Pfeif auf Politik, pfeif auf Umgangsformen, Anarchy in the USA. Auf Johnny Rotten folgte Donnie Rotten.

Foto: Reuters / Carlos Barria

So sad, dass mit dem Amtsantritt des überwuzelten Schnarchsacks Joe Biden die tolle Zeit mit Donald Trump endgültig passé ist. Trump hat es vier Jahre lang geschafft, das von Sigmund Freud diagnostizierte "Unbehagen in der Kultur" durch ein Behagen in (und an) der Unkultur zu ersetzen. Bei diesem Projekt haben viele begeistert mitgemacht. Völlig zu Recht. Unkultur macht höllisch Spaß.

Die Kultur verlangt uns etwa aus dubiosen Gründen ab, "schön" zu sprechen, während in Wahrheit im zwischenmenschlichen Verkehr Vokabeln wie Vollkoffer oder Totalversager häufig die situations- oder persönlichkeitsadäquate Wahl wären. Nicht zuletzt im Umgang mit Vorgesetzten!

Die New York Times hat dieser Tage eine endlos lange Liste von launigen Beschimpfungen publiziert, die Donald in den Jahren 2015 bis 2020 allem und jedem, was oder der ihm nicht in den Kram passte, auf Twitter angedeihen ließ: Nasty! Dumb! Crooked! Fake! Ein wunderbar unkultiviertes Brevier. Das Einzige, was Trump in diesen vier Jahren unbeschimpft gelassen hat, war vielleicht irgendein Kaktus in der Wüste von Arizona.

Trump und Punk

Lustvoll unkultiviert ging’s bei Trump auch sonst zu. Sein Rat an Männer, die Scherereien haben, wenn sie an diese oder jene Pussy langen wollen: Einfach ein "Star" wie Trump werden, und die Pussy kommt von selbst in Griffweite. Ein Ansporn für männliches Karrierestreben und eine Auffassung von weiblicher Psychologie, wie sie subtiler kaum sein könnte! Das war es, was man endlich von einem US-Präsidenten hören wollte. Geheuchelte Manieren konnte man Trump nie vorwerfen.

Im jüngsten New Yorker verrät Bobby Pickles, Chef der Proud Boys in Florida, warum er auf Trump steht: "Ich bin in der Punkrock-Szene groß geworden. Und Trump war wie Punkrock. Wie Anti-Establishment."

Stimmt. Trump und Punk, das haut blendend hin. Pfeif auf Politik, pfeif auf Umgangsformen, Anarchy in the USA. Auf Johnny Rotten folgte Donnie Rotten, nur dass Johnny weniger korpulent ist als Donnie und auch nicht amerikanischer Präsident.

Früher hat Punk gegen Politik mobilgemacht, heute sind die Präsidenten selbst Punker. No future! Donnies Zeit ist vorbei, aber Figuren wie Bolsonaro oder Duterte werden auch nach seinem Abgang alles daransetzen, dass Punk kein bloßer Slogan bleibt. (Christoph Winder, 23.1.2021)