In den USA stehen Amazon-Lieferanten in Zukunft unter ständiger Überwachung.

Foto: AP/Steven Senne

Immer wieder gerät Amazon wegen schlechter Arbeitsbedingungen in Kritik. Erst letzten Oktober deckte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) auf, dass Mitarbeiter in Versandlagern auf Schritt und Tritt überwacht werden. In den USA startet der Konzern nun weitere Maßnahmen: nämlich die Installation von KI-gestützten Kameras im Führerhaus seiner Lieferwagen. Diese sollen den Fahrer permanent filmen – zu dessen eigener Sicherheit, wie Amazon behauptet. Laut der Arbeiterkammer Wien wäre eine solche Überwachung in Österreich unzulässig.

Sobald der Zündschlüssel gedreht wird, beginnen vier Kameras mit der Aufzeichnung der Umgebung und des Führerhauses, erklärt Amazon in einem Werbevideo für den US-Markt. Dabei betont der Konzern, dass es sich nicht um Überwachung seiner Arbeitnehmer handle, sondern um eine Sicherheitsvorkehrung für ebendiese.

Denn obwohl die Aufzeichnung immer läuft, würde es nur dann zum Upload kommen, wenn Gefahrensituationen erkannt werden. Darunter fällt unter anderem: wenn der Fahrer nicht an einem Stopp-Schild stehenbleibt, zu schnell fährt, abgelenkt ist oder sich nicht anschnallt. Außerdem soll es den Mitarbeitern möglich sein, auch manuell für das Hochladen der Videos zu sorgen, sollten sie sich bedroht fühlen. Audioaufzeichnungen sind nicht geplant.

Künstliche Intelligenz

Zum Einsatz kommt ein Kamerasystem der kalifornischen Firma Netradyne, genauer gesagt das Modell "Driveri", das dank künstlicher Intelligenz die oben genannten Gefahrensituationen erkennen können soll. Per Stimme werden Fahrer zum Beispiel darauf hingewiesen, wenn sie zu schnell fahren oder durch ein Smartphone vom Straßenverkehr abgelenkt sind.

In Amazons Werbevideo werden Beispiele für Gefahrensituationen gezeigt.
Foto: Vimeo/Screenshot

Zugriff auf die Dateien soll laut Amazon nur eine "begrenzte Anzahl autorisierter Personen" erhalten, einen Livefeed der Aufzeichnungen gebe es nicht. Die einzige Möglichkeit, die Kameras auszuschalten, besteht während eingelegter Pausen – allerdings nur dann, wenn der Zündschlüssel gezogen wird.

Eine so umfassende und permanente Überwachung der Mitarbeiter wäre in Österreich allerdings weder arbeits- noch datenschutzrechtlich zulässig, erklärt die Arbeiterkammer Wien auf STANDARD-Anfrage.

Überwachung und die Menschenwürde

"Überwachungskameras, die Arbeiter während ihrer Tätigkeit filmen, sind eine Kontrollmaßnahme, die die Menschenwürde berührt. Dafür braucht es die Zustimmung des Arbeitnehmers oder Betriebsrats", erklärt die Arbeitsrechtsexpertin Martina Chlestil. Durch die permanente Überwachung, wie Amazon sie in den USA plant, sei die Menschenwürde jedoch nicht nur berührt, sondern verletzt. Das würde sie hierzulande komplett unzulässig machen.

Datenschutzrechtlich bestehe zudem das Problem, dass mit den Bildaufnahmen auch personenbezogene Daten verarbeitet würden. Auch dafür brauche es eine freiwillige Zustimmung – die notwendige Freiwilligkeit sei in einem Anstellungsverhältnis allerdings nicht gegeben, sagt Chlestil.

In Gesprächen mit Amazon-Lieferanten in den USA erfuhr "The Information" von betroffenen Personen, dass auch sie das Netradyne-System als invasive Überwachung wahrnehmen, da es den Druck auf Zusteller weiter erhöhe. Dabei leiden diese ohnehin unter Zeitmangel und strengsten Lieferterminen, berichtet "Heise".

Häufige Kritik an Amazon

Erst vergangenen Dienstag teilte zudem die US-Verbraucherschutzbehörde FTC mit, dass Amazon wegen Trinkgeldunterschlagung eine Strafe in Höhe von 61,7 Millionen Dollar bezahlen muss. Der Konzern habe nämlich Lieferfahrern über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren nicht ihre vereinbarten Bezüge voll ausgezahlt, so der Vorwurf.

Die Überwachungsmaßnahmen sollen nach Angaben des Unternehmens in Österreich nicht zum Einsatz kommen, wie der STANDARD in Erfahrung bringen konnte. (mick, 4.2.2021)