Der wahre Kunstgenuss bleibt dank der Pandemie auf Übermorgen vertagt: Die Abfolge von Lockdowns lässt auch die schönen Künste allmählich verrotten.

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Musikvirtuosen nehmen umständlich vor wackeligen Stativen Platz. Literaten lesen ungerührt aus tintenfeuchten Schriften. Theaterprimadonnen deklamieren aus der Tiefe künstlich-aseptischer Räume und rücken einem via Bildschirm doch bis auf Couchtisch-Entfernung nahe. Das Kameraauge bildet ein Nadelöhr: Durch seine Apparatur werden Proben der schönen Künste hindurchgezwängt. Sie sollen das Publikum trotz Lockdowns zeitnah mit Produkten des "schönen Scheins" (Schiller) versorgen.

1. Kunst wird verwässert

Wer jetzt als Künstler nicht klein beigeben möchte, muss sich als Streaming-Dienstleister verdingen. Corona bemächtigt sich immer unbarmherziger der Künste. Weil Menschen in den Kulturwerkstätten bis auf weiteres nicht zugelassen sind, werden ihnen die "Aufführungen" frei Haus, das heißt: gegen Entrichtung eines kulanten Entgelts, geliefert.

Doch die Aufrechterhaltung des bürgerlichen Ideals, wonach jeder, der brav arbeitet, auch das Anrecht auf eine angemessene kulturelle Grundversorgung besitzt, zeitigt verheerende Auswirkungen – auf die Kunstprodukte selbst. Mit der pandemieplanerischen Unterdrückung öffentlichen Lebens schrumpfen die Artefakte zusammen wie Butterflocken in der Pfanne. Sie sollen als bloße "Lebenszeichen" auf sich, auf die immer bedrückendere Not ihrer Produzenten aufmerksam machen. Dabei verkörpern sie den nebensächlichen Aspekt von Schlemmerei: den "Gruß aus der Küche".

Anstatt ein Werk der Orchesterliteratur musizieren solche "Kunstverdünner" wider Willen das kleine, feine, virtuose Stück. Kunst in Zeiten der Ruhigstellung wimmelt vor Surrogaten. Statt des Werkes, das aus eigenem Recht heraus seine Kunstfertigkeit geltend macht, wird die Sitz-Kundschaft – seit vom "Laufen" nur noch zwischen Ausgleichssportlern die Rede ist – mit "Pocket-Symphonies", Kurzprogrammen, Mikro-Dramen, Ein-Personen-Stücken abgefertigt. Es ist, mit einem Wort, Ersatzstoffzeit.

2.Der Konsum triumphiert

Kunst bleibt selbst dann, wenn sie die Lebenswelt voller Verachtung negiert, auf Aspekte der Wirklichkeit bezogen. Fällt der Alltag hingegen flach, tendiert auch ihr Gebrauchswert gegen Null. Seit die Politmanager über ihre Staatsvölker einen Lockdown nach dem anderen verhängen, fällt die Gleichförmigkeit des Alltags mit der Permanenz des Ausnahmezustands zusammen. Die beiden bilden gemeinsam ein annähernd ununterscheidbares Ganzes. Dementsprechend geht den Kunstproduzenten die Außenperspektive verloren. Die Alltagsunterbrechung eines Theaterbesuchs wird gegen einen zwiespältigen Vorzug eingetauscht: Burgschauspielern auf dem durchgesessenen Sofa bei der Arbeit zusehen zu können und dennoch Knuspergitter aus der Packung zu essen. Der Lockdown nivelliert die Künste, indem er ihre Produkte zusammenpresst. Damit wird der Laptop zum Einfallstor der ohnehin allgegenwärtigen Kulturindustrie: Die "Standardisierung" der Produkte entspricht den (vermeintlich) kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Verbraucher.

3. Die Pandemie macht kleinlaut

Die angeordnete Häuslichkeit bringt gerade auch die Theaterkunst um ihr genuines Anliegen. Spielende und Zuschauer verbringen miteinander kostbare Lebenszeit, um gemeinsam dem Tod entgegenzugehen. Schon Bertolt Brecht wusste im Spaß zu sagen: Sein Episches Theater werde es nicht geben, so lange im Bühnenbetrieb die Perversität vorherrsche, aus einem Luxus einen Beruf zu machen und die Schauspielerei von "professionellen" Fachkräften ausüben zu lassen.

Überlässt man Kritik nicht allein dem Kabarett, so bleibt in Pandemiezeiten die anleitende Wirkung jener utopischen Vorstellung – dass Kunst für alle sei, gemacht von allen – doch außer Kraft gesetzt. Auch sonst weicht jeder Anflug von Kritik dem Gefühl vorauseilender Solidarität. Katastrophen und Pandemien reizen vielleicht zum Widerspruch gegen mickriges Regierungshandeln. Sie stoßen jedoch kein Zeitfenster auf, um Blicke auf eine erweiterte Wirklichkeit zu eröffnen.

4. Reklame ersetzt Schönheit

Den auf Streaming und Frei-Luft-Ständchen eingeengten Künsten eignet etwas Uneigentliches. Ihre Kunstwerke ähneln Reklameartikeln ihrer selbst. Man ist versucht, an die "Dialektik der Aufklärung" zu erinnern: Wo in der Kulturindustrie der Gebrauchs- in den Tauschwert aufgelöst wird, bleibt der Gebrauch eines kulturindustriellen Produkts Verheißung – ohne Chance auf Einlösung.

Nichts wird mehr "um seiner selbst willen" konsumiert. Auf verblüffende Weise gilt das auch für die ersatzweise zirkulierenden Kunstprodukte der Corona-Zeit: Sie machen Reklame für sich selbst, indem sie an die prekäre Lage der Künstler erinnern.

Doch meinen sie in Wahrheit gar nicht sich selbst. Sie bilden lediglich die Platzhalter für die so viel schöneren Werke, die irgendwann einmal, nach der endgültigen Vernichtung des Virus, entstehen sollen. Kunst beansprucht alles. Sie will diejenige Ausnahme sein, deren Platz heute die Pandemie einnimmt. (Ronald Pohl, 30.1.2021)