"Wenn es aufgeht, ist es fast wie eine Sucht." Den 25-jährigen Max hat, wie so viele seiner Altersklasse, das Börsenfieber gepackt. Er studiert in Wien und jongliert mit Aktien wie der US-Kinokette AMC Entertainment oder dem finnischen Netzwerkausrüster Nokia. "Bei Gamestop habe ich den Einstieg verpasst", berichtet Max am Telefon. Anders bei AMC, wo er an einem einzigen Tag zehnmal ge- und wieder verkauft habe. Fast rund um die Uhr habe er sich damit beschäftigt. "Aber es hat sich ausgezahlt."

Gesund ist das Spekulationsfieber mit Aktien auf Dauer nicht – zumeist folgt darauf an den Börsen eine Abkühlung.
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"Am Anfang ging es um das schnelle Geld", sagt Max über seine ersten Aktienkäufe. Dann kam die Sache mit den Leerverkäufen der Hedgefonds dazu, die bei den jeweiligen Aktien auf sinkende Kurse setzten, und er dachte: "Jetzt erst recht." Dem Charme, dass sich junge Menschen über soziale Netzwerke organisieren und das Großkapital in die Knie zwingen, kann auch Max sich nicht entziehen. "Das finde ich schon cool."

Wie hat alles bei ihm angefangen? Interesse habe Max schon länger gehabt und im Oktober – Geld und Zeit waren wegen der Corona-Einschränkungen vorhanden – mit Indexprodukten wie ETFs begonnen. Dann bekam er den "Hype" um die Reddit-Community Wallstreetbets mit, die sich gegen die Leerverkäufe der Hedgefonds formierte, und fing Feuer. Erst mit kleinen Einsätzen, zuletzt bei AMC mit etwa 1500 Euro. "Dann ist man voll drin."

Vorwissen

Max behauptet von sich, bei seinem Einstieg schon ein Vorwissen über die Finanzwelt gehabt zu haben. Die Spekulation mit den Einzeltiteln erfolge bloß mit "Spielgeld" neben seinen langfristigen Anlagen. Auch in seinem Bekanntenkreis werde derzeit viel gezockt, etliche würden aber nicht einmal die Grundbegriffe der Börse kennen.

Finanzwissen, ein Heimspiel für Prof. Bettina Fuhrmann von der WU Wien. Sie sieht die Vorgänge rund um Aktien wie Gamestop oder AMC mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits freut es die Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik, dass sich junge Menschen mit Wertpapieren beschäftigen. "Sehr spannend" findet Fuhrmann das Prinzip "David gegen Goliath" hinter dem Ringen mit dem Großkapital, nur um die Pläne der Hedgefonds zu durchkreuzen.

Auf Reddit formierten sich die Kleinanleger zum Angriff auf Hedgefonds, die auf fallende Kurse bei Gamestop gesetzt hatten.
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Sorgen bereitet ihr jedoch, dass die offensichtliche Spekulation mit Aktien auf Außenstehende abschreckend wirken könne – und wie sich die Exzesse um Gamestop oder AMC langfristig auf die neuen, jungen Kleinanleger auswirken. "Es gibt welche, die sich ins Geschehen werfen, ohne die Grundlagen zu kennen", sagt Fuhrmann – die also Grundsätze wie Langfristigkeit, Risikostreuung oder Bewertungen außer Acht lassen und daher auf lange Sicht enttäuscht sein könnten und Wertpapieren abschwören. "Ich bin gespannt, wie es weitergeht", sagt Fuhrmann.

Enttäuschungen sind jedoch fast vorprogrammiert, wie die Vergangenheit zeigt – denn die jüngsten Verwerfungen um Gamestop und Co sind nur der bisherige Höhepunkt einer längeren Entwicklung. Begonnen hat sie mit der Verbreitung von sogenannten Trading-Apps wie die des US-Anbieters Robinhoood. Der Handel mit Wertpapieren funktioniert fast spielerisch, man kann beliebig kleine Beträge investieren, und das offiziell kostenlos – tatsächlich sind sie aber nur gut versteckt. Dennoch, das auf die Generation Smartphone zugeschnittene Angebot schlug bei der Zielgruppe ein, Robinhood wurde zu einem der am höchsten bewerteten Start-ups.

Verwerfungen

Besonders in der Corona-Krise nahm der Zulauf an Kunden, die sich auch in sozialen Netzwerken austauschten, deutlich zu, erste Verwerfungen am Aktienmarkt ließen nicht lange auf sich warten. Bereits im Juni trieben Kleinanleger den bankrotten Autovermieter Hertz um fast 1500 Prozent nach oben, und bei Eastman Kodak waren die Kurszuwächse im Monat darauf fast doppelt so hoch – freilich ging es danach ebenso rasant wieder nach unten. Den Vogel schoss die Community Anfang Jänner mit Signal Advance ab: In der falschen Annahme, die Aktien der Whatsapp-Alternative Signal zu erwerben, trieb sie einen fast wertlosen US-Komponentenerzeuger auf eine Milliardenbewertung, bevor das Kartenhaus wieder zusammenbrach.

Ähnliches zeichnet sich nun auch bei Gamestop ab. Vergangene Woche kostete die von Kleinanlegern in schwindelerregende Höhen getriebene Aktie des kriselnden Videospielehändlers in der Spitze fast 470 Dollar, am Dienstagabend war sie bereits wieder um 90 Dollar zu haben – was wohl immer noch ein Vielfaches des eigentlichen Werts der Aktie darstellt. Dessen ist sich im Grunde auch der Wiener Student Max bewusst, wie er sagt. Trotzdem möchte er mit seinen Aktienspekulationen weitermachen – fragt sich aber, wie lange das Kräftemessen mit den Hedgefonds noch gutgehen kann.

Wahrscheinlich gar nicht mehr, ein weiteres Mal werden sich die Hedgefonds nicht auf dem falschen Fuß erwischen lassen – beziehungsweise sollen sie die Community bereits unterwandert und ihrerseits versucht haben, Kleinanleger ins offene Messer laufen zu lassen. Spannend wird auch die Reaktion der Behörden, denn Absprachen unter Anlegern sind grundsätzlich problematisch, auch wenn Marktmanipulation bisher auf das Großkapital abzielte. Auch Max habe sich kurz überlegt, ob dies alles legal sei. "Aber als Kleiner?", fragt er – und wischt seine Bedenken damit weg, dass Trading-Apps ihren Kunden den Zugang zu Aktien wie Gamestop zeitweilig sperrten: "Das ist doch auch Marktmanipulation." (Alexander Hahn, 4.2.2021)