Julia Nawalnaja nachdem sie den Flughafen in Moskau verlässt, wo ihr Mann am 17. Jänner verhaftet worden ist.

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Nun muss sie selbst zu Anhörungen, weil sie auf einer nichtgenehmigten Protestveranstaltung verhaftet wurde.

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Das Ehepaar Julia und Alexej auf dem Flug von Berlin nach Moskau.

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Kurz vor der Rückkehr nach Russland bekam Julia Nawalnaja vom ultrakonservativ-monarchistischen TV-Sender Zargrad ein unmoralisches Angebot: Nacktfotos gegen ein politisches Versprechen. Der Sender behauptete, kompromittierendes Material über Geliebte von Alexej Nawalny gesammelt zu haben, und zeigte schon einmal intime, wenn auch leicht verpixelte Fotos, die Nawalnys Ärztin Anastasia Wassiljewa diesem angeblich geschickt haben soll.

Zargrad sei bereit, dieses "Archiv Julia zu übergeben, aber nur wenn sie persönlich mit uns Kontakt aufnimmt und bestätigt, dass sie keine Swetlana Tichanowskaja in Russland werden will", verkündete der Sender. Ansonsten würden die Fotos Stück für Stück veröffentlicht, lautete die Drohung. Das Angebot sagt nicht nur einiges über den Kanal aus, der angeblich "den Schutz der Familie" über alles stellt, sondern auch über die wachsende Rolle der gebürtigen Moskauerin Julia Nawalnaja.

Parallelen zu Belarus

Denn der Vergleich mit Swetlana Tichanowskaja kommt nicht von ungefähr: Tichanowskaja nahm im vergangenen Jahr in Vertretung ihres inhaftierten Ehemanns an den Präsidentenwahlen in Belarus (Weißrussland) teil und hat sie nach Ansicht der Opposition deutlich gewonnen. Nachdem sich Amtsinhaber Alexander Lukaschenko trotzdem mit angeblich 80 Prozent der Stimmen zum Sieger erklärte, kam es zu landesweiten Demonstrationen, die bis heute nicht vollständig beendet sind.

Eine ähnlich konsolidierende Rolle innerhalb der Opposition trauen nicht wenige Anhänger, aber auch Gegner der Nawalnys nun Julia in Russland zu. Dabei hat die 44-Jährige in der Vergangenheit nie eigene politische Ambitionen geäußert. Stets stand sie im Schatten ihres Mannes, der als Blogger, Korruptionskämpfer und Kreml-Kritiker in den vergangenen zehn Jahren zumindest im Internet – in Russlands zumeist staatlich kontrollierten TV-Stationen herrscht ein inoffizielles Auftrittsverbot – zu einer medialen Größe aufgestiegen ist.

Hausfrau und Mutter

Julia Nawalnaja, die ihren Mann 1998 bei einem Türkei-Urlaub kennenlernte und im Jahr 2000 heiratete, beschränkte sich dagegen lange Zeit weitgehend auf die Rolle als Mutter und Hausfrau. Die Nawalnys haben zwei Kinder; Tochter Darja (Jahrgang 2001) und Sohn Sachar (2008).

Nawalnaja hat zwar einen Abschluss als Ökonomin an der Moskauer Plechanow-Universität für Wirtschaft gemacht, doch über ihre Arbeit gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Sie soll Anfang der Nullerjahre in einer Moskauer Bank gearbeitet und später dann die Buchhaltung im Betrieb der Schwiegereltern übernommen haben.

Rückendeckung für Nawalny

Politisch unbedarft ist sie aber keineswegs: Im Jahr 2000 trat sie gemeinsam mit ihrem Mann der sozialliberalen Partei Jabloko bei. Die um den Wirtschaftswissenschafter Grigori Jawlinski aufgebaute Partei ist bis heute die einzige mit demokratischem Anspruch, die es regelmäßig zumindest in die Regionalparlamente schafft. Während ihr Mann 2007 nach einem Skandal aus der Partei flog, trat Nawalnaja erst 2011 aus.

Zu der Zeit half und assistierte sie ihrem Mann schon lange bei der Verwirklichung seiner politischen Projekte. Als die Proteste gegen das erstarrende Putin-Regime in Russland begannen, trat sie bei den Veranstaltungen auch als Rednerin auf. Sie positionierte sich dabei aber nie als eigenständige politische Figur, sondern stets als loyale Unterstützerin ihres Mannes, den sie auch mit scharfer Rhetorik gegen die Angriffe der Obrigkeit zu verteidigen wusste. Wladimir Putins zum Chef der Nationalgarde avancierten ehemaligen Leibwächter Viktor Solotow bezeichnete Nawalnaja als "Dieb, Feigling und frechen Banditen", als dieser – von Nawalny der Korruption bezichtigt und bloßgestellt – drohte, aus dem Oppositionellen "Hackfleisch" zu machen.

Aus dem Schatten getreten

Andererseits drängte sie nie an die Öffentlichkeit. Andere Personen aus dem Umfeld des Kreml-Kritikers waren medial wesentlich präsenter; sei es dessen Juristin Ljubow Sobol, die oben bereits erwähnte Ärztin Wassiljewa oder auch der Leiter der Rechercheabteilung im "Fonds für Korruptionsbekämpfung", Georgi Alburow. Während Nawalny – oft begleitet von seinen Mitarbeitern – im ganzen Land umhertourte, hielt Nawalnaja daheim die Stellung.

Bis zum vergangenen Sommer: Auch da war sie in Moskau, während Alexej in Sibirien auf einem Recherche- und Wahlkampftrip weilte, jedoch auf dem Rückflug plötzlich mit Vergiftungserscheinungen zusammenbrach. Als er endlich ins Krankenhaus gebracht wurde, lag er bereits im Koma.

Seither ist sie selbst immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Sie reiste nicht nur sofort nach Sibirien, sondern setzte auch die Ausreise Nawalnys nach Deutschland zur Behandlung in der Berliner Charité durch. "Das Schlimmste war, ihn zu sehen und zu verstehen, dass die Lage wohl noch schlimmer war, als ich es erwartet hatte. Die Angst der Ärzte zu sehen, die sich fürchten, dir zu viel zu sagen, und offensichtlich etwas verbergen", erinnerte sie sich später an den Moment im Omsker Krankenhaus, wo sie verstand, "dass ich ihn hier rausholen muss". Sie habe sich in der Situation einfach nicht erlauben können, Schwäche zu zeigen, sagte Nawalnaja, die auch in Berlin stets an der Seite ihres Mannes blieb.

Vor Tod gerettet

"Julia, du hast mich gerettet", dankte Nawalny ihr später nach dem Erwachen aus dem Koma. Und auch viele andere Beobachter sehen sie als die Verantwortliche für das Überleben des Kreml-Kritikers. Dies hat Folgen – auch für sie. Nach Nawalnys Verhaftung, unmittelbar nach der Rückkehr aus Deutschland in die Heimat, wandelte sie sich zur zentralen Figur der Proteste am 23. Jänner und landete innerhalb weniger Minuten im Gefängnistransporter. Auch vergangenen Sonntag wurde sie wieder einmal festgenommen und befand sich mehrere Stunden in Polizeigewahrsam.

"Indem sie ihren Mann vor dem Tod gerettet hat, wurde sie zu einer starken politischen Figur", meint der Polittechnologe und Galerist Marat Gelman. Freie Wahlen würde sie nun gegen jeden, außer Putin, gewinnen, fügte er hinzu.

Der Kremlchef selbst scheint da trotz der patriarchalisch geprägten Strukturen im Land und einer mehrheitlich orthodoxen, teils islamischen, in jedem Fall aber konservativen Bevölkerung weniger sicher. Denn die Stimmung in Russland hat sich in den vergangenen Jahren gedreht. Von der nationalistischen Euphorie nach der Annexion der Krim 2014 ist kaum noch etwas zu spüren.

Ära Putin

Zwar hält die Mehrheit der Russen den Anschluss der Halbinsel nach wie vor für gerechtfertigt, doch längst haben andere Probleme Priorität: Der Lebensstandard der Menschen ist seit Jahren rückläufig, die Corona-Krise hat die sozialen Missstände nur noch verschärft. Der immer wieder genutzte Vergleich zu den "verfluchten 90ern", als es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dem Großteil der Russen noch schlechter ging, verfängt nicht mehr so.

Gerade junge Menschen haben die Zeit nicht mehr erlebt und kennen nur noch die Ära Putin. Sie vergleichen die Verhältnisse jetzt mit ihrem Lebensstandard vor fünf oder zehn Jahren und stellen kaum Verbesserungen fest.

Korruption kratzt an Putins Image

Enthüllungen über Korruption und den Luxus der russischen Elite stoßen unter diesen Umständen auf besondere Resonanz. Die Publikation über den mehr als eine Milliarde Dollar teuren Palast am Schwarzen Meer, umgeben von Weingütern, Austernfarmen und riesigen Jagdgefilden, musste daher Wellen schlagen. Laut Papieren gehört das Objekt einem undurchsichtigen Firmengeflecht unter Beteiligung eines entfernten Verwandten Putins. In Wirklichkeit soll es der Präsident selbst nutzen.

Die Indizien dafür sind mit einer Flugverbotszone, der finanziellen Beteiligung von staatlichen und kremlnahen Unternehmen und Geheimdienstschutz stark, das Dementi Putins – "der Palast gehört mir nicht, weil er nicht auf meinen Namen registriert ist" – hingegen eher schwach. Und so dürften die Proteste denn auch weitergehen. Nawalny selbst sitzt hinter Gittern und fällt aus – womöglich länger, angesichts der Fülle an Strafverfahren, die die Behörden gegen ihn ausgegraben haben. Umso wichtiger wird seine Frau als Gesicht und Stimme der Opposition werden, wenn sie Veränderungen erreichen will. (André Ballin aus Moskau, 1.2.2021)