Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank liegt bei knapp unter zwei Prozent.

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Das Corona-Jahr 2020 war auch für Statistiker kein einfaches. Denn Lockdowns bedeuten nicht nur, dass ein guter Teil der Händler und Dienstleister zusperren oder ins Internet wandern muss. Ob Kulturveranstaltungen oder eine Nacht im Hotel: Es gibt im Lockdown für viele Produkte keine Preise. Statistiker mussten schätzen.

Die Experten der Statistik Austria haben genau das getan und am Mittwoch die Jahresinflation für das vergangene Krisenjahr veröffentlicht. Lag die Teuerung 2019 in Österreich durchschnittlich noch bei 1,5 Prozent, sank sie 2020 leicht auf 1,4 Prozent. Waren des täglichen Bedarfs wurden 2020 allerdings um 2,9 Prozent teurer, wie Statistik-Austria-Chef Tobias Thomas am Mittwoch mitteilte. Die Dezember-Inflation lag bei 1,2 Prozent.

Wohnungsmieten stiegen stärker als die Inflation. Damit schreiben sie einen Trend vor, den Ökonomen bereits seit einigen Jahren beobachten. Dass die Teuerung bei den Mieten nicht nachlässt, kommt aber dennoch etwas überraschend. Immerhin sind in den vergangenen Jahren sehr viele Mietwohnungen fertiggestellt worden. Den Preisdruck auf dem Markt konnte dies dennoch nur bedingt abfedern.

Treiber der Teuerung

Treiber der Teuerung waren vor allem Preise im Bereich Wohnen, Wasser und Energie. So sind die Mietpreise 2020 um durchschnittlich 4,1 Prozent gestiegen, also deutlich stärker als im europäischen Durchschnitt. Auch die Preise für Hotels und Bewirtung wirkten sich positiv auf die Teuerung aus – auch deshalb, weil ihr Gewicht im Warenkorb von Österreichs Statistikern höher angesetzt wird als etwa vom deutschen Statistikamt. Unter den Nahrungsmitteln legten vor allem Würstel und Schnitzel stark zu.

Dämpfend wirkten etwa die stark zurückgegangenen Verkehrskosten und die internationale Rohstoffpreisentwicklung. Im Vergleich zum Euroraum war die Inflation in Österreich vergleichsweise hoch. Auch deshalb, weil Österreichs Haushalte weniger von günstiger Haushaltsenergie profitieren als Konsumenten im europäischen Ausland.

Was kommt nach der Krise?

Was nach der Krise kommt, wird sich weisen. Die Experten der Statistik Austria prognostizieren etwa, dass sich die Rohstoffpreise 2021 etwas erhöhen dürften und der preisdämpfende Effekt geringer werden dürfte. Auch auslaufende Mehrwertsteuersenkungen – etwa in Deutschland – dürften die Verbraucherpreise nach oben drücken. Eine genaue Prognose für die Inflation 2021 wollten die Statistiker nicht anstellen.

Die Inflation in der Eurozone liegt seit Jahren meist deutlich unter der von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten Marke von knapp unter zwei Prozent. Die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan rechnen damit, dass die Zeit der niedrigen Inflation bald vorbei sein und Teuerung deutlich zulegen wird. Nicht nur, weil die Menschen nach der Krise aufgeschobene Ausgaben nachholen werden. Auch der demografische Wandel im Westen und insbesondere auch in China führe zu inflationären Tendenzen, schreiben die Ökonomen in ihrem neuen Buch. Das Argument in aller Kürze: Weil die Menschen älter werden, geht die Sparquote zurück. Weil ein geringerer Teil der Bevölkerung in Erwerbsarbeit ist, steigen die realen Löhne – beides treibt die Preise.

Marktmächtige Konsumenten

Goodhart und Pradhan sind Auskenner in ihrem Fach, wie ihnen auch der finnische Notenbankchef Olli Rehn in einer Rezension ihres Buches attestiert. Der ökonomische Mainstream vertritt allerdings die konträre These. Nämlich die einer weiterhin niedrigen Inflation. Tatsächlich verpasst die EZB seit geraumer Zeit ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent. Und das, obwohl sie mit ihren zuletzt in der Corona-Krise aufgestockten Anleihenkaufprogrammen massiv Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpt.

Das kann mehrere Gründe haben. Einerseits führen Digitalisierung und Onlinehandel zu größerer Preistransparenz – und damit zu einer größeren Marktmacht der Konsumenten. Das drückt die Preise. Der Eintritt Chinas auf den Weltmarkt hatte einen ähnlichen Effekt, argumentierte EZB-Direktorin Isabel Schnabel jüngst im STANDARD.

Keine Angst vor Inflation

Philipp Heimberger vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) meint, dass es 2021 vorübergehend eine höhere Inflation als in den vergangenen Jahren geben könnte, warnt aber vor Fehlinterpretationen. Es werde Nachholeffekte nach der Krise geben – keine Trendumkehr. Indikatoren wie die Renditen auf mehrjährige Staatsanleihen würden nahelegen, dass die Inflation noch mindestens zehn Jahre und möglicherweise deutlich länger auf einem sehr niedrigen Niveau verharren dürfte. Heimberger warnt deshalb vor Forderungen nach einem verfrühten Ausstieg aus der aktuellen Geldpolitik der EZB.

Unter Christine Lagarde gab es bei der EZB keine Abkehr vom Kurs der ultralockeren Geldpolitik.
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Deren offene Geldschleusen ermöglichen es den öffentlichen Haushalten beispielsweise, massive Corona-Hilfspakete zu finanzieren. Die Staatsschulden der Euroländer explodierten heuer von etwas mehr als 84 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2019 auf über 101 Prozent des BIP. Anders als in der Eurokrise sieht ein Gros der Experten heute in Staatsschulden kein allzu großes Übel.

Die Schulden seien tragbar, solange die Zinsen hinreichend niedrig sind. Zudem gebe es in der Krisenpolitik keine sinnvolle Alternative, um die europäische Wirtschaft vor einem nachhaltigen Schaden zu bewahren. Selbst der in der Vergangenheit als Sparmeister in Verruf geratene Internationale Währungsfonds (IWF) empfiehlt bei den Staatsausgaben keine Zurückhaltung.

Bitcoin und Gold

Allerdings treiben die offenen Geldschleusen der Zentralbank viele Anleger in knappe Anlagegüter wie Gold oder die Kryptowährung Bitcoin, die zuletzt nie dagewesene Höhen erreichte. Die massiven Kurssteigerungen führen Experten auch auf die derzeitige Zentralbankpolitik zurück – also auf Inflationsängste.

Ob diese Ängste berechtigt sind? Ökonom Heimberger sagt Nein: "Wir wissen, dass die Mittel der Geldpolitik gut gegen Inflation wirken, sollten die Preise wirklich stark steigen", gibt er Entwarnung. "Die größere Gefahr und für die Geldpolitik eine größere Herausforderung ist nach wie vor eine Deflation."

Die Inflationsrate lag im Dezember im Euroraum bei minus 0,3 Prozent, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Mittwoch mitteilte. Damit liegt die Rate den vierten Monat in Folge auf diesem Niveau. Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Verbraucherpreise im Dezember um 0,3 Prozent. Die EZB rechnet 2021 mit einer Inflationsrate von rund einem Prozent. Wenn die Währungshüter in der Vergangenheit mit ihren Inflationsprognosen danebenlagen, dann meistens, weil sie die Teuerung überschätzt hatten. (Aloysius Widmann, 20.1.2021)