Inauguration 2009: Barack Obama poliert mit seiner Frau Michelle das Parkett, Beyoncé singt "At Last". Die Pandemie macht Tuchfühlung heute aber weitgehend unmöglich.

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Die Schultern waren kalt wie der Jänner. Als die Organisatoren der Inauguration Donald Trumps vor vier Jahren versuchten, große Namen aus dem Pop- und Entertainment-Business zu akquirieren, wurden sie seriell abserviert. Am Ende konnte Trumps Hofstaat mit viel Mühe ein paar Emporkömmlinge aus Talentshows aufbieten, dazu die Band 3 Doors Down, den Countrysänger Toby Keith und einen schlecht beratenen Soul-Veteranen: Sam Moore. Die überlebende Hälfte des Duos Sam and Dave (Hold On, I’m Comin’ ...) musste sich aus der schwarzen Community einiges anhören, weil er seine Eitelkeit über die Haltung gestellt hatte.

Bei der heute stattfindenden Inauguration Joe Bidens zum 46. Präsidenten der USA ist vieles anders. Lady Gaga wird die Hymne singen, Bruce Springsteen ist dabei, die Foo Fighters, John Legend, Bon Jovi, Justin Timberlake, Jennifer Lopez und, und, und. Niemand ließ sich lange bitten, die Frage lautete bloß: Wie organisiert man eine nationale Feier in Zeiten von Corona? Es wird ein TV-Special geben, das der Schauspieler Tom Hanks moderiert. Selbst wenn die musikalischen Beiträge bloß aus der Distanz zugespielt werden, besitzt die Festlichkeit Symbolkraft.

Denn spätestens ab der Amtseinführung von John F. Kennedy 1961 gilt die Zeremonie mit Ansprachen, Paraden, dem Eid und dem abendlichen Inaugurationsball als Indiz für die gesellschaftliche Positionierung des neuen Staatsoberhaupts. JFK nutzte die Popularität von Stars aus der Unterhaltungsindustrie für sich und seine politische Agenda – und gilt rückwirkend als so etwas wie der erste Popstar unter den US-Präsidenten.

Prominenz in der Pflicht

Zur Zeit einer erstarkenden Bürgerrechtsbewegung war es ein wichtiges Signal, dass mit Ella Fitzgerald, dem Schauspieler Sidney Poitier und Harry Belafonte gleich drei der größten schwarzen Mainstream-Stars ihrer Zeit eingeladen waren und auftraten. Belafonte war einer der Ersten, die die Prominenz von Hollywood für die Anliegen der Bewegung in die Pflicht nahmen, sie finanzierten und die Kennedys von ihrer Wichtigkeit überzeugten. Dass mit Frank Sinatra auch jemand zugegen war, dem Kontakte zur Mafia nachgesagt wurden, sollte nach Kennedys Ermordung 1963 Spekulationen bezüglich der Hintermänner des Attentats in diese Richtung befeuern.

Mit Kennedy begann so etwas wie eine Tradition, die vor allem die Republikaner mit ihrem Insistieren auf Darbietungen aus der klassischen Musik etwas altbacken dastehen ließ. Dabei war es die Frau eines Republikaners, die diese Veranstaltung als Erste als einen gesellschaftlichen Event inszenierte: Dolley Madison organisierte 1809 den ersten Inaugurationsball in Washington, ihr Mann James Madison war der vierte US-Präsident.

Ronnie und Ray

Das änderte sich erst mit dem Republikaner Ronald Reagan. Als Zeremonienmeister agierte bei dessen Amtseinführung 1981 der Showmaster Johnny Carson, Witze erzählte Bob Hope, wieder war Frankie Sinatra dabei, Ray Charles sang America the Beautiful.

Nach zwölf Jahren republikanischer Herrschaft und der Dezimierung der US-amerikanischen Mittelschicht war es Bill Clinton, der sich 1992 anschickte, die Bruchlinien innerhalb der USA zu kitten. Unter der Leitung von Quincy Jones wurde die Feierlichkeit im Jänner 1993 ein Spektakel. Von Aretha Franklin und Michael Bolton über Michael Jackson bis zu Bob Dylan, von Kenny Rogers bis Diana Ross reichte die Prominenz. Etta James war da, Luther Vandross, Linda Ronstadt, Michelle Shocked. Und Bob Weir von den Grateful Dead sang einen Song, den er extra für Clintons Vorgänger geschrieben hatte, für George Bush: I Won’t Cry Much When You Go.

Clinton am Saxofon

Clinton selbst griff zum Saxofon und schunkelte im Reigen der Stars, als diese We Are the World sangen. Clinton sorgte in der Folge dafür, dass während seiner Präsidentschaft immer wieder Konzerte vom und im Weißen Haus veranstaltet wurden. Das behielt sogar George W. Bush bei. Doch der erst seit Donald Trump als Intellektueller geltende Texaner genoss, wie so viele Republikaner vor ihm, nicht das höchste Ansehen in der Unterhaltungswelt.

Diese kam in Massen wieder, als Barack Obama der erste afroamerikanische Präsident wurde. Ihm zu Ehren sang Beyoncé 2008 die von Etta James definierte Ballade At Last. Ein Lied als Erfüllung einer Hoffnung.

Obama und seine Frau Michelle polierten dazu im Engtanz das Parkett. Stevie Wonder saß im Saal, Bruce Springsteen, Mary J. Blige, Aretha Franklin, Jay-Z und der später sich selbst als Präsident ins Spiel bringende Rapper Kanye West. Magic Johnson, Muhammad Ali, Oprah Winfrey, Steven Spielberg – die Villen von Beverly Hill standen an dem Abend weitgehend verwaist. Heute werden die meisten Stars das Ritual am Schirm verfolgen.

Die Straßen vor dem Kapitol sind abgeriegelt, in den Hotels, die sonst von Besuchern ausverkauft sind, wohnen zurzeit Angehörige der Nationalgarde. Nach dem Sturm auf das Kapitol scheint im Land der unbegrenzten Möglichkeiten alles möglich zu sein. Das soll mit allen Mitteln verhindert werden. (Karl Fluch, 20.1.2021)