Zu Beginn der Woche schlägt die Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien Alarm. Der Lockdown habe enorme psychische Auswirkungen für viele Kinder, die Psychiatrie sei überfüllt. "Meist sind es gesunde Kinder ohne Vorbelastungen aus liebevollen Familien, die jetzt unter schweren Störungen leiden", sagte Paul Plener, der Leiter der Abteilung.

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Bis vor ungefähr drei Wochen hatten wir einen kerngesunden Sechsjährigen, Einzelkind. Bis zu dem Sonntagabend, an dem wir den psychosozialen Notdienst rufen mussten. Der konnte uns aber auch nicht helfen, weil es dort keine Kinderpsychologen gibt. Man verwies uns auf die Möglichkeit, die psychiatrische Kinderambulanz im AKH Wien aufzusuchen. "Na, so schlimm ist es nun auch nicht", dachten wir da noch, als das völlig erschöpfte Kind endlich schlief. Am nächsten Tag waren wir doch dort. Und ich kann nur sagen, man steht vor dem Gebäude, liest die Buchstaben "Psychiatrische Ambulanz" und möchte da nicht rein, man meint, man wäre im falschen Film, das kann doch alles nicht wahr sein.

Rückblickend betrachtet, gab es schon seit ein paar Wochen kleine Verhaltensauffälligkeiten, die man aber als trotzige Spinnereien und "schwierige Phase" abgetan hat. Bis dann aber plötzlich richtige Ticks und Zwangshandlungen daraus entstanden sind. Ich meine tatsächlich plötzlich, nämlich an besagtem Sonntag vor knapp zwei Wochen: Die Hände muss man ihm ständig von allen Seiten fotografieren, bevor er wieder etwas angreifen kann, alternierend mit Händewaschen. Dazwischen Schrei- und Brüllattacken, wenn ein Foto nicht ganz so gelungen ist, wie es der junge Mann will. Erst schimpft man das Kind noch für diesen Terror, bis es sich dann schließlich heulend und aufgelöst auf seinem Bett aufbäumt, wie unter Schmerzen die Fäuste gegen den Kopf schlägt und immer wieder "Ich will ja gar keine Foto, aber mein Gehirn will es" vor sich hin schluchzt. "Ich will, dass das aufhört, ich will, dass das aufhört."

Viren- und Bakterienangst

Am nächsten Tag ähnliches Spiel, nur dass der sonst so fröhliche Bub stundenlang nicht isst und nichts trinkt, weil er irgendwie Angst hat, etwas könnte die Lippen berühren. Man glaubt es wieder nicht, man versucht zu erklären, zu beruhigen, nichts davon dringt durch. Er will ja essen und trinken, schafft es aber nicht. Heul- und Brüllattacke, wenn ich das Glas auch nur in die Nähe seines Gesichts bringe. Verzweiflung da wie dort. Der Bub selbst nennt es "Viren- und Bakterienangst". Wobei man sagen muss, dass bei uns im Haushalt zu keinem Zeitpunkt eine Corona-Angst herrschte, geschweige denn kultiviertes Desinfektionsverhalten. Ganz im Gegenteil.

Nach sechs Stunden zwanghafter Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung war unserer Meinung nach wirklich Gefahr im Verzug. Die Ärzte im AKH waren bemüht, nett, zuvorkommend, interessiert und wirklich hilfsbereit. Vielen Dank an dieser Stelle!

Was ich schon den ganzen Tag telefonisch erfolglos versucht hatte, haben wir dann dort bekommen, nämlich den Kontakt zu einer freien Stelle bei einer Kindertherapeutin. Man hat für uns herumtelefoniert und sich umgehört. Allein, dass wir offenbar bei Ärzten waren, die sich um ihn bemüht haben, hat wiederum unserem Kind geholfen; er hat danach wieder gegessen und getrunken. Aber beim Zurückgehen zum Auto kam gleich wieder ein neuer Tick dazu, nämlich dass er ständig wieder zum Beginn des Gehsteigs laufen musste, weil er sich das Muster am Boden nicht merken konnte. Ein Wiederholungszwang.

Helfen wird die Therapie und möglichst viel normaler Alltag, Kindergarten inklusive. Wir haben Glück im Unglück, dass es in seiner Kindergartengruppe auch Sonderpädagogen gibt, die sich auf ein Kind mit Zwängen – hoffentlich nur temporären Zwängen – einstellen können.

Woher kam das aber? Vermutlich waren viele Faktoren der Auslöser, genau weiß man es nicht, aber offenbar müssen kleine Bereiche im Leben kontrolliert werden, immer wieder wiederholt werden, damit es zumindest irgendwo eine Ordnung gibt. Und noch einmal, man kann es selber kaum glauben, dass aus einem lebensfrohen Sechsjährigen plötzlich ein Kind mit Zwangshandlungen wird, bei dem man sich fürchten muss, dass es bald in einer Ecke sitzt und vor- und zurückwippt, weil alle Eindrücke zu viel sind oder sich zu vieles seiner Kontrolle entzieht. Wobei, so reagiert vielleicht ein introvertiertes Kind, unser Kind tut diesen Kontrollverlust mit Schrei- und Brüllattacken kund, sogenannten "Affektausbrüchen". Zurück zu meiner Frage: Woher kam das? Gegenfrage: Was würden Sie tun, wenn Sie ein extrovertiertes Kind sind, das seit frühester Kindheit seine größte Freude aus Blödeln mit Freunden und besonders ausgeprägtem Sozialverhalten zieht? Ein Kind, das gerne unter Kindern ist und auch anderen gern hilft. Und was wäre, wenn Sie nun seit bald einem Jahr eingeschränkten Kindergartenbetrieb erleben, Vorsichtsregeln da, Vorsichtsregeln dort, maskentragende Menschen, kaum soziale Zusammenkünfte, Weihnachten ohne Cousinen und Cousins? Kein Schwimmbadblödeln mit Papa, keine sonstigen Sportmöglichkeiten, keine Kindergeburtstage, alles gedrückt. Erwachsene, die sich seit bald einem Jahr wahlweise vor Corona fürchten oder auf die überzogenen Maßnahmen schimpfen. In so gut wie jedem Gespräch zwischen Erwachsenen schnappen Sie Wörter und Sätze wie "schlimm", "verzweifelt", "Wie lange soll man das noch aushalten?", "Die sind doch alle verrückt!" auf, und allerorts geht es fast nur um schlechte Nachrichten.

Kinderpsychiatrie überfüllt

Als Sofortmaßnahme gibt es bei uns zu Hause deshalb das Thema Corona nicht mehr. Was mehr schlecht als recht gelingt, aber schließlich soll positive Stimmung verbreitet werden. Dann fährt man gemeinsam eine kurze Strecke mit dem Auto, und im Radio läuft die Impfwerbung, wo ein 87-Jähriger schildert, er "möchte halt nicht an diesem depperten Virus sterben". So schnell kann man gar nicht den Sender wechseln.

Ein paar Tage lang wird es dennoch besser, bis das Kind Schnupfen und Husten bekommt und folglich nicht in den Kindergarten kann. Zusätzlich also die Teststraße auf der Floridsdorfer Brücke, wo er dort vor Ort doch lieber alles zusammenbrüllt, als sich testen zu lassen. Was sich die Sanitäter gedacht haben, will ich gar nicht wissen. Nachdem aber dann die Mama einen Gurgeltest macht – wenn wir schon da sind –, macht er auch einen "Erwachsenentest" und ist, 24 Stunden später haben wir die SMS, Gott sei Dank negativ, womit uns zumindest Quarantäne erspart bleibt. Auf mein Ergebnis warte ich bis heute.

Nach zwei Tagen zu Hause, ich kann nach mehreren Brüllattacken pro Stunde nicht mehr und beginne selbst zu brüllen und zu heulen, wird natürlich wieder alles schlimmer. Ich, die nicht genügend resiliente Mutter nämlich, habe ihm verboten, Dinge aus dem Küchenmüll zu fischen, die "nicht wegdürfen". Wutentbrannt bringe ich den Mist runter. Daher: Kind wacht mittlerweile mitten in der Nacht auf und "muss" sich permanent im Spiegel kontrollieren, reibt sich die Augen wund, weil die Tränen nicht irgendwo hingewischt werden dürfen, und ich weiß nicht, was noch alles. Bevor jetzt ein Väterbashing beginnt: Nein, Mutter macht nicht alles, Vater hat ähnliche Erlebnisse, wir teilen uns die Betreuung, aber Mutter schreibt gerade.

"Es wird vermutlich noch schlimmer werden, bevor es etwas besser wird", hat die Therapeutin in der ersten Stunde gesagt. Kann sein. Derweil kann ich aber nicht umhin, sarkastisch zu werden: Wir schützen die eine vulnerable Gruppe auf Kosten der anderen. Unser Kind ist kein Einzelfall, alle leiden. Das Wiener AKH hat erst vor einigen Tagen Alarm geschlagen: Die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie sei überfüllt. Immer mehr Kinder leiden an Essstörungen und Depressionen.

Homeoffice und Kinderbetreuung geht nicht

Wir alle müssen mithelfen, aber Mittelmaß muss doch auch möglich sein, und es muss zumindest gesehen werden, dass das mit Fairness im Moment nichts zu tun hat. Wir können doch nicht die Generation unserer Kinder und Jugendlichen opfern, um nur eine Gruppe von Menschen mehr schlecht als recht zu "schützen". Es kann doch nicht sein, dass gesunde, voll-erwerbsfähige Erwachsene in die Verzweiflung getrieben werden. Wer schützt denn diese vulnerablen Gruppen? Wir arbeiten, wir zahlen Steuern, wir bringen vielleicht sogar Kinder in die Gesellschaft ein, und wir werden nicht einmal gehört, kommt mir vor. Ganz im Gegenteil: "Experten" wurden letzte Woche auf ORF.at zitiert, mehr Eltern müssten ins Homeoffice gelassen werden, dann können sie auch ihre Kinder zu Hause betreuen. Man möge a) unsere Geschichte noch einmal von vorn lesen und b) selbst testhalber nur einmal eine Woche lang anspruchsvoller Arbeit im Homeoffice nachgehen und dabei gleichzeitig am besten zwei zankige Geschwister im Alter von vier und acht Jahren betreuen und schoolen. Kleiner Spoiler: Es wird nicht funktionieren. Man kann entweder acht Stunden das eine oder acht Stunden das andere machen. Eine Woche geht vielleicht, aber nicht mehrere Wochen hindurch, ohne klare Perspektive. Wie schlimm es mit Homeschooling ist, traue ich mich gar nicht erst zu beurteilen. Ich verstehe Herrn Kurz, der meint zu verstehen, dass es für alle schwierig sei, aber ich weiß halt selber noch genau, wie ich mir einmal vorgestellt habe, wie es als Familie sein würde. Zusätzlich zu aller persönlicher Verzweiflung fühlt man sich dadurch auch noch völlig unverstanden. Uns gibt es auch noch!