Viele Menschen in Armenien erleben gerade eine tiefgehende psychische Erschütterung, berichtet Roubina Margossian aus Jerewan im Gespräch mit dem STANDARD. Sie ist leitende Redakteurin bei "EVN-Report", einer Non-Profit-Nachrichtenseite, die ihre Leserschaft online mit Berichterstattung über Armenien in englischer Sprache versorgt.

Besonders das Selbstbild der Armenier sei betroffen. 30 Jahre lang habe man sich, was Bergkarabach angeht, als Sieger gesehen. Man habe geglaubt, Armenien sei stark. Man habe geglaubt, die Armenier seien so kreativ, dass sie trotz einer schlecht gerüsteten Armee gegen Aserbaidschan bestehen könnten.

Eine in eine armenische Flagge eingehüllte Frau bei einer Demo gegen Ministerpräsident Nikol Paschinjan, der wegen des verlorenen Krieges um die Region Bergkarabach in der Kritik steht.
Foto: Vahram Baghdasaryan, Photolure via AP

Nun befinde sich das Land in einem Schockzustand. "Wir müssen", so Margossian, "mit den Verlusten an Menschenleben ebenso fertig werden wie mit der Tatsache, ein Land zu sein, das einen Krieg verloren hat." Auf so eine Lage vorbereitet zu sein sei unmöglich. Viele Menschen würden sich an die Vorstellung klammern, dass diese Niederlage nicht endgültig ist. Und in gewisser Hinsicht stimme das auch, meint Margossian, die während der Kampfhandlungen über mehrere Wochen hinweg aus Bergkarabach berichtet hat. Es gebe schließlich keine Garantie, dass der Krieg nicht erneut aufflammt.

Verlust, Gleichgültigkeit, Angst

Um eine Vorstellung von dem kollektiven Trauma zu bekommen, an das dieser Krieg in ihrem Land rührt, müsse dessen Geschichte immer mitbedacht werden. Seit Jahrhunderten hätten Armenier die Erfahrung gemacht, Land zu verlieren. Während der Sowjetzeit habe Armenien auch Bergkarabach verloren – und das ohne nachvollziehbaren Grund, so Margossian.

Das Erlebnis des Verlustes und der Gleichgültigkeit der Welt multipliziere die Angst, immer noch mehr zu hergeben zu müssen. Der Verlust jedes Hauses und jeder Weide bei der nun anlaufenden Demarkation der Staatsgrenze zu Aserbaidschan im Südosten werde als Gefahr für die Integrität des armenischen Kernlands selbst erfahren, analysiert Margossian und fügt hinzu: "Denn wer sagt denn, dass sie nicht noch mehr wegnehmen könnten?" Man dürfe auch nicht vergessen, dass Aserbaidschan mehrfach armenisches Staatsgebiet beschossen habe und es tote aserbaidschanische Soldaten in armenischen Dörfern gab.

Das Wertesystem, das 2018 die Grundlage der vom jetzigen Premierminister Nikol Paschinjan angeführten "samtenen Revolution" war und auf dem das Land aufgebaut werden sollte, sei ins Wanken geraten, erläutert Margossian. Seither gab es die Vorstellung, der Demokratisierungsprozess habe Armenien einen Vorsprung gegenüber den Nachbarstaaten verschafft: "Aserbaidschan mag Öl haben, wir aber haben Demokratie – so dachte man."

Ein Land hängt in der Luft

Im Überschwang meinte man auch, jetzt der Liebling des Westens zu sein. Nun hänge Armenien politisch in der Luft. Premier Paschinjan habe an Vertrauen verloren, doch die Opposition sei noch viel weniger glaubwürdig, ihre Vertreter durch Korruption völlig diskreditiert. Dass diese Leute nun zurück an die Macht wollen sei eine absurde Vorstellung. Es wäre, meint Margossian, für Armenien tragisch, sollte es trotzdem dazu kommen.

Wie es nun weitergeht? Die vorliegende Roadmap der Regierung umfasse nicht mehr als Sofortmaßnahmen in einem Zeithorizont von wenigen Wochen. Was den künftigen Status von Bergkarabach angeht, bleibe sie überdies schwammig. Die Opposition behaupte, sie habe einen Plan und könne ein vorteilhafteres Ergebnis für Armenien herausverhandeln.

Sie selbst habe den Eindruck, sagt Margossian, dass viele Menschen in Armenien nicht verstehen würden, was eine ordentliche Roadmap eigentlich beinhalten sollte. Und fügt mit bitterem Lachen an: "Wir verwenden diesen Begriff hier offenbar wörtlich."

Eine Zukunft der auch Arzach genannten, aber als Republik international nicht anerkannten Region innerhalb Aserbaidschans kann sich die Journalistin jedenfalls nicht vorstellen: "Das würde sich anfühlen, als würde man einem Armenier vorschlagen, sich mitten in Istanbul hinzustellen und auszurufen: 'Ja, es hat einen Genozid gegeben!'" Die Bevölkerung sollte gefragt werden, davon ist Margossian überzeugt. Es müsse ein weiteres Referendum geben. Jetzt, sagt sie, wäre der richtige Zeitpunkt dafür. (Michael Robausch, 27.1.2021)