Wall Street Journal: Ein Vertrauensvorschuss

"Alle Amerikaner, welcher Partei sie auch immer angehören, können auf die Amtseinführung von Präsident Joe Biden am Mittwoch stolz sein. Die friedliche Machtübergabe von einer Partei zur anderen ist ein Zeichen der grundlegenden demokratischen Stärke, ungeachtet unserer derzeitigen politischen Verstimmung. (...)

Das übergreifende Motto war 'Einigkeit', die er als 'unseren künftigen Weg' bezeichnete. Seine beste Äußerung zu diesem Thema war der Aufruf, 'neu anzufangen' und einander zuzuhören. (...) Doch in diesem Aufruf zur Einigkeit steckte auch zu viel von der Vorstellung, dass wir verpflichtet sind, uns um einen Standpunkt herum zu versammeln. (...) Der Gradmesser für Mr. Bidens Einheitsgelöbnis wird darin bestehen, wie er regiert. Wir werden ihm einen Vertrauensvorschuss geben, den jeder neue amerikanische Präsident verdient."

Joe Biden beim Lincoln Memorial.
Foto: Reuters / Joshua Roberts

Los Angeles Times: Demütige Worte

"Im Gegensatz zu Donald Trumps Rede vor vier Jahren, in der er auf befremdliche (und unbeabsichtigt prophetische) Weise von einem 'amerikanischen Gemetzel' sprach, wirkten Bidens Worte demütig, sogar flehentlich."

Neue Zürcher Zeitung: Eine Hypothek

"Die Asche des Feuers, das Trump entfacht hat, wird noch lange glühen. Mehr als die Hälfte der Republikaner halten die Wahl vom November für manipuliert und zweifeln damit die Legitimität des neuen Präsidenten an. Das ist eine Hypothek; sie macht die ohnehin gewaltige Herausforderung noch größer. Biden hat ein Land übernommen, das in der tiefsten Krise der jüngeren Vergangenheit steckt und dessen Selbstverständnis erschüttert ist."

Eine Familie aus Louisiana verfolgt die Angelobung von Kamala Harris im Fernsehen.
Foto: Reuters / Kathleen Flynn

Financial Times: Enorme Aufgaben

"Die Aufgaben, vor denen der 46. US-Präsident steht, unterscheiden sich von denen so vieler seiner Vorgänger durch ihr enormes Ausmaß. Eine falsch gehandhabte Pandemie einzudämmen, die 400.000 Menschenleben gekostet und Millionen Menschen wirtschaftlichen Schaden zugefügt hat, wäre allein schon schwer genug für die meisten Präsidentschaften. Doch wie Biden selbst einräumt, wiegt die Bürde, die auf ihm lastet, noch viel schwerer: Soziale Spaltungen müssen gelindert, die amerikanische Republik muss repariert und ihr moralischer Ruf muss wiederhergestellt werden. Diese Ziele werden weit über seine Präsidentschaft hinausreichen. Doch ob sie schließlich verwirklicht werden können, wird zu einem nicht geringen Teil von seiner Amtsführung abhängen."

New York Times: Einfach helfen

"Biden tritt sein Amt mit einer tickenden Uhr an. Der Vorsprung der Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat könnte nicht dünner sein, und Zwischenwahlen vernichten in der Regel die Regierungspartei. Das gibt den Demokraten zwei Jahre zum Regieren. Zwei Jahre, um zu beweisen, dass das amerikanische politische System funktionieren kann. Zwei Jahre, um zu zeigen, dass der Trumpismus ein Experiment war, das nicht wiederholt werden muss. (...)

Was die Demokraten tun müssen, ist simpel: einfach den Menschen helfen, und zwar schnell."

Le Figaro": Kein Missionar

"Biden ist ein liberaler Internationalist der alten Schule und ein Realist, der großen Interventionsprojekten skeptisch gegenübersteht. Trotz seines 'moralischen Kompasses' ist er kein Missionar der Demokratie – der neue Präsident wird innenpolitisch viel zu viel zu tun haben. Wenn er die Vereinigten Staaten wieder in den Multilateralismus einbindet, dann immer nur, um die Interessen von 'Amerika zuerst' zu verteidigen. Damit die Europäer auf einen 'Freund' im Oval Office zählen können, werden sie sich ihm nützlich machen müssen. Amerika erwartet heute von Europe, dass es ihm genauso hilft, wie es ihnen helfen wird."(APA/red, 22.1.2021)