Demonstrierende haben in Kazan Aufstellung gegenüber der Polizei genommen.

Foto: Reuters / Alexey Nasyrow

Eine Schach-Analogie: In der russischen Partie geht es mehr um Angriff als Verteidigung. Statt den eigenen Königsbauern zu verteidigen, greift der Nachziehende einfach ebenso den Bauern vor dem weißen König an. Für weniger Kundige heißt das: Das taktische Gleichgewicht wird in der Schachpartie nicht durch den Schutz der eigenen Anhänger, sondern die Aufstellung eigener Drohungen aufrecht erhalten.

Derzeit erinnert die Auseinandersetzung zwischen dem Kreml und Oppositionsführer Alexej Nawalny an eine solche russische Partie, womöglich gar an eine ihrer Gambitfortsetzungen, denn Rücksicht auf Verluste nimmt inzwischen keine der Parteien mehr. Mit der Vergiftung des Oppositionspolitikers im vergangenen Sommer sind die Einsätze dramatisch gestiegen: Die russischen Behörden haben seither zwei neue Strafverfahren gegen den "Berliner Patienten", wie sie Nawalny verächtlich nennen, eröffnet und alte Fälle wieder neu aufgerollt. Bei seiner Rückkehr nahm die Polizei ihn sofort fest.

Die Enthüllungen des Oppositionellen werden derweil immer aufsehenerregender. Es geht gewissermaßen nicht mehr um Figurengewinn wie noch bei der Aufdeckung der Luxusskandale um kremlnahe Oligarchen oder sogar Putins Wesir Dmitri Medwedew. Es geht nun mit der Enthüllung des "Putin-Palastes" und dem Aufruf zu verbotenen Demonstrationen direkt gegen den König. Ob der Schlag erfolgreich ist, bleibt jedoch abzuwarten. Im Schach sehen die meisten Gambits effektvoll aus, effizient und erfolgreich sind aber nur wenige. (André Ballin, 24.1.2021)