Phiolen des Astrazeneca-Impfstoffs vor ihrer Auslieferung.

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Wien – Europa gehe derzeit einig gegen die Produktionsverzögerungen bei Astrazeneca vor, erklärte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Dienstag im Ö1-"Morgenjournal": "Man kann nicht Verträge abschließen und diese dann nicht oder nur zum Teil umsetzen." Drei Verhandlungsrunden habe es schon zwischen der EU-Kommission und dem britischen Pharmakonzern gegeben, am Mittwoch folge die nächste. Ziel sei dabei Transparenz. "Wir wollen wissen, was wurde produziert und wohin wurde es geliefert", meinte Anschober.

Die EU-Kommission habe Astrazeneca aufgefordert, bis Mittwoch alle Informationen offenzulegen, denn die Länder bräuchten Liefermengen und Liefertermine, um ihre Impfpläne umzusetzen. Etwaige Verzögerungen müssten dann freilich in den Impfplänen einberechnet werden. Im Februar würden nun 342.000 statt 650.000 Impfdosen nach Österreich geliefert. Die übrigen Dosen sollen aber im zweiten Quartal nachgeholt werden, fordert der Gesundheitsminister.

Auf das Ziel, alle Bewohnerinnen von Alters- und Pflegeheimen sowie über 80-Jährige rasch zu impfen, haben die Lieferverzögerungen durch Astrazeneca keine Auswirkungen, betont Anschober. Ein Großteil jener Heimbewohner, die sich impfen lassen wollen, sei bereits geimpft, und die zweite Impfung werde in der zweiten Februarhälfte durchgeführt. Der weitere Impfplan werde auf Basis der Liefermengen von Astrazeneca nun überarbeitet. Andere Pharmafirmen würden die Impfstoffe aber pünktlich liefern.

Von der Leyen: Pharmafirmen müssen liefern

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am Dienstag die Hersteller von Corona-Impfstoffen erneut dazu aufgefordert, ihre Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Europa habe "Milliarden investiert, um die Entwicklung der weltweit ersten Covid-19-Impfstoffe zu unterstützen", sagte von der Leyen in ihrer per Video übertragenen Rede für das Weltwirtschaftsforum. "Und jetzt müssen die Firmen liefern, sie müssen ihre Verpflichtungen einhalten."

Von der Leyen bekräftigte, dass die Kommission einen "Transparenzmechanismus für den Export von Impfstoff" in Länder außerhalb der EU plant. Die italienische Regierung hat dem US-Pharmakonzern Pfizer unterdessen einen Mahnbrief geschickt. Rom fordert darin das Unternehmen auf, seine vertraglich eingegangenen Verpflichtungen bezüglich der Lieferung von Impfdosen für die italienische Impfkampagne zu erfüllen.

Astrazeneca betont Impfschutz für Senioren

Unterdessen wies Astrazeneca Berichte über eine sehr geringe Wirksamkeit seines Impfstoffs bei Senioren zurück. Deutsche Medien hatten berichtet, dass das Mittel bei Menschen über 65 nur eine Wirksamkeit von acht Prozent habe. Diese seien "komplett falsch", teilte ein Sprecher am Dienstagmorgen mit. Astrazeneca verwies unter anderem darauf, dass die Notfallzulassung der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) ältere Menschen einschließe.

Eine Studie habe gezeigt, dass der Impfstoff auch bei Senioren eine starke Immunantwort auslöse. Allerdings heißt es in einer weiteren Studie, dass es wegen geringer Fallzahlen noch zu wenige Daten zur Wirksamkeit bei älteren Menschen gebe. Laut einem Bericht des "Handelsblatts" soll der Impfstoff des Konzerns eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei älteren Menschen haben.

Deutsches Gesundheitsministerium sieht Verwechslung

Auch das deutsche Gesundheitsministerium hat die Berichte inzwischen zurückgewiesen. Ein Sprecher erläuterte, auf den ersten Blick scheine es so, dass Dinge verwechselt würden: Rund acht Prozent der Probanden der Astrazeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre. Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) werte die Studien aus, erklärte das Ministerium. Bekannt sei seit dem Herbst, dass in den ersten eingereichten Studien von Astrazeneca weniger Ältere beteiligt gewesen seien als bei Studien anderer Hersteller. Mit dem Ergebnis der Auswertung durch die EMA sei an diesem Freitag zu rechnen. (brun, APA, 26.1.2021)