Abflug nach der harten Landung: Donald Trump hat am Mittwoch das Weiße Haus verlassen, der Trumpismus ist aber noch da. Offen ist, wie man nun mit ihm umgehen soll.

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Wer wissen will, wie Donald Trump ein Flugzeugunglück beschreibt, muss nicht raten. "Es war die schönste Landung, die Sie jemals gesehen haben. Die Spitze berührte den Boden nur ganz leicht." So sprach er 1989 nach der Bruchlandung einer Boeing 727 seines Trump Shuttle. Das vordere Fahrwerk des Jets war beim Aufsetzen eingeknickt. Zwei Monate zuvor hatte er die Airline gegründet – und ausgerechnet die Sicherheitsvorkehrungen der Konkurrenz kritisiert. 1992 kam dann die Pleite. Die Flugzeuge, deren Toiletten Trump mit Kunstgold und Plastikmarmor hatte verzieren lassen, blieben am Boden.

Peinliche Niederlagen zum glorreichen Sieg umzuformulieren – das ist eine Spezialität des Mannes, der eigentlich in Schimpf und Schande aus dem Weißen Haus auszog, nach nur einer Amtszeit, in der er nicht nur die Präsidentschaft verloren hat, sondern seine Partei auch die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments. Wirtschaftlich und wohl auch juristisch steht Trump vor einer schwierigen Situation. Doch der glorreiche Wahlsieg, die beste Präsidentschaft aller Zeiten, "die schönste (politische) Landung, die Sie je gesehen haben", wenn es nur nicht zu bösem Betrug gekommen wäre – sie bleiben. Zumindest in seiner Rhetorik und in der Vorstellungswelt von Millionen Fans.

Wie geht es also weiter mit dem Trumpismus? Und vor allem: Wie ist am besten mit ihm umzugehen? Eine Frage, die nicht nur die Demokraten umtreibt, sondern spätestens seit dem Sturm auf das Kapitol auch einige Republikaner. Etwa jene, die mit den Folgen der bisherigen Regierung gut lebten – die eine dauerhafte Vormacht der Trumps aber vermeiden wollen.

Impeachment-Freunde

Mitch McConnell zählt dazu, Zyniker der Macht und republikanischer Mehrheitsführer im Senat. Bisher. Nach zwei verlorenen Nachwahlen in Georgia wird er nun Minderheitsführer. Ein Impeachment auch nach Trumps Amtszeit würde am ehesten die Säuberungskräfte der Partei in Gang setzen, ließ McConnell wohl deshalb vergangene Woche an die Medien tragen. Er vertraut offenbar darauf, dass mit dem Ende von Trumps Unbesiegbarkeitsnimbus auch seine Anziehungskraft zusammenfällt. Sicher ist er sich nicht. Auch deshalb zögert er noch mit Ansagen dazu, wie er im Prozess gegen Trump stimmen wird. Unklar ohnehin, ob die Partei folgen würde.

McConnells Angst aber könnte sich bewahrheiten. Nicht nur das Senatsvotum in Georgia, sondern eine Reihe von Wahlen hat in den vergangenen Jahren gezeigt: Trumpismus ohne Trump begeistert die eingefleischten Fans und lässt Kandidaten bei der Vorwahl reüssieren. Beim Votum gegen seriöse Demokraten aber brechen die Stimmen aus der Mitte weg. Radikalität lohnt sich also, aber nur bis zum Wahltag.

Glaube an das Faktische

Für eine Partei, die davon lebt, auch via Gouverneurs- und Senatsposten die Agenda bestimmen zu können, ist das eine gefährliche Mischung. Und womöglich auch für die USA. Würde sich eine zunehmend radikalisierte Truppe an Trump-Fanatikern damit abfinden, nach jener zum Weißen Haus auch noch eine Reihe weiterer Wahlen zu verlieren?

Das Gewaltpotenzial also gilt es dringend zu senken. Dafür muss auch einem Teil jener der Glaube an das Faktische zurückgegeben werden, die schon tief in den Sumpf der Verschwörungstheorien eingesunken sind. Wie das geht, zumal in einem Land, das die freie Meinungsäußerung seit 1791 als ersten Verfassungszusatz führt, das ist offen.

Ein Stichwort, freilich ein sehr heikles, ist das Deplatforming, das Sperren von Accounts in sozialen Medien. Dass Trumps Twitter-Konto sowie viele Bots nicht mehr erreichbar sind, hat in der ersten Woche zu einer Reduktion der Wahl-Falschmeldungen um 73 Prozent geführt, errechnete die Firma Zignal Labs jüngst. Freilich: Es ist eher eine vorübergehende Lösung, die Vermeidung von Schlimmerem – nicht ein Ersatz für echte Überzeugungsversuche.

Populismus von anderswo?

Doch wer könnte diese übernehmen? Und für welche Parolen sind jene empfänglich, die nun – vorerst – nicht mehr Trump selbst oder dessen Familienmitglieder in öffentliche Ämter wählen können?

Bei linken Demokraten hält sich der Glaube daran, dass man diese Menschen mit Themen abseits des politischen US-Einheitsbreis abholen könnte. Eben mit einem dezidiert populistischen Programm – allerdings mit einem populistisch-linken. Aber: Rückt man zu weit an den Rand, droht der Verlust von Stimmen aus der Mitte. Dass Zugewinne aus dem Trump'schen Reservoir das wieder gutmachen könnten, erscheint nicht unbedingt plausibel.

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Unwahrscheinlich ist auch, dass Trump sich aus dem politischen Leben zurückzieht. In seiner Abschiedsbotschaft gab er sich zwar gemäßigt, ebenso in seiner Rede am Mittwoch. Aber, natürlich, beide Male, ohne die Niederlage einzugestehen. Und: "Die Bewegung, die wir ins Leben gerufen haben, ist gerade erst am Beginn angelangt." Bei den Demokraten denkt man darüber nach, Deradikalisierungsprogramme auszubauen. Experten gaben sich dazu aber schon nach der Wahl skeptisch. Hauptsächlich wisse man nach 20 Jahren Vorgehen gegen den radikalen Islam, was alles nicht funktioniere, sagte der Extremismusforscher John Horgan von der Georgia University schon kurz nach der Wahl dem Onlinemagazin "Slate".

Im Netz versuchen es manche derweil auf ihre Art. In Foren, die sich der wirren QAnon-Verschwörungstheorie widmen, haben Trolle in den vergangenen Tagen die Meldung platziert, Joe Biden und Donald Trump sei in einer geheimen Operation das Gesicht des jeweils anderen transplantiert worden. Biden sei in Wahrheit in Florida in Haft, und eine Version von Donald Trump, die aussehe wie Biden, regiere weiter im Weißen Haus. Man solle ihn weiter unterstützen.

Ein Jux für jene, die bisher mit Ernst versuchten, Fake-News und Abstrusem entgegenzutreten. Für das sehr reale Gewaltproblem aber wohl keine gangbare Lösung. Wohl aber ist das vielleicht die Enttäuschung selbst. In viele "QAnon"-Foren war am Mittwochabend erstmals Zweifel zu lesen – viele der angeblichen Prophezeiungen, an die man so fest geglaubt hatte, haben sich nun ja sehr offensichtlich nicht bewahrheitet. (Manuel Escher, 21.1.2021)

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