Trump geht, Fauci bleibt: Die USA stehen weiter ganz im Bann der Corona-Pandemie.

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Man kann sich den drahtigen Mann mit dem grauen Kurzhaarschnitt lebhaft vorstellen, wie er mit sich gerungen hat, wie er Argumente abgewogen und sein Gewissen befragt hat. Die Frage, die ihn so intensiv beschäftigte, barg schließlich reichlich Zündstoff. Wie widerspricht man jemandem, der haarsträubenden Unsinn verbreitet, zugleich aber der mächtigste Mann der Welt ist?

Anthony Fauci, 80 Jahre alt und Amerikas oberster Immunologe, hatte nun fast ein Jahr lang Gelegenheit, sich in Demut zu üben. In der "New York Times" schilderte er am Wochenende in einem großen Interview, wie es sich anfühlte, die Wissenschaft gegen Donald Trump zu verteidigen.

Fauci, der von Verschwörungstheoretikern angefeindet und dessen Expertise von US-Regierungsmitarbeitern seit Beginn der Pandemie öffentlich infrage gestellt wurde, steht seit März 2020 unter dem Schutz des Secret Service, der auch den Präsidenten selbst schützt. Auch ein Briefumschlag mit einem verdächtigen Pulver sei zu ihm gelangt, erzählt er. Bange Minuten vergingen, bis sich herausstellte, dass nicht etwa die Giftstoffe Anthrax oder Rizin darin waren, sondern "irgendein harmloses Nichts".

Tipps von Freunden

"Manche aus dem Personal im Weißen Haus haben versucht, die Lage herunterzuspielen und ein nettes Gespräch darüber zu führen, dass doch im Grunde alles in Ordnung sei", so Fauci. Trump, berichtet er weiters, habe viel lieber auf seine alten Geschäftsfreunde gehört als auf ihn. In Telefonaten aufgeschnappte Anekdoten, wonach dieses oder jenes Medikament vor Covid-19 schützen soll, habe der Präsident dann in die Öffentlichkeit getragen, etwa jene über das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin, dessen Wirksamkeit höchst umstritten ist. Faucis Einwände habe Trump in den Wind geschlagen. Wenn er argumentiert habe, ein Medikament müsse erst wissenschaftlich analysiert und getestet werden, bevor es zum Einsatz kommt, sei ihm der Präsident ins Wort gefallen: "Nein, nein, nein, das Zeug funktioniert wirklich", zitiert Fauci Trump.

Auch als der Präsident selbst schwer an Covid-19 erkrankt war, habe sich Trump von den Warnungen Faucis nicht beirren lassen. Denn was ihm geholfen habe, müsse auch anderen Covid-Erkrankten helfen, sei sich Trump laut Fauci sicher gewesen.

"Stinktier beim Picknick"

Oft, so der Immunologe, sei er von Regierungsmitarbeitern hinter der Hand wegen seiner Warnungen und Einwände als "Stinktier beim Picknick" – also als Störenfried – bezeichnet worden. Die Presseabteilung des Weißen Hauses habe öffentlich seine Reputation beschädigt, sagt Fauci, etwa, als sie eine Mitteilung veröffentlichte, wo seine angeblichen Fehler aufgelistet waren: "Das hat sich als Blödsinn herausgestellt, einfach deshalb, weil ich Recht hatte."

Irgendwann habe er aber entschieden, mit seiner Meinung nicht mehr hinterm Berg zu halten. "Natürlich habe ich es nicht gerade genossen, dem Präsidenten zu widersprechen", doch es habe ganz einfach sein müssen. Er habe es Trump nicht durchgehen lassen können, unwidersprochen Falschmeldungen über Corona in die Welt zu tragen, so der Wissenschafter. "Das hätte meine persönliche Integrität kaputt gemacht."

Direkt habe das Weiße Haus sich nicht darüber beschwert, nur einmal, erinnert Fauci sich, habe der Präsidentenberater Peter Navarro, der als scharfer Kritiker der Corona-Maßnahmen bekannt ist, ihn angefahren: "Wie können Sie es wagen, Hydroxychloroquin als nicht wirksam darzustellen?"

Kündigung kein Thema

Den Job hinzuschmeißen und – mit immerhin 80 Jahren – Corona Corona sein zu lassen, sei aber nicht infrage gekommen, schildert er. Einerseits, weil die Welt gerade durch eine historische Pandemie gehe, die man so seit mehr als 100 Jahren nicht mehr erlebt habe. Andererseits, weil es jemanden im Team habe geben müssen, der sich traut, unangenehme Wahrheiten anzusprechen. "Ich dachte, wenn ich gehe, bleibt eine Lücke zurück."

Die These des Interviewers, Trumps zögerliche Politik habe zehn- oder hunderttausende Leben gekostet, will Fauci nicht unterschreiben. Nur zwischen den Zeilen meint man zu lesen, dass er es aber durchaus so sieht. Der Machtwechsel im Weißen Haus kommt für ihn einer Befreiung gleich. Schon Ende vergangener Woche stellte der Chefimmunologe seine Erleichterung öffentlich bei einer vielbeachteten Pressekonferenz zur Schau. (flon, 25.1.2021)