Zwischen Durchhalteparolen und Resignation: QAnon-Anhänger stehen derzeit am Scheideweg.

Foto: Ted S. Warren / AP

Egal wie abstrus die Behauptungen von "Q" auch waren, gleichgültig wie viele seiner Ankündigungen niemals eintraten: Die Anhänger der QAnon-Verschwörungserzählung ließen sich von solchen Kleinigkeiten wie der Realität bislang in keiner Weise beeindrucken. Immer blieb die Hoffnung, dass das alles doch irgendwie ein genialer Plan sei, an dessen Ende US-Präsident Donald Trump heldenhaft die angeblich von satanistisch-pädophilen Eliten festgehaltenen Kinder befreit und es zu massenhaften Festnahmen unter demokratischen Politikern kommt.

Glaubenskrise

Doch nun kommt für viele das unerfreuliche Erwachen: Die Amtsübernahme von Joe Biden stürzt viele QAnon-Anhänger in eine echte Glaubenskrise, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. In großen Telegram-Gruppen sehen sich derzeit viele Anhänger betrogen, während andere Durchhalteparolen ausgeben. Immerhin passt der Abgang von Trump so überhaupt nicht in die Versprechungen, die den Jüngern des Kults jahrelang vor die Nase gehalten wurden.

"Das stellt die gesamte Bewegung infrage", formuliert es ein Anhänger in einer Gruppe mit mehr als 18.000 Mitgliedern. Ein anderer stellt gar resignierend fest, dass damit klar sei, dass es in Wirklichkeit nie einen Plan gegeben habe. Und auch keinen "Q" – also jenen angeblichen Insider, der mit seinen verschwörerischen Prognosen all das ausgelöst hat.

Prominenter Abgang

Doch diese Verschiebung beschränkt sich nicht auf einzelne Stimmen in anonymen Gruppen: Mittlerweile hat mit Ron Watkins auch eine der prominentesten Persönlichkeiten aus dem QAnon-Kreis resigniert. In einem aktuellen Posting betont er, dass es nun an der Zeit sei, den neuen Präsidenten zu akzeptieren und damit die US-Verfassung zu respektieren – selbst wenn man anderer Meinung sei.

Watkins war lange Administrator von 8kun – ehemals 8chan –, einem unmoderierten Forum, das seit Jahren nicht zuletzt eine wichtige Anlaufstelle für Rechtsextreme und Verschwörungserzähler ist. Zudem war er nicht nur lange einer jener, die am meisten Zeit in die Interpretation der verschwurbelten Mitteilungen von "Q" steckten, manche Beobachter gingen gar davon aus, dass er selbst "Q" ist. Zuletzt repositionierte sich Watkins als vermeintlicher Experte für Wahlbetrug und verbreitete dabei zahlreiche Falschbehauptungen über die US-Präsidentschaftswahl.

Harter Kern

Ganz verschwinden wird der Verschwörungskult damit aber nicht: So hat eine Umfrage vor wenigen Tagen ergeben, dass noch immer 34 Prozent der in den USA befragten QAnon-Anhänger davon ausgehen, dass Trump in Zusammenarbeit mit dem Militär noch einen weiteren Plan hegt – der sich schon bald offenbaren wird. Zudem zeigt die Verbreitung in anderen Ländern gut, dass sich der QAnon-Kult auch von der Ursprungserzählung entfernen und trotzdem weiterexistieren kann. So sind QAnon-Symbole auch in Europa längst fixer Bestandteil von Protesten gegen die Covid-19-Vorschriften geworden – zuletzt auch am vergangenen Wochenende wieder in Wien zu sehen. (apo, 21.1.2021)