Wir erinnern uns: Der Tiroler Skiort Ischgl war zu Beginn der Pandemie weltweit als Europas Coronavirus-Hotspot in die Schlagzeilen geraten. Der zuständige Tiroler Spitzenbeamte der Landesregierung hatte ohne mit der Wimper zu zucken in jedes Mikrofon geknurrt: "Wir haben alles richtig gemacht" – was wenig später eine Untersuchungskommission falsifizierte. Einige vernünftige politische Stimmen erklärten kleinlaut, okay, nie wieder werde sich diese von behördlichem Versagen und grenzenloser Profitgier einiger weniger Touristiker verursachte Katastrophe wiederholen.

Der Tiroler Skiort Ischgl war zu Beginn der Pandemie als Europas Coronavirus-Hotspot in die Schlagzeilen geraten.
Foto: AP/Matthias Schrader

Dieses "Nie wieder" dauerte allerdings nur kurz. Tirol, diese außergewöhnliche Naturdestination, wird abermals von Wintersportmagnaten und dienenden Politikern in Misskredit gebracht. Das Bundesland ist drauf und dran, ein Remake "Ischgl reloaded" zu drehen. Das Land scheint aus dem Schaden nichts gelernt zu haben und legt jetzt beim Fun-Faktor sogar noch eins drauf. Mit der Folge, dass die neuen Virusgenerationen aus Großbritannien und Südafrika in Tirol heimisch werden und sich von dort wieder nach der alten Ischgl-Schablone über die Grenzen ausbreiten könnten.

Die Tiroler Hotellerie, zumindest ein kleiner Klüngel ohne Skrupel, hat sich wieder – Corona-Regeln hin oder her – gewinnbringend eingerichtet. Es werden Zimmer als Zweitwohnsitze angeboten. Das geht offiziell. Oder Touristen sind als Dienstreisende gebucht. Auch das ist möglich. Andere Hotelbesitzer sperrten ihre noblen Herbergen zu und verbummelten den Winter beim Golfen in Südafrika, von wo sie nicht nur schöne Erinnerungen, sondern womöglich auch die südafrikanische Virusmutation B.1.351 nach Hause mitgebracht haben. Bei mindestens sieben Fällen im Zillertal, in Innsbruck-Land und Innsbruck wurde das Virus nachgewiesen, 21 weitere Verdachtsfälle werden noch abgeklärt.

Hotel- und Gondel-Adel

Egal. In der Zwischenzeit wurden ohnehin die Betriebskosten und der Verdienstentgang der Hotelbetriebe vom Staat übernommen. Es ist natürlich nicht von Nachteil, dass die übermächtige Tiroler ÖVP von Landeshauptmann Günther Platter und der eine oder andere Hotelier so gute Kontakte ins Wiener Kanzleramt pflegen. Inzwischen wird auf den Tiroler Pisten munter gerodelt und Ski gefahren, als gäb’s keinen harten Lockdown. Und die Bundesregierung assistiert: "Die Lifte bleiben offen." Hauptsache, der Rubel rollt ins Tal.

Dabei tragen die Gondelkönige zur Wertschöpfung eigentlich nur mäßig bei. Etliche zahlen gar keine Steuern, weil sie mit immer neuen und größeren Ausbauten ihrer Hotelpaläste Verluste schreiben. Die breite Tiroler Bevölkerung profitiert wenig vom Tourismus, der 17,5 Prozent des BIP in Tirol ausmacht. Sie leidet vielmehr an den Folgen. Die Beschäftigten im Tourismus verdienen wenig, was sich auf das Lohnniveau im ganzen Bundesland auswirkt. Tirol liegt mit einem mittleren Einkommen von 27.312 Euro brutto im Jahr laut AK-Berechnungen an vorletzter Stelle in Österreich. Hinzu kommt der hohe Anteil – 47 Prozent – an Teilzeitbeschäftigten.

Der Hotel- und Gondel-Adel im Ötztal, in Ischgl, im Zillertal, in Kitzbühel und am Arlberg hat Tirol und die dortige Politik fest im Griff. Er diktiert und kassiert – und bildet ein feudales Sittenbild, das eigentlich nur die Tirolerinnen und Tiroler selbst übermalen könnten. (Walter Müller, 26.1.2021)