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Das Märchen der Cleveland Browns ist zu Ende. Im ersten Spiel des Sonntagabends musste sich die vormals chronisch erfolgslose Franchise den Kansas City Chiefs geschlagen geben. Der Super Bowl-Sieger des Vorjahrs zeigte sich nach der zusätzlichen Bye-Week ausgeruht und alles andere als rostig: Von Beginn an führte Quarterback Patrick Mahomes (255 Yards, 21/30, TD) seine Offensive gnadenlos über das Feld, den ersten Drive schloss er selbst per Rushing-Tochdown ab.

In dieser Tonart ging es offensiv auch weiter – im zweiten Drive fand Mahomes seinen Tight End-Superstar Travis Kelce (acht Receptions, 109 Yards, TD), der die Führung der Chiefs auf 13:3 zu Beginn des zweiten Viertels ausbaute. Mahomes spielte angeschlagen, verletzte sich am linken Fuß, biss aber die Zähne zusammen und humpelte sogar selbst zu First Downs. Diverse Strafen seiner Offensive-Line und der daraus resultierende Raumverlust konnten Mahomes nicht aus der Ruhe bringen, mit Leichtigkeit fand er regelmäßig Tyreek Hill (acht Receptions, 110 Yards), der die Defensive Backs und Linebacker der Browns wie Nachwuchsspieler aussehen ließ. Dennoch – ein Stopp sollte den Browns noch in der ersten Hälfte gelingen, Chiefs-Kicker Butker blieb diesmal cool und baute die Führung auf 16:3 aus.

Baker Mayfield (204 Yards, 23/37, TD, INT) und seine Offensive versuchten mit den bewährten Mitteln dagegenzuhalten: Das Laufspiel um Nick Chubb (13 Carries, 69 Yards) und Kareem Hunt (sechs Carries, 32 Yards, TD) sollte etabliert, per Play-Action-Pässen die Receiver angespielt werden. Letzteres gelang auch in der Anfangsphase relativ gut, Mayfield fand seine Mitspieler immer wieder für großen Raumgewinn. Allerdings standen sich die Browns auch selbst im Weg – so gut Chubb mit dem Ball rennen kann, so sehr ließen ihn auch seine Hände im Stich. Mehrere einfach zu fangende Bälle wurden vom Runningback fallen gelassen. Zudem wurden vermeidbare (Holding-)Strafen verursacht. Dass direkt im ersten Drive auch noch Rookie-Left Tackle Jedrick Wills verletzungsbedingt ausfiel, machte die Sache darüber hinaus auch nicht leichter.

Aber Mayfield und seine Mannen spielten mit Herz auf, konnten immer wieder Lücken in den Defensivreihen der Chiefs finden und kurz vor der Pause auch an der Endzone anklingeln. Bis das brown’sche Schicksal wieder zuschlug und Receiver Rashard Higgins (fünf Receptions, 88 Yards) wenige Zentimeter vor dem Überqueren der touchdownbringenden Linie das Ei (wohl regelwidrig) aus den Händen geschlagen wurde. Der Ball flog aus dem Feld hinaus – statt möglichen sieben Punkten für Cleveland gab es Ballbesitz für Kansas City und weil Mahomes ein Mann mit Zeitdruck ist, führte er sein Team noch zu einem weiteren Field Goal, das den 19:3 Pausenstand markierte.

Das Drama um Mahomes

Cleveland bekam zum Start der zweiten Hälfte den Ball und wollte schnelle Punkte aufs Board bringen. Mayfields Offensive startete tief in der eigenen Hälfte und musste nach einem Big Play von Chiefs-Safety Tyrann Mathieu schon wieder zusammenpacken – Interception. Die Defensive hielt aber, Kansas City musste wieder die Field Goal-Unit aufs Feld schicken und abermals zusehen, wie Harrison Butker einen Kick vergab. Der Pick blieb also unbestraft. Die Verletzungssorgen der Browns wurden aber nicht kleiner, Left Tackle-Backup Kendall Lamm musste wie auch Pass-Rush-Maschine Myles Garrett behandelt werden.

Der folgende Drive brachte dann den Lichtblick: Sowohl Nick Chubbs Laufspiel als auch Mayfields Passspiel klickte, die Browns kamen durch Jarvis Landry (sieben Receptions, 20 Yards, TD) zu ihrem ersten Touchdown. Und die Partie wurde noch einmal enger.

Waren bisher nur die Browns von Verletzungen von Schlüsselspielern betroffen, folgte Mitte des dritten Viertels der Schockmoment auf Seiten der Chiefs: Pat Mahomes steckte einen harten Hit ein und zog sich dabei eine Gehirnerschütterung zu. Die Partie war für den ehemaligen MVP damit gelaufen, Chad Henne musste übernehmen und Harrison Butker baute den Vorsprung auf 22:10 aus.

Die Browns wollten die Gunst der Stunde ausnützen und von Mahomes Ausfall schnell profitieren. Mayfield blieb cool, führte zusammen mit Ex-Chief Kareem Hunt sein Team über das Feld und zu einem weiteren Touchdown. 22:17, eine weit offene Partie elf Minuten vor Schluss.

Henne-Time

Dass Chad Henne in der Schlusswoche der Regular Season den Start bekommen hat, hätte sich eigentlich als Glücksfall herausstellen sollen. Der Veteran attackierte die Defensive der Browns aggressiv und fand so auch immer wieder Passabnehmer für größeren Raumgewinn. Bis er es etwas zu gut meinte und einen tiefen Ball ins Niemandsland warf – und nur einen Verteidiger der Browns fand. Cleveland damit wieder in Ballbesitz, acht Minuten noch zu spielen, nur fünf Punkte Rückstand – und keine weiteren Punkte im folgenden Drive.

Henne also noch einmal mit seiner Offensive auf dem Feld. Kansas City versuchte so viel Zeit wie möglich von der Uhr zu nehmen, Cleveland verbrannte schon vor der Two-Minute-Warning sämtliche Timeouts. Ein Stopp musste her, wenn die Browns noch eine Chance auf das AFC Championship-Game haben wollten. Myles Garrett, der angeschlagen weiterspielte, brach zu Henne durch und konnte ihn zu Boden reißen. Henne musste 14 Yards überwinden – und lief exakt genau so viel. Ein vierter Versuch, ein paar Zentimeter fehlten noch zum Sieg. Ein Pass von Henne (66 Yards, 6/8, INT) – ein Catch von Hill – der Sieg für die Chiefs. Chiefs-Head Coach Andy Reid entschied die Partie mit einem hervorragenden Schlusscall.

Kansas City trifft also im AFC Championship-Game auf die Buffalo Bills und muss hoffen, dass Patrick Mahomes rechtzeitig fit wird. Für die Cleveland Browns geht eine starke Saison ein wenig bitter zu Ende – dennoch darf man auf die gezeigten Leistungen stolz sein.

Brady vs. Brees (zum letzten Mal)

Die Tampa Bay Buccaneers trafen im letzten Divisional-Playoff auf die New Orleans Saints. Ein letztes Mal also noch Tom Brady gegen Drew Brees, ein Gigantenduell, das den Namen auch verdient. In der Regular Season behielten in den beiden Aufeinandertreffen die Saints die Überhand, Bradys Bucs waren also auf Revanche aus.

Das funktionierte zunächst nicht. Tampas Offensive begann, musste sich aber nach drei Spielzügen schon wieder vom Feld verabschieden. Umgekehrt machten die Saints sofort alles besser – durch einen starken Punt-Return von Deonte Harris starteten die Saints direkt an der gegnerischen 21-Yard Linie. Durch eine Strafe kam man zu einem First Down, insgesamt schaute aber nicht mehr als ein Field Goal durch Will Lutz heraus.

Neben den Altmeistern standen vor allem auch die Defensivverbände beider Mannschaften im Mittelpunkt. Beide Teams können starke Einheiten vorweisen, jene der Saints konnte Tom Brady auch gleich in seinem zweiten Drive sacken und zu einem weiteren Three-and-Out zwingen. Wieder wurde gepuntet, wieder trug Deonte Harris den Ball zurück. Und wieder kam er zu großem Raumgewinn, jubelte sogar schon in der Endzone. Durch eine Strafe wurde der vermeintliche Touchdown aber zurückgenommen, Brees übernahm an der eigenen 30 Yard Linie. Auch wenn die Bucs den Saints das Leben schwer machten, drang New Orleans bis an die gegnerische 31 Yard-Linie. Drei Versuche später stand wieder Kicker Will Lutz am Feld und baute die Führung auf 6:0 aus. Viel mehr passierte im ersten Viertel nicht.

Ganz im Gegensatz zu Abschnitt zwei: Brady brachte sein Team zu einem Field Goal und damit auch erstmals aufs Scoreboard. Brees wollte schnell antworten, warf aber seine erste Interception (Sean Murphy-Bunting) des Abends. Tampas Offensive startete in vielversprechender Feldposition und Brady fand seinen Receiver Mike Evans (eine Reception, drei Yards, TD) – der sich erstmals von seinem ständigen Schatten Marshon Lattimore lösen konnte – zum Touchdown. Der Defensivriegel der Bucs ließ Saints-Head Coach Sean Payton kreativ werden. Durch ein Trickplay und einen Pass von 30-for-30-QB Jameis Winston (1/1, 56 Yards, TD) auf Tre’Quan Smith (drei Receptions, 85 Yards, zwei TDs) holten sich die Saints abermals die Führung. Tampa glich noch per Field Goal zum 13:13 Pausenstand aus.

New Orleans bekam nach Seitenwechsel den Ball und zeigte sich motiviert. Brees schloss einen 75 Yard-Drive zum Touchdown auf Tre’Quan Smith ab. Gleichzeitig hielt die Defensive der Saints anschließend, Tampa wurde zum Punten gezwungen. In einem vielversprechend anmutenden Drive der Saints, war es Tight End Jared Cook, der das Momentum von New Orleans in Richtung Tampa Bay bugsierte. Ein erzwungener Fumble von Rookie Antoine Winfield Jr. bzw. aufgenommen von Devin White (elf Tackles, eine INT) sorgte für die Vorarbeit für den anschließenden Touchdown durch Runningback Leonard Fournette (17 Carries, 63 Yards + fünf Receptions, 44 Yards, TD).

Die Offensive der Saints stagnierte in der entscheidenden Spielphase. Drew Brees (19/34, 134 Yards, TD) warf insgesamt drei Interceptions. Zu viel um Tom Brady (18/33, 199 Yards, zwei TDs) stoppen zu können – auch wenn der 43-Jährige nicht seine beste Partie zeigte. Das Spiel entschied er dennoch mit einem Quarterback-Sneak zum 30:20 Endstand.

Die Ära Drew Brees dürfte also zu Ende gehen, die Stimmen nach einem Rücktritt nach der Saison wurden in den vergangenen Tagen und Wochen immer lauter. Man hätte ihm noch einen zweiten Auftritt in einem Super Bowl gegönnt, allerdings stimmte dafür die Leistung seiner Offensive nicht. Receiving-Superstar Michael Thomas wurde von der Bucs-D komplett aus dem Spiel genommen, er fing keinen einzigen Ball und war dementsprechend überhaupt kein Faktor für die Saints.

Tampa schaffte die Revanche gegen New Orleans im entscheidenden Aufeinandertreffen und fährt nun kommende Woche ins verschneite Wisconsin, wo Aaron Rodgers schon auf Tom Brady wartet. Diese Partie gab es in Woche sechs schon, als die Bucs zu Hause einen deutlichen 38:10 Sieg einfahren konnten. Wiederholung möglich, aber eher unwahrscheinlich ob der aktuellen Form Green Bays. Aber Tom Brady wäre nicht Tom Brady, wenn er nicht auch noch in Wisconsin auf Raubzug gehen würde. (Martin Senfter, 19.1.2020)