Die Schönheiten Südtirols sollen die Bürgerinnen und Bürger in den nächsten Tagen wieder verstärkt durch die Fenster ihrer Häuser und Wohnungen betrachten. Weil man zu früh gelockert hat, geht die Region wieder in den harten Lockdown.

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"Es geht jetzt wirklich darum, die Regeln ernst zu nehmen und auch im privaten Bereich einzuhalten. Das ist eine Frage der Solidarität mit allen, die jetzt besonders leiden", betonte Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher am Freitag, als er die neuen Regeln für die nächsten drei Wochen bekanntgab. Diese lauten: Alle Geschäfte außer jenen des Grundbedarfs schließen wieder, Bars und Restaurants ebenso. Auch "touristische Beherbergungstätigkeiten" sind nicht mehr erlaubt – bisher waren die Hotels in Südtirol geöffnet. Alle Schulen müssen wieder auf Fernunterricht umstellen. Und: Das Verlassen der eigenen Gemeinde ist verboten.

Die Regeln ernst nehmen: Damit hat es in Südtirol in letzter Zeit in der Tat etwas gehapert. Aber nicht bei den Bürgerinnen und Bürgern, sondern im Palais Widmann, dem Sitz der Südtiroler Landesregierung in Bozen. Als die Zentralregierung in Rom Mitte Jänner die Corona-Ampel für die autonome Provinz auf Rot stellte, wurde dies in Bozen ignoriert – obwohl Südtirol landesweit die höchsten Fallzahlen aufwies. Nach Auffassung von Kompatscher und seinem Gesundheitsminister Thomas Widmann war Südtirol eine gelbe Zone, also ein Gebiet mit deutlich weniger Restriktionen – mit geöffneten Läden, Bars und Restaurants und Hotels und mit Schulen mit Präsenzunterricht.

"Südtiroler Weg" war Sackgasse

Die Behörden in Bozen hielten an ihrem Kurs auch noch fest, als die EU die Provinz dunkelrot einfärbte – also mit der höchsten Warnstufe versah. Begründet wurde der Widerstand gegen schärfere Maßnahmen etwas keck damit, dass Rom die aus der Provinz gelieferten Fallzahlen falsch interpretiere: In Südtirol würden mehr als dreimal so viele Covid-Tests durchgeführt wie im Rest des Landes. Bei einer derart intensiven Testtätigkeit sei es ja wohl wenig überraschend, dass mehr "Positive" entdeckt würden.

In Bozen berief man sich auf den "Südtiroler Weg": So heißt ein Gesetz, das der Landtag im vergangenen Mai verabschiedet hatte. Mit dem Erlass sprach sich die autonome Provinz im Gesundheitsbereich noch mehr Autonomie zu, als sie ohnehin schon hat.

"Neue Rahmenbedingungen"

Dieser Südtiroler Sonderweg führte nicht zum Erfolg. Zwar war die Auslastung der Spitäler und der Intensivstationen im Jänner trotz der hohen Fallzahlen noch leicht zurückgegangen – doch "zuletzt hat sich die Situation generell wieder verschärft", musste Gesundheitsminister Widmann gestern einräumen. Er konstatierte, was eigentlich schon lange bekannt ist: Spitäler füllen sich bei Corona mit Verzögerung, noch später steigen dann die Todeszahlen.

Der Trend gehe seit einigen Wochen wieder nach oben, die Lage in den Krankenhäusern sei "angespannt". Außerdem wurde in Südtirol am Donnerstag erstmals die britische Mutation des Coronavirus nachgewiesen. "Das heißt, wir haben neue Rahmenbedingungen", betonte Widmann. Daher sei der neue Lockdown nötig.

Besonders bitter: Während in ganz Italien voraussichtlich am 15. Februar die Skigebiete wieder öffnen dürfen, bleiben sie in Südtirol bis mindestens 1. März geschlossen. Mit anderen Worten: Die Betreiber der Anlagen können die Wintersaison 2020/21 nun erst recht mehr oder weniger abschreiben.

Die Entscheidung der Landesregierung hat in den sozialen Medien einen Shitstorm ausgelöst: Der neue Lockdown wäre Südtirol wohl erspart geblieben, wenn sich die autonome Provinz an die von Rom aufgestellten Regeln gehalten hätte, lautete die Kritik in den Internet-Foren. Kompatscher und Widmann wurden mit zum Teil unschönen Worten zum Rücktritt aufgefordert. (Dominik Straub aus Rom, 5.2.2021)