Am 27. Jänner 1945 wurde Auschwitz befreit. In Theresienstadt – hier im Bild – sollte es noch bis in den Mai 1945 dauern.

AP / Petr David Josek

"Es gibt oft die Vorstellung, dass Menschen in Zwangssituationen keine Entscheidungsgewalt haben", sagt die Historikerin Anna Hájková.

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Theresienstadt ist nur eines von vielen Lagern des Holocaust, Menschen vieler Nationalitäten, viele Tschechen, aber auch Österreicher, wurden hier eingesperrt, wegen ihrer Herkunft verfolgt und ermordet – oder schließlich in die Vernichtungslager abtransportiert. Doch bei all dem Grauen, an das wir am Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner erinnern, formten Menschen hier eine Gesellschaft und setzten Alltagshandlungen, auch in einer totalen Institution. Die Historikerin Anna Hájková hat in ihrem neuen Buch "The Last Ghetto" diese Alltagsgeschichte von Theresienstadt untersucht.

STANDARD: In Ihrem Buch fordern Sie, die Meistererzählung ("master narrative") über Theresienstadt zu verlassen. Wie würden Sie diese beschreiben?

Hájková: Dass Theresienstadt ein Ghetto war, das wir wegen der herausragenden künstlerischen Leistung (so gab es Theatervorstellungen, Konzerte und Kabarettabende, Anm.) oder der Kinderpflege kennen. Diese Meistererzählung betont die Solidarität und etwas, was man als Triumph des menschlichen Geists bezeichnen könnte. Der Weg zu diesem Narrativ ist nachvollziehbar. Allerdings ist es im Jahr 2021 und im Zeitalter des Populismus wichtig, eine offene Geschichtsschreibung jenseits von Floskeln über die Gesellschaft in KZs zu betreiben. Wir müssen verstehen, das die Juden, die von den Nazis verfolgt wurden, richtige Menschen mit einem Alltag waren

STANDARD: Welche Erkenntnisse bekommen wir, wenn wir diese Meistererzählung verlassen und uns den Alltag anschauen?

Hájková: Wir verstehen dann viel über die Gesellschaft in Extremen. Jedes Lager und jeder erzwungene Ort hat Regeln, die sich aus dem Alter, aus den Geschlechterverhältnissen, aus dem Habitus und vielem mehr zusammensetzen. Es gibt oft die Vorstellung, dass Menschen in Zwangssituationen keine Entscheidungsgewalt haben. Doch mit wem man sich für den Transport meldet – ob mit den Eltern oder mit dem Geliebten, den man im Ghetto kennengelernt hat –, das sind wichtige Entscheidungen. Wir sollten sie nicht als Hintergrundgeräusch des Holocaust abtun.

STANDARD: Ein Teil der Gesellschaft ist Sexualität in den verschiedensten Formen. Welche Rolle spielt diese in dieser Meistererzählung?

Hájková: Alle Insassen sind keusch, und abgesehen davon sind sie heterosexuell. Es sind die queeren Holocaust-Opfer, die nicht vorkommen. Wenn doch, dann wird lange Zeit ihre Queerness ausradiert, wie bei Fredy Hirsch. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, welche sozialen Verhalten in Theresienstadt und anderen KZs stigmatisiert und akzeptiert werden. Was heißt es, wenn ein tschechischer Junge mit einer anderen Tschechin ausgeht oder mit einer Hamburger Frau? Wie wird es erzählt? Welche Frau stellt er seinen Verwandten vor? Da sind große Unterschiede. Mein Punkt ist nicht: Wie unanständig haben sich die tschechischen Männer den ausländischen Frauen gegenüber benommen? Sondern wie wird verhandelt, wer ein würdiger Partner ist.

STANDARD: Sexualität bespricht man gemeinhin mit fremden Menschen nicht sofort. Wie kommt man zu einem Forschungsergebnis, wenn man wenig Quellen hat oder wenig Menschen fragen kann?

Hájková: Sexualität ist ein Thema, an dem man ungemein viel über jede Gesellschaft ablesen kann – das gilt auch für Theresienstadt. Eigentlich sprechen die Quellen viel von Sexualität. Es ist eine bestimmte Sexualität, über die in erster Person gesprochen wird. Die stigmatisierte Sexualität wird in dritter Person erzählt – über Frauen, die Sex verkaufen, oder über Ehen, die auseinandergehen, oder über Mischehen, die sich scheiden haben lassen, oder eben gleichgeschlechtliches Verlangen.

STANDARD: Sie haben in einem Artikel beschrieben, wie eine Frau eine queere Beziehung zu einer KZ-Aufseherin hatte. Die Tochter dieser Frau hat Sie wegen Verletzung des postmortalen Persönlichkeitsschutzes verklagt. Ist dieser Prozess ein Zeichen, wie Geschichte nach dem Tod von Zeitzeugen verhandelt wird?

Hájková: Ich glaube nicht, dass es etwas mit dem Sterben der Überlebenden zu tun hat, sondern vielmehr mit einem Angriff auf akademische Freiheiten, den wir überall sehen können. Das kann durchaus als ein Versuch erachtet werden, Forscher zum Schweigen zu bringen. Es geht um die ganze Zeitgeschichte und die Frage, ob wir uns Sorgen machen müssen, was wir forschen. Deswegen hat es mich gefreut, dass zwei Kollegen einen Brief zu meiner Unterstützung, gleichzeitig ein Plädoyer für Mut, schwierige Geschichte zu erforschen, publiziert haben, den mehrere Hundert namhafte Forscher aus der ganzen Welt unterstützt haben.

STANDARD: Welche Rolle spielte die deutsche, tschechische oder österreichische Herkunft in Theresienstadt?

Hájková: Menschen, die deportiert worden sind, stellen fest, wie unglaublich prägend die Orte, aus denen sie gekommen sind, waren. Es entwickelt sich eine binäre Trennung zwischen Einheimischen und "Ausländern". Die Einheimischen sind tschechische Juden, die als Erste deportiert wurden, aber auch Emigranten, die aus dem Protektorat verschleppt wurden. Die Unterscheidung wurde auch anhand der deutschen Sprache getroffen: Mit Brünner Akzent war man ein Tscheche, mit Wiener Akzent war man ein "Ausländer".

STANDARD: Deutsche und Österreicher hatten in Theresienstadt schlechtere Überlebenschance – warum?

Hájková: Es gilt nicht nur für Deutsche und Österreicher, sondern für alle alten Menschen im Ghetto. Die Erklärung ist so tragisch wie faszinierend. Die tschechischen Juden, die nach Theresienstadt deportiert wurden, entsprachen im Großen und Ganzen der Demografie. Aus dem Deutschen Reich sind es fast nur alte Leute. Im Mai 1942 erfuhr die jüdische Selbstverwaltung über ihre Deportation, das ist der Moment, wo entschieden wird, dass Essensrationen eingeführt werden. Die Bevölkerung wird in drei Gruppen geteilt – Nichtarbeiter, Normalarbeiter und Schwerarbeiter. Alte Menschen über 65 müssen nicht mehr arbeiten. Nicharbeiter-Rationen sind sehr niedrig, hinzu kommt, das sie aus dem am wenigsten wertvollen Essen hergestellt werden, das sind fast nur Kohlenhydrate, wenig Proteine, fast keine Vitamine und Ballaststoffe.

STANDARD: Welchen Eindruck hatten die Menschen in Theresienstadt bei ihrer Ankunft?

Hájková: Die Ankunft in Theresienstadt ist wie die Ankunft in jeder totalen Institution ein Schock, zuerst durchläuft man die Schleuse, das ist eine abgesonderte Kaserne, wo die Personalien aufgenommen werden, die Habseligkeiten durchsucht und manchmal beschlagnahmt werden. Der Transport und die Ankunft sind entwürdigend. Dann wird man auf schlechte Unterkünfte aufgeteilt, die aus irgendwelchen Gründen noch nicht genommen wurden. Als im Sommer 1942 die alten deutschen und österreichischen Juden ankommen, stehen nur mehr die Dachböden ohne Licht und Strom zur Verfügung. Hierher kommen die schwer angeschlagenen alten Leute und sterben unter absolut unwürdigen Bedingungen.

STANDARD: Wie wird Theresienstadt organisiert?

Hájková: Theresienstadt wird nominell von der SS verwaltet, aber zur eigentlichen Administration wurde die jüdische Selbstverwaltung gezwungen. Das waren Menschen, die eigentlich alle schon vor der Deportation leitende Erfahrung hatten. Der SS-Kommandant – alle drei in Theresienstadt waren Österreicher – bestellte die Judenältesten jeden Morgen, es gab diverse Erniedrigungsrituale und Anordnungen. Die Selbstverwaltung war für die Essensverteilung zuständig, organisierte, wie Kinder untergebracht wurden, und sogar die Namen auf den Transportlisten. Sie bemühte sich, auch die Familien als Einheit in den Osten zu schicken. Es war ein Job, den man auch nicht "gut" machen konnte.

STANDARD: Man schafft in einer totalen Institution einen möglichst straffen Rahmen und überlässt die Häftlinge sich selbst.

Hájková: Die Gemeinsamkeit der Forschung zu Haftanstalten und der Mentalität, die ich aus Theresienstadt kenne, ist erschütternd. Ich will damit nicht den Holocaust banalisieren, Theresienstadt war ein Durchgangsghetto in den Osten. Wir würden uns aber einen Gefallen tun, den Holocaust aus der Ausnahmeecke herauszunehmen und als Teil der großen Geschichten zu betrachten.

STANDARD: Wie sieht nun der Alltag in Theresienstadt aus?

Hájková: Theresienstadt ist voll, es sind überall Menschenmassen. Wenn ein SS-Mann vorbeikommt, müssen die Leute ihm Platz machen. Die Straßen sind nicht gepflastert und sehr schmutzig. Mittags und abends geht man zur Essensausgabe. Wichtige Bezugspersonen sind die Zimmergenossen und das Kollektiv in der Arbeit. Darüber hinaus gibt es Freunde und Verwandte oder, wenn es Tschechen sind, die Kernfamilie. Mit denen versuchen Sie sich einmal am Tag zu treffen. Wenn Sie sich dann verlieben und einen neuen Partner haben dann wird entschieden: Ich möchte mit dir abendessen, nicht mehr mit den Eltern. Da sind Entscheidungen, die das Leben ausmachen. Es ist ein ständiges Kümmern, Hungrig- und Unausgeschlafen-Sein. Im Sommer, wenn es heiß wird, kommen die Bettwanzen. Und natürlich: Immer drohen die Transporte.

STANDARD: Wie viel wussten die Menschen von den Transporten in die Vernichtungslager?

Hájková: Die Leute wussten, dass die Transporte in Orte gingen, die schlechter und bedrohlicher sein würden als Theresienstadt. Sie nahmen an, dass die alten und kranken Leute sterben würden. Sie wussten nicht über die mechanische Ermordung Bescheid. Es gab immer wieder Möglichkeiten, wie man hätte feststellen können, was im Osten passiert, aber es ist ein Wissen, das nicht ankommt. Es ist für die Theresienstädter ein Schock, als Leute aus Todesmärschen in Theresienstadt ankommen. Diese berichten genau, was vorgefallen ist. Dann glauben sie diese Nachrichten, weil es von Augenzeugen erzählt wird.

STANDARD: Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn ständig dieser Transport droht?

Hájková: Es ist ein ständiger Stress, der über den Köpfen der Menschen hängt. Sie wissen, bei den meisten Transporten vier bis fünf Tage zuvor Bescheid. In die Schleuse in der Kaserne kommen nicht nur die Leute vom Transport, sondern auch eine sogenannte Reserve, sodass die Leute, die herausreklamiert werden, ersetzt werden können. Die jüdischen Funktionäre werden ständig bekniet, die Leute versuchen sich zu verstecken. Es erklärt auch, warum die überlebenden Funktionäre nach dem Krieg so gehasst werden, weil in den Augen der Überlebenden sie entscheiden, wer zum Transport kommt. Nach ein paar Stunden ist es vorbei, und es geht weiter, als wäre nichts gewesen. Die Leute gewöhnen sich an alles, aber es macht etwas mit ihnen. Die Gesellschaft funktioniert bis zum Letzten. (Sebastian Pumberger, 27. 1. 2021)