus Avitus, genannt Heliogabal, stieg wie eine beunruhigende Macht aus den unterirdischen Bezirken der Gestaltlosigkeit empor. Aus ihm sprach, dunkel und sonor, das Bedürfnis nach Reinigung durch Exzess. Er besaß keinen gelben Haarschopf, sondern trug auf dem wirren Kopf eine Sonnentiara mit Widderhorn. Vor allem aber negierte der "päderastische König, der Frau sein wollte" (so Artaud in "Heliogabal") mit unerbittlicher Konsequenz die vorgefundene Ordnung.

Darin bestand Heliogabals durchaus zeitgenössisch anmutender Skandal: Als Abgesandter einer "authentischen" Natur- und Himmelsmacht machte er den Politzirkus seiner Zeit – mindestens in den Augen der Armen und Abgehängten – abgrundtief lächerlich.

Hinweise auf diese oder jene staatsmännische Notwendigkeit schlug der "Anarchist auf dem Thron" leichthin in den Wind. Womöglich bestand, mit all seinen demokratiegefährdenden Zügen, in einem solchen karnevalesken Aufweis Donald Trumps zeitweiliges "Verdienst": Indem er an einem Tag das eine behauptete und am nächsten dessen komplettes Gegenteil realisierte, reihte er sich ein in die Reihe der großen Aufrührer, die sich mit Wonne am Alltagsverstand vergehen. Auch Lenin sagten manche nach, er sei praktizierender Dadaist gewesen: ein Verfechter blühenden Unsinns. Heliogabal versank, von Verschwörern gehetzt, im Loch eines Abtritts. Donald Trump versenkt, während Joe Biden inauguriert wird, Bälle in sehr viel kleineren Löchern. (Ronald Pohl, 18.1.2021)