Tom Brady hat das letzte Kapitel seiner Karriere aufgeschlagen

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Patrick Mahomes eifert ihm nach.

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40.000 der 65.000 Plätze im Raymond James Stadium zu Tampa müssen frei bleiben.

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Nimmt man Anleihen an Hollywood, sind die Tampa Bay Buccaneers eine Mischung aus The Expendables und The Avengers: ein Teil Altstars, die sich zu einem letzten Ritt auf der Kanonenkugel zusammenschließen, und ein Teil Ausnahmekönner, die nicht alle gleich imposant, aber doch alle wichtig sind.

Zwölf Jahre in Folge waren die "Bucs" zu schlecht für die Playoffs der National Football League (NFL), nun stehen sie im Super Bowl (00:30 Uhr in der Nacht von Sonntag auf Montag, live im STANDARD-Forum+ und auf Puls4) gegen die Kansas City Chiefs. Das ist vor allem einem Mann zu verdanken: Quarterback Tom Brady. Er ist mit 43 Jahren der Kopf der Expendables, also der Fraktion Altstars. Der größte Footballer aller Zeiten ist erfolgshungrig wie vor 20 Jahren. Im April wurde er aus einem städtischen Park geworfen, weil er dort trotz Lockdowns trainiert hatte.

Auf Twitter machte jüngst ein Vergleich zwischen dem ersten und dem aktuellen Videospiel-Abbild Bradys die Runde: links ein paar riesige Uralt-Pixel, rechts der fotorealistische Star der Generation Playstation 5. Als Brady 2002 seine erste Super-Bowl-Trophäe stemmte, war Patrick Mahomes, Spielmacher der Chiefs und der beste Quarterback der Liga, sechs Jahre alt.

Als sich die Legende im Sommer gegen sein Ex-Team New England und für Tampa Bay entschied, unterbrach sein bester Buddy Rob Gronkowski den Football-Ruhestand und ließ sich nach Florida transferieren. Mag sein, dass dem partywütigen Tight End heuer mangels Alternativprogramm fad gewesen wäre.

Das Gerüst

Andere Herren der illustren Runde standen bereits unter Vertrag: Das einstige Dauer-Disziplinarproblem Ndamukong Suh sorgt in der Defensive Line ebenso für Furore wie Jason Pierre-Paul. Letzterem wurde nach einem Feuerwerks-Unfall 2015 ein Zeigefinger amputiert, 2019 brach sein Genick bei einem Unfall – nun wurde er als einer der Besten seiner Position in die Pro-Bowl-Auswahl gewählt. Lavonte David und Devin White gelten als das beste Linebacker-Duo der Liga, sie sind das Herzstück der Defense.

Die Hauptgründe, die Brady zu einer Unterschrift bei dem seit dem Super-Bowl-Sieg 2002 schrecklich erfolglosen Franchise bewogen, waren aber andere. Die Sonne Floridas lockte freilich, aber auch die bereitstehenden Passempfänger sind ein Traum für jeden Quarterback. Mike Evans knackte in der Regular Season die magische Tausend-Yards-Marke, Chris Godwin hätte sie ohne Verletzungsprobleme auch erreicht. Und: Der Chef ist ein anderer. Bradys Beziehung zu seinem alten Head Coach Bill Belichick war mit sechs gemeinsamen Super-Bowl-Siegen erfolgreich – aber auch ein ständiges Tauziehen.

Buccaneers-Cheftrainer Bruce Arians und Brady wollen sich auch nach der Super Bowl herzen können.
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Auch Buccaneers-Cheftrainer Bruce Arians war einst ein rasender Kontrollfreak, agiert nach drei Krebserkrankungen nun aber zurückgelehnter. Früher wählte er jeden Offense-Spielzug selbst aus. Dass er das nun Offensive Coordinator Byron Leftwich überlassen kann, war für den 68-Jährigen eine Bedingung für die Rückkehr aus dem 2017 angetretenen Ruhestand. "Niemand würde je etwas Schlechtes über ihn sagen. Er ist zu allen so liebenswert", sagt Brady über Arians. Statt Wutausbrüchen arbeitet der nun mit ernsten Gesprächen, wenn es etwas zu korrigieren gibt.

Samthandschuhe gibt es aber auch für den Superstar nicht. "Die Receiver waren frei, wir haben sie nur verfehlt", sagte Arians der Presse im November nach einem 24:27 gegen die L.A. Rams. Außerdem warf er Brady vor, sich von der Defense "verwirren" zu lassen. In der Folgewoche setzte es noch eine 24:27-Niederlage gegen die Chiefs – die bisher letzte. Mit dem Rückenwind von sieben Siegen in Folge steht Tampa Bay im Finale.

Dieser Erfolg war zu Saisonbeginn bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Brady musste das neue System lernen, die Pandemie beschnitt die Vorbereitung aber stark. Leichter wurde die Situation, da der neue Spielmacher in einem intakten, gut konstruierten Team landete. Dessen Architekt ist General Manager Jason Licht, der mit Head Coach Arians prächtig harmoniert. "Wir streiten sogar gut. Es ist großartig", sagt Licht.

Heimspiel

Super Bowl LV ist aus zwei Gründen historisch: Sarah Thomas ist die erste Frau, die bei einem NFL-Finale Teil der Referee-Crew ist. Zudem ist Tampa die erste Mannschaft, die ein Endspiel im eigenen Stadion hat. 25.000 Fans dürfen die Partie live verfolgen, 7500 davon sind geimpfte Gesundheitsarbeiter.

Die Chiefs gelten als leichte Favoriten, ihre sonst so unaufhaltsame Offense könnte angesichts einiger verletzter Linemen aber stocken – und zur Beute für Tampa Bays starke Defense werden. Die war schon im Halbfinale gegen Green Bay der Matchwinner, nachdem Superstar Brady drei Bälle zum Gegner geworfen hatte. Schwamm drüber, nun schmückt "TB12" im dritten Jahrzehnt einen Super Bowl. Müdigkeit gibt es nicht. Auf die Frage, ob er sich eine Karriere über seinen 45. Geburtstag hinaus vorstellen könnte, antwortete er: "Ich kann mir das definitiv vorstellen." (Martin Schauhuber, 7.2.2021)