In Palmer sind es die Welten des ehemaligen Footballstars und frisch aus der zwölfjährigen Haft entlassenen Eddie Palmer (Justin Timberlake) und des achtjährigen Sam (Ryder Allen), die aufeinanderprallen.

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Den großen Innovationspreis wird die Apple TV+-Produktion Palmer nicht gewinnen. Der Schauspieler und Regisseur Fisher Stevens schöpft nach einem Drehbuch von Cheryl Guerriero aus dem randvollen Topf der klassischen Dramaturgien und zimmert daraus ein einigermaßen überraschungsarmes Drama um ein ungleiches Paar zusammen. Nirgendwo scheint diese nach kaltem Kaffee schmeckende Plattitüde mehr Bestand zu haben als im Film, aber es ist, wie es ist: Gegensätze ziehen sich an, never change a winning concept.

In Palmer sind es die Welten des ehemaligen Footballstars und frisch aus der zwölfjährigen Haft entlassenen Eddie Palmer (Justin Timberlake) und des achtjährigen Sam (Ryder Allen), die aufeinanderprallen: Bier trinkender, toxischer Haudrauf-Typ alter Schule, der gerade bei seiner Oma (June Squibb) wieder eingezogen ist, trifft auf queeren Jungen mit einem Faible für Einhörner, Kaffeekränzchen und die Fernsehsendung Prinzessin Penelope. Da Sams drogenabhängige Mutter (Juno Temple) meist mit ihrem prügelnden Freund verschwindet, avanciert Palmer, zunächst unfreiwillig, zum Leihvater, spätere Selbsterkenntnisse und eine zuckersüße Liebesgeschichte mit der Lehrerin Maggie (Alisha Wainwright) inbegriffen.

Queerness in der Kindheit

Man hat vieles schon tausendmal gesehen und wird bei diesem tausendundersten Mal erneut Gewahr, dass derartige filmische Wiederholungen nur von kleinen Modifikationen leben können. In Palmer ist das die Tatsache, dass mit dem Fokus auf Queerness in der Kindheit ein Thema behandelt wird, über das schlicht noch nicht viel erzählt wurde. Mit seinem jungen Helden mit Haarspange setzt der Film eine kleine Fußnote im Bereich der Empowerment-Filme, die in den letzten Jahren verstärkt endlich auch im Mainstream angekommen sind. Palmer erzählt mit großem Selbstverständnis von diversen Identitäten: Natürlich muss sich Sam an Halloween als Prinzessin verkleiden, was für eine Frage!

Zugleich erlebt der vom flippig-feisten Jungstar Ryder Allen gespielte Junge Diskriminierungen durch Mitschüler und die Proleten der Kleinstadt. Den Rücken halten ihm seine Lehrerin und Palmer frei. Timberlake schiebt sich mit geschorenem Kopf, Vollbart und Knasttattoos durch die Szenerie und verleiht seiner nicht wirklich komplex angelegten Figur eine mürrisch-kantige Präsenz. Er empfiehlt sich mit seiner Rolle nach der schauspielerischen Durststrecke der letzten Jahre als Charakterdarsteller und fegt die letzten vielleicht noch verbliebenen Spuren seiner Boygroup-Vergangenheit endgültig beiseite.

Gemütlich auf Nummer sicher

Fotografiert in naturalistischen Bildern, geben sich in Palmer Buddyfilm und Sozialdrama die Klinke in die Hand. Die filmische Zuspitzung ist dabei das Programm, um eine Kritik zu formulieren. "Er kommt dann ins System", sagt eine Polizistin, als Palmer einmal versucht, den Jungen loszuwerden. Damit ist ein Band zwischen den beiden gespannt, denn in dem konformistischen Kaff mit den Saufabenden in der Stammkneipe und den sonntäglichen Gottesdiensten sind sie die Outlaws: der Junge, dem der staatlich-behördliche Pflegeapparat nicht unbedingt mit Offenheit und Verständnis begegnen würde, und der unter Beobachtung stehende Ex-Knacki.

Allerdings ist Stevens mit seinem Film ebenso wenig auf eine fundierte Kritik aus wie auf sonstige Spitzen. Auch wenn Palmer ästhetisch mit dem Arthouse-Kino flirtet, geht der Film in jeglicher Hinsicht auf Nummer sicher und macht es sich gemütlich: ein arg konformer Film über Nonkonformismus. (Jens Balkenborg, 6.2.2021)