Der Griff nach dem Wesentlichen in der Musik: Sir Simon Rattle übernimmt das BR-Orchester.

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Er war nie weg aus Deutschland: Sir Simon Rattle blieb auch nach seinem Rückzug als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der deutschen Hauptstadt. Natürlich waren seine Frau, die bekannte Mezzosopranistin Magdalena Kožená, und seine drei Kinder ein wesentlicher Grund.

Nun aber wird Rattle, zurzeit Chef des London Symphony Orchestra, auch beruflich wieder in das Land zurückkehren, das sich bald von Angela Merkel wird verabschieden müssen. Und: Als designierter Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ist Simon Rattle zugleich auch künstlerisch zurück in der Champions League der Maestri.

Zahllose Sternstunden

Zwar ist der von ihm noch bis 2023 zu betreuende Londoner Klangkörper ein guter. Das BR-Orchester erlebte unter dem 2019 verstorbenen Mariss Jansons allerdings zahllose Sternstunden, die Maßstäbe setzten. Die Luft ist für den Briten dadurch natürlich dünner als in London: Rattle, der Jansons’ Wunschkandidat gewesen sein soll, wird Impulse setzen müssen. Nicht nur das anzutretende Erbe ist ja groß; auch die orchestrale Konkurrenz wirkt nicht winzig.

Sehr viel Substanz

Bei den Berliner Philharmonikern hat die Ära Kirill Petrenko bereits glanzvoll Fahrt aufgenommen; Christian Thielemann ist mit der Staatskapelle Dresden eine dirigentische Instanz. Zudem erstrahlt in der Münchner Nachbarschaft mit Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern an guten Tagen sehr viel Substanz. Und demnächst wird an der Bayerischen Staatsoper der junge Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski starten.

Damit nicht genug: Beim Leipziger Gewandhausorchester reüssiert mit Andris Nelsons ein Vertreter der jüngeren Generation, der auch Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra ist. Klar. Rattle wird sich beweisen müssen, zumal er sich in einer besonderen Lage befindet: Jahrgang 1955, ist er längst nicht mehr Teil der juvenilen Generation.

Leicht gekränkt

Gleichzeitig ist er jedoch zu jung, um im edlen Klub jener quasi unantastbaren Herren wie Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt, Riccardo Muti und Zubin Mehta aufgenommen zu werden. Außerdem haftet seiner Ära bei den Berliner Philharmonikern etwas nicht ganz Vollendetes an. Ein Stück weit gekränkt (auch durch mediale Schelte) verließen Rattle und die Berliner einst ja auch die Salzburger Osterfestspiele in Richtung Baden-Baden.

Rattles Vorteil gegenüber vielen Jungen allerdings: Der Mann aus Liverpool ist ein brillanter Musikintellektueller, der zur Sesshaftigkeit neigt und penibel arbeitet. Hier weist er Ähnlichkeit etwa mit Franz Welser-Möst auf, der schon lange beim Cleveland Orchestra für Glanz sorgt. Wie auch Manfred Honeck, der seit Jahren beim Pittsburgh Symphony für Qualität bürgt.

Da ist die junge Generation gieriger, umtriebiger: Der Kanadier Yannick Nézet-Séguin (Jahrgang 1975) ist etwa nicht nur Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera. Er ist auch Chef des Philadelphia Orchestra und des kanadischen Orchestre Métropolitain. Ob er vielleicht noch das Concertgebouw-Orchester dazunimmt? Dieses hat sich 2018 nach MeToo-Vorwürfen von Dirigent Daniele Gatti getrennt.

Weltreisende Jugend

Konkurrenz kommt für Rattle als Vertreter der mittleren Generation natürlich auch von der weniger weltreisenden Jungend, die es auch gibt: Als Schwergewicht erweist sich mittlerweile etwa Mirga Gražinytė-Tyla, die Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, das einst übrigens Rattle auf internationales Niveau hob. Und für Furore wie für Kontroversen sorgt auch der Grieche Teodor Currentzis mit seinem MusicAeterna-Ensemble.

Noch hat Rattle natürlich reichlich Zeit, seine Konzepte zu entwickeln; er tritt seinen neuen Chefposten in München erst in der Spielzeit 2023/2024 an. Außerdem soll man den Mann, der die Kanzlerin und deren Gatten privat bekochte, nicht unterschätzen.

Deutscher Pass

Mit britischem Understatement hatte er einst zum STANDARD gemeint, in der Epoche der "ganz Großen" wie Wilhelm Furtwängler wäre er wohl eher ein Niemand gewesen. Dieser Niemand bekam aber (als Nachfolger von Claudio Abbado) den global renommiertesten Orchesterposten. In Berlin, wo er bald einen Antrag für einen deutschen Pass stellen wird, der sich zu seinem britischen hinzugesellen soll. (Ljubiša Tošić, 20.1.2021)