Entscheidend für den Gemütszustand ist die klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Für viele ist das im täglichen Homeoffice aber nicht mehr möglich – wie eine Umfrage der Uni Wien belegt.

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In Österreich, Deutschland und der Schweiz werden 64 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Schmerzen im Bereich Rücken, Muskulatur oder Kopf geplagt. Ursache: der ergonomisch schlechte Arbeitsplatz daheim.

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Und ganz plötzlich ist er da, der Rückenschmerz. Völlig unbemerkt hat er sich nach und nach eingeschlichen. Massiv sind seine Auswirkungen. Der Grund dafür ist das Arbeiten im Homeoffice. Denn Bewegungsmangel, ständiges Sitzen und eine nicht-ergonomische Arbeitsumgebung können zu langanhaltenden Schäden des Bewegungsapparates führen.

Rückenschmerzen sind aber ohnehin schon seit Jahrzehnten die Volkskrankheit Nummer eins – und das über alle Bevölkerungsschichten, Alters- und Berufsgruppen hinweg. Wer zusätzlich unter ständigem Druck steht und mit Sorgen zu kämpfen hat, neigt schneller zu Verspannungen. Das Ergebnis: chronische Schmerzen, kaputte Bandscheiben bis hin zu Kiefer- oder Zahnproblemen.

Arbeiten "von früh bis spät"

Die Ursachen für die Entstehung solcher Schmerzen sind vielfältig. Neben mangelnder Bewegung, Fehlhaltungen und einseitiger Belastung spielt vor allem das persönliche Umfeld am Arbeitsplatz und zu Hause eine entscheidende Rolle. Während der erste Lockdown zu einer Renaissance des Spazierengehens führte, machen nunmehr Ausgangsbeschränkungen, Kontaktreduktion, ständige Erreichbarkeit, der fehlende emotionale Ausgleich durch Sport Körper und Geist krank.

Für viele ist eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit überhaupt nicht mehr möglich, das belegt eine Umfrage des Instituts für Soziologie der Universität Wien. Knapp 500 Personen, die seit April letzten Jahres im Homeoffice sind, wurden dazu befragt. Den Studienautoren zufolge bedeutet das für 57 Prozent der Arbeitnehmer ein Arbeiten "von früh bis spät".

"New Work"

Die Corona-Pandemie hat Österreich in ein Land des Homeoffice verwandelt, lautet das Fazit einer Umfrage des Gallup-Instituts vom Dezember. Rund 42 Prozent der Arbeitnehmer geben an, 2020 zu Hause gearbeitet zu haben. "Wie in anderen Lebensbereichen hat die Corona-Krise auch in der Arbeitswelt die bestehenden Trends beschleunigt", erläutert Institutsleiterin Andrea Fronaschütz. "New Work" ist zwangsläufig zur Realität geworden und scheint sich als Wunschmodell der Zukunft zunehmend durchzusetzen. Doch was bedeutet das letztendlich für unsere Gesundheit?

Einer Studie des Büromöbelherstellers Aeris mit 2.000 Teilnehmern zum Thema "Arbeiten im Homeoffice" in Österreich, Deutschland und der Schweiz zufolge plagen 64 Prozent der Arbeitnehmer Schmerzen im Bereich Rücken, Muskulatur oder Kopf. Die Gründe sind überwiegend in der Gestaltung des Arbeitsplatzes zu finden. Denn nur gut jeder zweite Homeworker (56 Prozent) verfügt über ein eigenes Arbeitszimmer, während der Rest an Ess-, Küchen- oder Wohnzimmertischen sowie in Schlaf- und Gästezimmern improvisieren muss.

Zudem müssen sich berufstätige Paare oft ein Arbeitszimmer teilen, sich bei der Nutzung abwechseln, nebenbei mit Homeschooling und Kinderbetreuung jonglieren. Hinzu kommt, dass mehr als jeder zweite Arbeitnehmer mit Homeoffice-Erfahrung darüber klagt, dass sein Arbeitsplatz sowohl technisch (53 Prozent) als auch in Sachen Büromöbel (54 Prozent) deutlich schlechter ausgestattet ist als der Arbeitsplatz im Unternehmen. Jeder dritte Arbeitnehmer wünscht sich auch für zu Hause ergonomische Bürostühle oder höhenverstellbare Schreibtische.

Wenn zu Hause sein krankmacht

Von Jänner bis Februar finden dieses Jahr die nunmehr 20. Österreichischen Schmerzwochen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) statt. Auch sie richten den Fokus gezielt auf die Thematik Rückenschmerz. Neben Bewusstseinsbildung will man an die politischen Entscheidungsträger appellieren, die Versorgung von Schmerzpatienten zu verbessern. 26 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren – somit 1,9 Millionen Menschen in Österreich – leiden laut der Gesundheitsbefragung der Statistik Austria unter chronischen Kreuzschmerzen oder einem anderen chronischen Rückenleiden.

"80 Prozent der Rückenschmerzen sind unspezifisch", erklärt Rudolf Likar, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft. 20 Prozent seien Rückenschmerzen mit spezifischen Ursachen wie einem Bandscheibenvorfall oder anderen klar feststellbaren organischen Ursachen. Für die Veranstalter ist das entsprechend "ein Problem von größter Bedeutung".

Im Rahmen einer Untersuchung kam man in Wien auf direkte Behandlungskosten, welche chronische Schmerzzustände verursachen, in Höhe von rund 880 Millionen Euro im Jahr. Etwa 174 Millionen Euro dürften allein auf chronische unspezifische Rückenschmerzen zurückzuführen sein. "Chronische unspezifische Schmerzen im unteren Rückenbereich sind leider sehr schwer zu behandeln und führen weltweit zu mehr Behinderungen als jede andere Krankheit", berichtet auch der Mediziner Stefan Neuwersch-Sommeregger vom Klinikum Klagenfurt am Wörthersee.

Die Pandemie habe zusätzlich auch noch negative Auswirkungen auf die Versorgung von Schmerzpatienten. "Covid-19 beeinträchtigt unsere Schmerzpatienten. Die Gefahr ist groß, dass es zu einer Chronifizierung kommt", erklärt ÖSG-Vizepräsidentin Waltraud Stromer. Einschränkungen in der Krankenversorgung insgesamt könnten sich auch auf diesem Gebiet massiv auswirken.

Wenn's mehr als nur zwickt

Wie negativ sich Remote-Work vom Sofa oder Esstisch aus auf orthopädische Leiden auswirken kann, bestätigen auch Ulrike Mühlhofer und Stephanie Arbes-Kohlert von der Orthopädie und Traumatologie Simmering. Sie sprechen konkret von Handydaumen, Laptopnacken und Mausarm: "Wir beobachten derzeit verstärkt Patientinnen und Patienten mit muskulären Problemen, verursacht durch Homeoffice. Stundenlanges Sitzen vor einem Tisch, der als Ess- und nicht als Schreibtisch gebaut wurde, ist für den Körper nicht ideal", betonen sie. Gleiches gelte auch für die Arbeit vom Sofa aus. "Hier sinkt man im Unterschied zu einem ergonomisch geformten Schreibtischsessel ein. Bei stundenlangem Sitzen eine Tortur für die Wirbelsäule", erklärt Mühlhofer.

Der Gang ins Fitnessstudio bleibt auch in den kommenden Wochen verwehrt. Dabei ist gerade ein gezieltes Krafttraining für die Rückenmuskulatur so wichtig. Während der Besuch beim Physiotherapeuten während des ersten Lockdowns nur beschränkt möglich war, kann man sich mittlerweile bei Kassen- oder privaten Anbietern per Verordnung wieder Hilfe holen. Die kassenfinanzierten Institute, also jene, bei denen die Behandlungskosten zur Gänze von den Versicherungen getragen werden, sind aktuell aber ausgelastet. "Wir können sie auf die Warteliste setzen. Die Wartezeit liegt derzeit aber bei etwa vier bis acht Wochen. Sollte vorher ein Termin frei werden, müssten sie binnen einer Stunde bei uns sein", heißt es beispielsweise bei einem ÖGK-Anbieter in Wien-Hietzing. Für Berufstätige kaum machbar.

Rechtzeitig etwas tun

In der Regel können bei starken Beschwerden, ausgelöst durch einseitige Belastung, oftmals Sportmassagen helfen. "Einmal so richtig durchkneten, das hält bei den meisten dann wieder für ein oder zwei Wochen", erzählt Stefan Bürkle, Sportmasseur und Personal Trainer im dritten Bezirk in Wien. "Die voranschreitende Digitalisierung macht uns träge. Wir können alles von zu Hause aus erledigen. Unser Körper gewöhnt sich daran, und dann beginnt auch schon die Abwärtsspirale", erzählt er aus Erfahrung. "Den Schweinehund überwinden macht man nur noch dann, wenn es Schmerzen gibt. Und dann landet man schlussendlich in meiner Praxis", heißt es weiter.

Aktuell wäre deshalb die Nachfrage in seiner Sportpraxis stark gegeben. Allerdings sind seine Leistungen im Zuge des dritten Lockdowns für Patienten nicht zugänglich. Denn während Heilmassagen im Zuge der Heilberufe erlaubt und deshalb meist ausgebucht sind, werden private Anbieter wie Sporttherapeuten, Masseure oder Personal Trainer mit der Friseur- und Kosmetikbranche in einen Topf geworfen. Für Bürkle unverständlich, da gerade jetzt der Bedarf so massiv gegeben sei und Hygiene- oder Abstandsregeln gut einzuhalten wären. (Julia Palmai, 31.1.2021)