Check-out im Einkaufszentrum. Der Ton eines Barcode-Scanners ist Begleitmusik zu einem ganz gewöhnlichen australischen Alltag. Delise Freeman zieht ihre Waren durch den Laserstrahl. Hosenanzug, leicht getönte Hautfarbe, nach hinten gebundenes Haar, eine Brille. Die Mittvierzigerin verschwindet in der Masse der Menschen, die nach der Arbeit noch schnell einkaufen.

Doch eigentlich ist Delise Freeman ganz anders, besonders sogar. Sie gehört zur ältesten überlebenden Kultur der Welt, Australiens Aborigines. Sie steht auf dem Land, das ihre Vorfahren schon seit zehntausenden Jahren bewohnen. Rund 800.000 Menschen in Australien zählen sich heute zu den Ureinwohnern – 3,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wenn am Dienstag Australien den Australia Day, seinen Nationalfeiertag, zelebriert, feiern längst nicht alle: Eine wachsende Zahl von Ureinwohnern fordert eine Änderung des Feiertags. Sie nennen ihn den "Tag der Invasion".

Delise Freeman organisiert Hilfe für Bedürftige in der Ureinwohner-Gemeinde.
Foto: Wälterlin

Am 26. Jänner 1788 dockten die ersten britischen Sträflinge und ihre Bewacher mit ihren Schiffen im Hafen des heutigen Sydney an. Es war der Beginn eines Genozids. Die Menschen, die den Kontinent seit mindestens 60.000 Jahren besiedelt hatten, sollten verschwinden, denn man wollte ihr Land. Sie wurden vergiftet, erschlagen, versklavt, entrechtet, von ihrem Boden vertrieben, sie starben wie Fliegen an eingeschleppten Krankheiten. Die Besatzer durchmischten sich mit jenen, die überlebten. Meist durch Vergewaltigung, manchmal in Zweckehen, ganz selten mal durch Liebe.

"Gestohlene Generation"

Das Resultat waren Kinder, "Creamies", wie sie abschätzig genannt wurden. Zu Tausenden wurden sie ihren Eltern weggenommen, in Kinderheime gesteckt und in weißen Familien untergebracht. Viele führten ein Leben als Dienstboten, oftmals verbunden mit sexuellem Missbrauch durch den Adoptivvater. Ziel dieser bis in die 70er-Jahre geltenden Praxis war die Zwangsassimilierung von Vertretern einer Gruppe, die damals zum Aussterben verurteilt schien. Viele Betroffene dieser "gestohlenen Generationen" leiden bis heute unter der Politik. Viele haben den Eindruck, sie hätten keine Identität – weder eine schwarze noch eine weiße.

So ähnlich geht es auch Delise Freeman. "Man muss nicht dunkelhäutig sein, um Aboriginal zu sein", sagt sie. Freeman ist Chefin einer Aboriginal-Organisation in der Kleinstadt Goulburn, rund zwei Stunden südlich von Sydney. Hier organisiert sie Hilfe für Bedürftige in der Ureinwohner-Gemeinde und steht mit Rat und Tat jenen zur Seite, die nicht zurechtkommen im Alltag.

"Stereotypisches Bild"

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung wohnen die meisten Aborigines nicht im roten "Outback" oder im Urwald, sondern in Städten. Die Mehrheit der ersten Australier lebt fast genauso wie Nichtindigene. Sie kaufe ihr Steak im Supermarkt und jage nicht mit Speer und Bumerang, sagt Freeman. "Das ist genauso ein stereotypes Bild wie das, wonach alle Aborigines nackt mit Lendenschurz durch die Gegend wandern würden."

Oder ganz dunkle oder sogar schwarze Haut hätten. Zwei Jahrhunderte der Vermischung mit Menschen anderer ethnischer Herkunft haben dazu geführt, dass viele australische Ureinwohner äußerlich nicht immer als solche zu erkennen sind. Viele Betroffene würden erst heute ihre indigenen Wurzeln entdecken, so Freeman. Einige, weil ihre Eltern ihre Vergangenheit vor ihnen versteckt hatten, aus Scham, aus Angst. Andere, weil sie sie verdrängt hatten.

Ganz in der Nähe des heutigen Opernhauses von Sydney landeten 1788 die ersten britischen Gefangenen in Australien. Das Haus selbst steht auf ehemals geweihtem Grund der Aborigines – woran heute nur noch eine Hinweistafel und eine in Dauerwiederholung abgespielte Audiobotschaft erinnern.
Foto: REUTERS/Loren Elliott/File Photo

Viele Vorurteile

Für solche Menschen gebe es keinen Test, in dem sie auf ihre Herkunft geprüft werden. Denn die Herkunft, die Verwandtschaft, sie beruht bei Aborigines auf Erzählungen. "Sie kommen dann zu uns, nehmen an kulturellen Anlässen teil. So werden sie langsam von den anderen als einer der ihren akzeptiert", meint Freeman. Mit der Identifizierung als Ureinwohner komme auch eine Erfahrung, von der sie zuvor als hellhäutige Menschen verschont geblieben waren: Neid. "Weiße Australier glauben, Aborigines würden vieles erhalten, das sie selbst nicht erhalten." Sozialhilfe, kostenlose Medikamente, sogar Autos. "Das stimmt schlichtweg nicht."

Ureinwohner sind pro Kopf sogar schlechter versorgt als die Bevölkerungsmehrheit, was Gesundheit, Ausbildung und wirtschaftliche Möglichkeiten angeht. Trotzdem hält sich der Mythos des "verwöhnten Aboriginal" – nicht zuletzt wegen einschlägiger Medienberichte. Für Delise Freeman besteht kein Zweifel, dass Rassismus eine große Rolle spielt bei dieser Wahrnehmung. Dieser sei Teil des Alltags für viele Ureinwohner – seit 1788. Hoffnung, dass sich das bald ändern wird, hat sie wenig. Rassismus springe von einer Generation zur nächsten. Wenn Freeman in Schulklassen von ihrer Herkunft erzählt, stellten "selbst kleine Kinder Fragen, die nur von Erwachsenen kommen können". Fragen, beladen mit Vorurteilen, "durchsetzt von Ignoranz". (Urs Wälterlin aus Goulburn, 26.1.2020)