Grauer Himmel, Schneematsch auf den Straßen und Temperaturen knapp unter null Grad. Die Umstände an diesem Sonntagnachmittag im Jänner laden dazu ein, es sich daheim gemütlich zu machen. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit in Lockdown und Homeoffice hat man genug von den eigenen vier Wänden, man sehnt sich nach frischer Luft.

In Wien herrscht dieser Tage vor allem im Naherholungsgebiet Prater trotz unwirtlichen Wetters Hochbetrieb. Freunde treffen sich zum Flanieren, Hundebesitzer gönnen ihrem Haustier Auslauf, und Kinder spielen im Schnee. In diese Szenerie mischt sich in letzter Zeit aber immer öfter auch ein Geräusch, das man eher aus Jugendherbergen oder dem Hobbykeller kennt: ein helles Ping, gefolgt von einem dumpferen Pong – rhythmisch wiederholt, fast wie ein Herzschlag.

Der charakteristische Klang des Tischtennisballs. Der Sport mit Retrofaktor erfährt gerade ein Revival. Und das mitten im winterlichen Lockdown.

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Immer mehr Menschen entdecken Tischtennis als die perfekte Freizeitbeschäftigung in einer Phase, die von Verboten und Einschränkungen gekennzeichnet ist: Man hält automatisch genügend Abstand zum Gegenüber, Vorkenntnisse braucht man kaum, das Equipment lässt sich unkompliziert überall hin mitnehmen, und Tischtennistische gibt’s in der ganzen Stadt verteilt zur freien Verfügung (siehe Infobox).

"Wenn man sich bewegt, ist es gar nicht kalt", sagt Aneta, die mit ihrem Freund Georg an diesem winterlichen Sonntag an der Südportalstraße am Rande des Praters spielt. Funktionskleidung, eine dünne Steppjacke, Handschuhe und Haube beziehungsweise Stirnband reichen. Während des Gesprächs muss sich Aneta dann aber doch die Oberschenkel warmreiben und räumt ein, dass jener Spieltag ihr kältester bis jetzt sei.

Im Herbst während des zweiten Lockdowns haben Aneta und Georg mit dem Tischtennis begonnen. Corona sei daran schuld. Eigentlich sind die beiden Tennisspieler. Als Plätze und Hallen schließen mussten, fanden sie in den frei zugänglichen Tischtennistischen eine Alternative. Einmal in der Woche kommen sie seitdem hierher, egal bei welchem Wetter.

Und sie sind bei weitem nicht die Einzigen. "Es wird sehr gesellig. Leute bringen Getränke mit, letztens kamen junge Burschen mit Lautsprecherboxen und haben Musik gemacht", erzählt Aneta. Georg ergänzt, dass die Tische an der Südportalstraße inzwischen derart gut besucht sind, dass man die richtige Zeit wählen muss, um einen freien zu ergattern. "Wenn das so weitergeht, wird Tischtennis noch zum neuen Nationalsport", scherzt Aneta.

Trendsport für Einsteiger

Die Beliebtheit des Sports lässt sich auch an den Statistiken des Österreichischen Tischtennisverbands (ÖTTV) ablesen. In den 1990er -Jahren war ein kontinuierlicher Zuwachs zu beobachten, seit einigen Jahren bewegen sich die Zahlen auf relativ konstantem Niveau. Derzeit existieren bundesweit 525 Vereine, in denen 28.344 Mitglieder spielen. Diese würden laut Mathias Neuwirth, Generalsekretär des ÖTTV, die Tische im öffentlichen Raum aber kaum nutzen. Neben dem Einfluss des Windes auf die Spielbedingungen sei auch das Absprungverhalten des Balles aufgrund der oft steinernen Tischplatte deutlich anders als unter normierten Bedingungen in der Halle.

Dass sich Tischtennis zurzeit auch abseits des Profisports wachsender Beliebtheit erfreut, wundert Neuwirth aber nicht: "Es ist eine willkommene Abwechslung im Lockdown. Auch ohne Vorkenntnisse sind schnell Erfolge zu sehen. Das motiviert."

Alternative zum Spaziergang

Ein paar Hundert Meter vom Prater entfernt, im Rudolf-Bednar-Park, stehen drei Tischtennistische, alle sind belegt. Ein älteres Ehepaar, sie asiatischstämmig, er schwarz, spielt sich die Bälle ebenso mühelos zu, wie es zwischen Französisch und Englisch wechselt, um die vergnügliche Partie zu kommentieren.

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Daneben eine Gruppe junger Hipster: Topgestylt mit aufgerollten, bunten Hauben, ironischen Schnauzern und Nerd-Brillen, spielen sie die hierzulande "Ringerl" genannte Variante, bei dem mehrere Spieler um den Tisch laufen, dabei den Ball der Reihe nach hin und her schießen. Am dritten Tisch stehen Herr Lullitsch und sein zwölfjähriger Sohn. "Schläger und Bälle sind lange Zeit bei uns daheim herumgelegen. Nun kommen sie endlich zum Einsatz. Während dieses Lockdowns haben wir Tischtennis als schöne Alternative zum ewig gleichen Spazieren entdeckt." Mit dieser Entdeckung ist Herr Lullitsch nicht allein. Vor allem an sonnigen Tagen am Wochenende sei es mittlerweile schwierig, einen freien Tisch zu finden, erzählt der Familienvater.

Reservierung unmöglich

Glücklicherweise gibt es auch abseits des zweiten Bezirks in der ganzen Stadt verteilt Standorte, an denen kostenlos Tischtennis gespielt werden kann. Allein 127 Anlagen werden von den Wiener Stadtgärten verwaltet. Im Vergleich zu 2019 verzeichnete die Stadt Wien 2020 eine erhöhte Besucherfrequenz auf allen Erholungsflächen. Doch wer sich ob des großen Andrangs einen Tischtennistisch per Reservierung sichern möchte, wird enttäuscht. Das sei nicht möglich, winkt man bei der Stadt Wien ab. Somit haben kalte, graue Wintertage, wie eingangs beschrieben, auch einen großen Vorteil: weniger Konkurrenz an den Tischen, mehr Freude am Spielen.

Die Comicserie "Herta & Hüne" von Künstler und Illustrator Vinz Schwarzbauer erzählt die Abenteuer zweier Underground-Tischtennisikonen und ihres Schülers in den Parks von Wien und Graz. Bisher sind vier Episoden erschienen.
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