Eine Unternehmensgründung wie Tesla würde in Österreich bald bei der Finanzierung an ihre Grenzen stoßen.

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Das Börsenjahr 2020 war eine Achterbahnfahrt, auf den Corona-Crash folgte ein Börsenhype. Großes Aufsehen erweckten der E-Auto-Bauer Tesla und der deutsche Corona-Vakzin-Hersteller Biontech. Die beiden Unternehmen sind Beispiele für (ehemalige) Start-ups aus dem aufstrebenden Tech- und Healthcare-Sektor, die an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistet sind und dort mittlerweile eine beträchtliche Marktkapitalisierung aufweisen. Angesichts solcher Vorbilder stellen sich viele die Frage: Könnten Wachstumsunternehmen auch in Österreich – bzw. mit österreichischer Börsennotiz – so erfolgreich werden?

Das erforderliche Know-how wäre zweifelsohne vorhanden. Doch die Gründer hätten vermutlich mit der Unternehmensfinanzierung zu kämpfen gehabt. Im Unterschied zu den sehr erfolgreichen heimischen Hidden Champions sind bei Unternehmen wie Biontech und Tesla viel höhere Investments erforderlich. Obwohl in Österreich in der jüngeren Vergangenheit sowohl zahlreiche Start-up-Fonds entstanden sind als auch die öffentliche Hand zunehmend investiert, sind vor allem große Anschlussfinanzierungen schwierig. Häufig müssen internationale Kapitalgeber beispielsweise aus den USA aushelfen, wo die Venture-Capital-Fonds mit den Silicon-Valley-Investments mitgewachsen sind und riesige Fondsvolumen verwalten.

Börsenlisting an der Nasdaq

Ein weiterer wichtiger Eckpfeiler der Finanzierung von Wachstumsunternehmen ist der Kapitalmarkt. Biontech etwa hat sich 2019 für ein Börsenlisting an der Nasdaq in New York entschieden, weil dort mehr risikobereite Investoren mit Kenntnissen der Biotechnologie ansässig sind. Die Finanzierungsmöglichkeiten über die österreichische Börse sind hingegen beschränkt.

Vor diesem Hintergrund muss man wohl zu dem Schluss kommen, dass Unternehmen wie Biontech oder Tesla bei einer Gründung in Österreich kaum ohne Kapitalzufuhr ausländischer Investoren und ausländisches Börsenlisting ausgekommen wären. Dies ist nicht ideal, geht so doch die Unternehmenskontrolle ins Ausland, verbunden mit der Gefahr einer vollständigen Betriebsabwanderung.

Unterschiedliches Pensionssystem

Ein Grund für den starken US-amerikanischen Kapitalmarkt ist das dortige Pensionssystem. Zusätzlich zur (geringen) staatlichen Pension sind Amerikaner auf Pensionsfonds angewiesen, die nach dem sogenannten "Kapitaldeckungsverfahren" Beiträge der Versicherten am Kapitalmarkt anlegen. In Österreich dominiert das staatliche Pensionssystem, in dem nach dem Umlageverfahren die eingezahlten Beiträge unmittelbar zur Finanzierung der Leistungsberechtigten herangezogen werden. Im Rahmen des Dreisäulenmodells gibt es jedoch auch hierzulande eine zusätzliche betriebliche Pensionsvorsorge (zweite Säule), wo Pensionskassen mit Kapitaldeckungsverfahren zum Einsatz kommen.

An dieser Stelle soll natürlich keine Lanze für das US-amerikanische Pensionssystem gebrochen werden, doch bedroht der demografische Wandel das staatliche Umlageverfahren; im Jahr 2040 kommen voraussichtlich nur noch zwei Einzahler auf einen Pensionisten. Das spricht dafür, die betriebliche und private Altersvorsorge weiter auszubauen.

Interessantes dänisches Modell

Eine weitere interessante Frage ist, wie heimische Pensionskassen das verwaltete Vermögen anlegen. Investitionen in Venture-Capital-Fonds wären grundsätzlich zulässig, doch wird davon kaum Gebrauch gemacht, weil Pensionskassen in ihrem Risikomanagement in ein sehr enges Korsett geschnürt sind. Dafür besteht etwa in Dänemark ein interessantes Modell, das es institutionellen Investoren – Pensionskassen, Vorsorgekassen und Versicherungen – erleichtert, Geld in Wachstumsunternehmen anzulegen. Dort wurde ein spezieller Dachfonds (Vaekstfonden) etabliert, bei dem der Staat Ausfallhaftungen für Start-up-Investitionen übernimmt und im Gegenzug einen Teil der Fondsrendite erhält. Der Dachfonds investiert einerseits in andere Venture-Capital-Fonds, andererseits direkt in ausgewählte Start-ups. Je nach Risikobereitschaft können Institutionelle in eine Junior-Tranche mit höherer Renditeerwartung (aber auch höherem Ausfallrisiko) oder eine weniger riskante Senior-Tranche (mit geringerer Rendite) investieren.

Deutschland hat kürzlich mit einem Zukunftsfonds nach dänischem Vorbild nachgezogen. Letzter Stand der Diskussion hierzulande ist, dass im Dezember 2020 ein Entschließungsantrag zur Einrichtung eines Wachstumsfonds Österreich in den Nationalrat eingebracht wurde.

Steuerzuckerl im Regierungsprogramm

Bei der Förderung von Wachstumsunternehmen spielen auch steuerliche Anreize eine Rolle. Die Interdependenz zeigt ein historischer Blick in die USA, wo Steuersenkungen Ende der 1980er-Jahre zu einer beträchtlichen Steigerung des Venture-Capital-Investitionsvolumens geführt haben. In diesem Sinn hat sich auch die österreichische Bundesregierung in ihrem Regierungsprogramm das Ziel gesetzt, Risikokapital durch großzügigere steuerliche Verlustverrechnungsmöglichkeiten zu mobilisieren. Auch die steuerliche Absetzbarkeit von Anschub- und Wachstumsfinanzierung bis zu 100.000 Euro nach Vorbild des erfolgreichen britischen Seed Enterprise Investment Scheme (SEIS) wurde angepeilt.

Auch wenn die Budgetbelastung durch die Corona-Staatshilfen in den nächsten Jahren kaum Raum für Steuererleichterungen geben wird, sollte nicht auf die angepeilten Maßnahmen vergessen werden – handelt es sich bei Wagniskapital doch um eine Investition in die Zukunft und können so auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Erleichterter Börsenzugang

Zur Förderung des Börsenplatzes Wien ist noch wichtig, dass – nach entsprechender vorbörslicher Finanzierung – für Anleger attraktive Wachstumsunternehmen in den ATX aufsteigen. Dafür wurde mit dem Direct-Market-plus-Segment bereits 2019 ein erleichterter Börsenzugang für KMUs geschaffen.

Es bleibt zu hoffen, dass Österreich die bereits eingeleiteten oder angepeilten Maßnahmen zur Förderung von Wagniskapital und des Finanzplatzes weiter forciert, um die Finanzierungssituation für innovative Wachstumsunternehmen zu verbessern. Auf diese Weise sollten in Zukunft mit heimischem Kapital finanzierte und in Österreich gelistete Unternehmen à la Biontech oder Tesla möglich sein. (Karl Wörle, 19.1.2021)