Die OMV erlitt im Corona-Jahr einen starken Gewinneinbruch.

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Wien – Die OMV legte am Donnerstag ihren Geschäftsbericht für das Corona-Jahr 2020 vor, und dieser allein wäre ob der schweren Verluste, die die Corona-Krise dem Konzern einbrockte, schon spannend. Der Gewinn brach um ein Drittel ein. Zusätzlich gibt es Personalverschiebungen, die für reichlich Gesprächsstoff sorgen. Alfred Stern, der bisher die OMV-Tochter Borealis leitete, zieht ab 1. April in den Vorstand des teilstaatlichen Energiekonzerns ein. Dort wird er für den Bereich Chemicals & Materials verantwortlich sein.

Wer Alfred Stern in der Borealis nachfolgen wird, wollte OMV-Chef Rainer Seele noch nicht verraten. Der bisherige Bereich Refining & Petrochemical Operations, für den derzeit Thomas Gangl als Vorstand zuständig ist, wird in Refining und Chemicals & Materials geteilt. Gangl bleibe Vorstandsmitglied, sagte Seele.

Transformation zum Chemiekonzern

Im Rahmen der Bilanz präsentierte die OMV auch die neue Unternehmensstrategie: Die Öl- und Gasproduktion soll deutlich zurückgefahren werden und eine Transformation zum Chemiekonzern vollzogen werden. "Das langfristige Ziel von 600.000 Barrel am Tag und die Reservenverdoppelung wird die OMV strategisch nicht mehr weiterverfolgen", sagte Seele. Man habe eine Neuausrichtung definiert und wolle sich zu einem Chemiekonzern entwickeln. Denn vor allem in der Chemiesparte wolle man wachsen.

Der 56-jährige Alfred Stern wird nun für den Bereich Chemicals & Materials bei der OMV verantwortlich sein.
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Bei der OMV sieht man im Bereich Chemicals & Materials großes Wachstumspotenzial. Die Ziele, die 2018 für das Upstream- und Raffineriegeschäft geschmiedet wurden, habe man zugunsten der Chemiesparte verworfen. Künftig sollen 480.000 bis 500.000 Barrel am Tag produziert werden.

Im Vorjahr ging die Gesamtproduktion der OMV um fünf Prozent auf 463.000 Fass pro Tag (Öläquivalente) zurück. "Wir hatten keine Produktion in Libyen, das ist der Grund, warum wir im letzten Jahr einen Rückgang der Produktion hatten", sagte Seele. "Libyen ist aber im vierten Quartal jetzt wieder zurückgekommen, und die Produktion dort läuft stabil, deshalb wird die Produktion im Jahr 2021 ansteigen." Für heuer wird mit einer Tagesproduktion von 480.000 Fass gerechnet.

Starker Einbruch

Sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn erlitt die OMV einen starken Einbruch: Der Umsatz sei um 29 Prozent auf 16,55 Mrd. Euro zurückgegangen, das um Lagerhaltungseffekte bereinigte CCS Operative Ergebnis vor Sondereffekten habe sich auf 1,686 Mrd. Euro halbiert, und unterm Strich sei ein Periodenüberschuss von 1,478 Mrd. Euro (–31 Prozent) geblieben, gab die OMV am Donnerstag in der Früh bekannt.

Während das Upstream-Geschäft (Öl- und Gasproduktion) durch den massiven Öl- und Gaspreisverfall substanziell betroffen gewesen sei, habe sich das Downstream-Geschäft als wesentlich resistenter erwiesen, hieß es in der Mitteilung. Downstream habe den Gewinn im Gas-Trading und Retail-Geschäft gesteigert, trotzdem sei das Downstream-Gesamtergebnis leicht gesunken.

"Welt hat sich gedreht"

"Die Welt hat sich gedreht", erklärte der OMV-Chef zum Strategiewechsel. "Wir gehen davon aus, dass die Elektrifizierung der Mobilität und des Transports greifen wird. Wir gehen davon aus, dass auch andere Antriebe zukünftig diesen Markt bestimmen werden, und erwarten dementsprechend eine Konsolidierung im Raffineriegeschäft, und das global."

Das Wachstum im Chemiebereich werde sich durch die Investitionspipeline der Borealis ergeben. Während man im letzten Jahr wegen des schlechteren Ausblicks für die Öl- und Gaspreise fast eine Milliarde Euro an Abwertungen im Upstream-Bereich gehabt habe, habe es weder bei den Raffinerien noch im Chemiebereich Abwertungen gegeben, sondern nur Aufwertungen.

Mittelfristige Investitionen in Österreich

Für Österreich seien in der Mittelfristplanung Investitionen in Höhe von drei Milliarden Euro vorgesehen, davon ein Drittel für nachhaltige Projekte, sagte Seele, "für das Kunststoff-Recycling, für erneuerbare Energie und für die Erzeugung von grünem Wasserstoff". Auch die Eigenproduktion von Öl und Gas in Österreich werde man nicht vernachlässigen. Den Rohöleinsatz in den eigenen Raffinerien wolle man sukzessive substituieren.

Rainer Seele präsentierte am Donnerstag die neue Konzernausrichtung für die OMV. Es soll eine Transformation geben.
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Aber die OMV betrachte die Erzeugung erneuerbarer Energien nicht als ein Kerngeschäft, damit kenne sich der Partner Verbund besser aus. "Ich erkenne bei der OMV auch nicht irgendeinen großen Wettbewerbsvorteil bei der Stromerzeugung oder im Stromhandel. Nein, die OMV transformiert sich in Richtung Chemie und nicht in Richtung Strom." Die Stromprojekte seien vor allem auf den Eigenbedarf ausgerichtet, und man werde sie in Partnerschaft mit dem Verbund verfolgen.

Borealis will Düngemittelgeschäft verkaufen

Die Borealis selbst soll ihr Düngemittelgeschäft, das mit rund 2.000 Mitarbeitern etwa 15 Prozent des Borealis-Umsatzes erwirtschaftet, noch im Laufe dieses Jahres verkaufen. "Wir haben mit dem Düngemittelgeschäft einfach keine wettbewerbsfähige Größe", meint Seele. Die OMV hatte erst vor kurzem ihre Beteiligung an der Borealis um 4,1 Mrd. Euro auf 75 Prozent aufgestockt und den Wert des ursprünglichen 36-Prozent-Anteil in den Büchern deutlich nach oben berichtigt.

Borealis betreibt Anlagen für die Pflanzennährstoffproduktion in Österreich und Frankreich. Mit rund 60 Lagern in ganz Europa und einer jährlichen Auslieferung von rund fünf Millionen Tonnen Produkten in West-, Mittel- und Südosteuropa sei man einer der führenden Düngemittelproduzenten in Europa, heißt es in der Borealis-Mitteilung. Seele zufolge habe man im Düngemittelgeschäft keine wettbewerbsfähige Größe, deshalb werde er abgestoßen. (red, APA, 4.2.2020)