Das Schmerzmittel Oxycontin gilt als Treiber der Opioid-Krise.

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New York / Wien – Gestresst und einsam? Versuchen Sie es doch einmal mit Heroin! Solche Werbebotschaften sind, so wie die beworbene Substanz, natürlich illegal. Doch angesichts der seit zwanzig Jahren in den USA grassierenden Opioid-Krise wird etlichen Unternehmen vorgeworfen, den legalen Spielraum bei der Vermarktung von Schmerzmitteln mit hohem Suchtpotenzial mehr als ausgereizt zu haben.

Nun trifft es auch einen der großen Namen außerhalb der Pharmabranche: Die Unternehmensberatung McKinsey stimmte am Donnerstag einem Vergleich über mindestens 600 Millionen Dollar zur Beilegung von Klagen wegen ihrer Rolle in der Opioid-Vermarktung zu. Mehr als 40 US-Bundesstaaten hatten gegen McKinsey wegen der Beratung des Oxycontin-Herstellers Purdue Pharma und seiner Eigentümerfamilie Sackler geklagt. Der Großteil des Geldes soll in die Prävention von Opioid-Abhängigkeit fließen.

Im Zuge der Opioid-Krise sind in den USA seit 1999 mehr als eine halbe Million Menschen durch Überdosen von Schmerzmitteln und illegalen Drogen ums Leben gekommen. Im Zentrum der Kritik steht besagter Konzern Purdue Pharma, dem vorgeworfen wird, mit der Vermarktung seines Schmerzmittels Oxycontin die Krise befeuert zu haben.

Schuld eingestanden

Das Unternehmen meldete schließlich im Oktober 2020 Konkurs an, als Purdue neben einem Vergleich in Höhe von rund acht Milliarden Dollar auch seine explizite Schuld eingestand. Das Unternehmen gab zu, sich mit anderen verschworen zu haben, um Ärzte dazu zu bringen, ihr Schmerzmittel ohne einen "legitimen medizinischen Grund" zu verschreiben. Dabei wurde in Kauf genommen und unzureichend darüber informiert, dass die betroffenen Opioide, ähnlich wie seine Verwandten Heroin und Morphium, süchtig machen. Das Schuldeingeständnis betrifft nicht die Inhaber Familie Sackler und damalige Top-Manager – hier wird weiter prozessiert.

McKinsey wird in die Nähe der Strategie gebracht, mit der Purdue den Verkauf der Schmerzmittel ordentlich ankurbeln wollte. Der Unternehmensberater bestritt zuletzt, seinem Kunden zu etwas Illegalem geraten zu haben. Mit dem Millionenvergleich übernehme der Konzern weder rechtliche Verantwortung, noch sei es ein Schuldeingeständnis, hieß es am Donnerstag.

Gegen Stress und Isolation

Vor zwei Jahren wurde McKinsey öffentlich in die Vorwürfe verwickelt, als eine Anklageschrift gegen Purdue des Staatsanwalts von Massachusetts an die Medien gelangte. Demnach habe McKinsey als Berater des Pharmakonzerns auf die Marketingbotschaft gesetzt, dass Opioide den Patienten dabei helfen würden, Stress zu lindern, optimistischer zu sein und sich weniger isoliert zu fühlen, wie ein Bericht der New York Times aus dem Papier zitiert. Darin wird auch die Taktik beschrieben, besonders Ärzte zu umwerben, die ohnehin schon großzügig Opioide verschrieben. Der weltgrößte Unternehmensberater hat sich nicht unmittelbar zum Vergleich zu Wort gemeldet.

Als Folge des Vergleichs, muss McKinsey auch relevante Dokumente über die Zusammenarbeit mit Purdue an die Ermittler übergeben.

Corona verschärft Problem

Während der Rechtsstreit zwischen den Inhabern von Purdue und den Behörden noch andauern dürfte, gab es bereits einen Schuldspruch: Der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson wurde 2019 vor Gericht zu 572 Millionen Dollar an Schadenersatz verpflichtet, weil er die Gefahren seiner Opioide heruntergespielt hatte. Das Unternehmen ging in Berufung. Insgesamt sind noch über 3200 Klagen rund um die Opioid-Krise offen.

Die Corona-Pandemie hat die Krise verschärft, wie die US-Gesundheitsbehörde CDC im Dezember feststellte. Demnach seien in den zwölf Monaten bis Juni 2020 – und vor allem gegen Ende der Periode – 81.000 Menschen an einer Überdosis durch Drogen- beziehungsweise Medikamentenmissbrauch verstorben, so viele wie noch nie. Haupttreiber waren synthetische Opioide. Gestiegene Isolation und erschwerte Betreuungsmöglichkeiten sind ein trauriger Nebeneffekt der Corona-Krise. "Wir müssen uns im Kampf gegen die Pandemie um Menschen kümmern, die unter den unbeabsichtigten Konsequenzen leiden", sagte Behördenchef Robert Redfield. (Leopold Stefan, 17.3.2021)