Übermütig wälzen sich zwei halbstarke Gorillamännchen durchs Dickicht, stürzen sich immer wieder kreischend und knurrend aufeinander, ein Knäuel aus schwarzem Pelz und ineinander verrenkten Affengliedern. "Sie sind betrunken", flüstert Augustin Munyaneza in seine Schutzmaske, "zu viele Bambussprossen". Langsam drängt der Guide seine Touristengruppe zur Seite. Doch die spielenden Gorillajungen sind schon bis auf wenige Meter herangetollt. Wenn den Menschenaffen in der Regenzeit der junge Bambussaft zu Kopf steigt, sinkt bei jungen Berggorillas die Hemmschwelle – ähnlich wie bei der Dorfjugend im Bierzelt.

Auch Berggorillas können sich mit Covid-19 infizieren. Besucher müssen derzeit strengste Regeln einhalten.
Foto: Getty Images/Dennis Stogsdill

Beim Gorilla-Besuch in den Virunga-Bergen gelten für Touristen derzeit eigentlich zehn Meter Mindestabstand statt ursprünglich sieben in Vorpandemiezeiten. Theoretisch. Am Ende entscheiden aber die Affen, wie nahe sie dem Menschen, dem notorischen Herrentier in ihrem Dschungel, kommen wollen.

Besuche im Lockdown

Der Amahoro-Clan, eine von zehn Gorillagruppen in Ruanda, die von Touristen besucht werden, kümmert sich kaum um seine menschlichen Besucher. Der Nationalpark war monatelang geschlossen, doch auch während des landesweiten Lockdowns verfolgten Tracker die Wanderungen der an Menschen gewöhnten Gruppen. Ranger patrouillierten ununterbrochen, um sicherzustellen, dass keine Wilderer in den Wald eindringen.

"Die Gorillas bedeuten uns alles", sagt Munyaneza, nachdem für seine Touristengruppe eine Stunde mit den Primaten um ist. Längst nicht nur die Gorilla-Guides wissen um den Wert der Tiere. Die Menschenaffen sind in den letzten Jahren zum Motor des Ruanda-Tourismus geworden. 1.500 US-Dollar zahlen ausländische Gäste heute wie schon vor der Pandemie für eine Begegnung mit ihnen. Um Einheimische in den Park zu locken, wurde der Preis jedoch für Ruander bis Ende des Jahres auf 200 US-Dollar gesenkt.

Luxuslodges

Ruanda hatte in den letzten Jahren einen regelrechten Gorilla-Boom erlebt. Das kleine ostafrikanische Land setzte die Menschenaffen erfolgreich als weltweite Botschafter ein und zielte dabei vor allem auf vermögende Touristen. Eigens für sie wurden mehrere Luxuslodges gebaut.

Der Nationalpark war monatelang geschlossen, doch auch während des landesweiten Lockdowns verfolgten Tracker die Wanderungen der an Menschen gewöhnten Gruppen.
Foto: Win Schumacher

Berggorillas kommen neben Ruanda nur in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo und in Uganda vor. Die meisten leben an den Virunga-Vulkanen im Grenzgebiet, die mehr als 4.500 Meter aufragen. Durch ihre wirtschaftliche Bedeutung und strenge Schutzmaßnahmen stieg die Zahl der Tiere zuletzt auf mehr als 1.000. In den Virunga-Bergen wuchs die Population von 250 in den 1980er-Jahren auf aktuell mehr als 600. Damit sind die Berggorillas die einzigen Menschenaffen der Erde, deren Zahl zuletzt zugenommen hat.

Gorilla-Euphorie

"Die Gorillas, die Dorfgemeinschaften um den Nationalpark und die Touristen sind wie ein Dreieck", sagt Munyaneza. "Sie tragen sich gegenseitig." Eben ist er mit seiner Gruppe über die Vulkansteinmauer gestiegen, die den Urwald von blühenden Kartoffelfeldern trennt. Zehn Prozent aller Gorilla-Einnahmen durch Touristen gehen direkt an die umliegenden Dörfer. Machen sich Affen oder Büffel über die Felder her, werden die Bauern von diesen entschädigt. Der Rückhalt für den Naturschutz ist groß. Arbeitsstellen im Tourismus sind angesehen und ernähren nicht selten ganze Großfamilien.

Die Pandemie hat die über Jahre gewachsene Gorilla-Euphorie jäh beendet. Waren 2017 bis 2019 jedes Jahr zwischen 30.000 und 36.000 Touristen in den Vulkan-Nationalpark gekommen, so werden es in diesem Jahr nach bisherigen Zahlen wohl nicht viel mehr als 10.000 werden. Ruanda hatte am 21. März als erstes Land in Subsahara-Afrika einen strikten nationalen Lockdown verhängt, nur eine Woche nach der ersten bestätigten Covid-19-Infektion. Seither hat das Land, das etwa doppelt so groß wie Tirol, jedoch mit mehr als 12 Millionen Menschen der am dichtesten bevölkerte Staat Afrikas ist, die Pandemie mit rigoroser staatlicher Härte und augenscheinlichem Erfolg bekämpft. Strikte Hygienevorschriften und eine allgemeine Maskenpflicht sind bis heute in Kraft und werden weitgehend eingehalten.

Nach offiziellen Zahlen verzeichnet das Land seit Pandemiebeginn insgesamt knapp 16.000 Corona-Fälle. "Nur" etwas mehr als 200 Menschen starben bisher durch das Virus (Stand: Anfang Februar). Ruanda war das einzige Land in Subsahara-Afrika, aus dem bereits seit Juli wieder eine Einreise in die EU möglich war.

Strenges Protokoll

Seit Juni hat sich Ruanda wieder schrittweise für Touristen geöffnet. Ein negativer Corona-Test ist derzeit Voraussetzung bei der Einreise. Nach der Ankunft wird in ausgewählten Hotels erneut ein Test vorgenommen. Planen Touristen einen Nationalparkbesuch, darf ihr negatives Ergebnis nicht älter als 72 Stunden sein. Vor einem Besuch bei den Gorillas oder Schimpansen muss ein strenges Protokoll befolgt werden. Bei allen Besuchern wird Fieber gemessen, Hände und Schuhe werden desinfiziert sowie OP-Gesichtsmasken verteilt, die nicht abgenommen werden dürfen.

Die Ranger tragen an den Hängen der Virunga-Berge stets Maske. Überhaupt sind die Corona-Regeln streng in Ruanda.
Foto: Win Schumacher

"Die Regierung ist äußerst vorsichtig", sagt Julius Nziza. "Die Gorillas sind das wirtschaftliche Rückgrat des Landes." Wie Touristen würden auch Tracker und Nationalpark-Mitarbeiter regelmäßig getestet. Nziza ist Ruandas vorsitzender Veterinär der Tierschutzorganisation "Gorilla Doctors", die die Gesundheit der Menschenaffen überwacht. Er habe Angst, dass Covid-19 auf die Population übertragen werden könnte, sagt er. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass das Virus für Gorillas ansteckend sein kann. "Eines der Dilemmata mit Infektionskrankheiten ist, dass wir die einzelnen Gruppen nicht wie auf einer Insel isolieren können", sagt Nziza. Die Gorilla Doctors haben insgesamt etwa 250 Tiere auf Coronaviren getestet, meist auf Basis von Kotproben, die in einem spezialisierten Labor ausgewertet werden. Positiv auf Covid-19 war bisher keiner.

Ein Weckruf für alle

"Die Frage, wie wir verhindern können, dass Covid auf die Berggorillas übertragen wird, treibt uns seit Monaten um", sagt Felix Ndagijimana, Direktor am Karisoke-Forschungszentrum des Dian Fossey Gorilla Funds. Bis im Oktober stellten alle Mitarbeiter ihre wissenschaftliche Arbeit im Nationalpark ein. "Die Pandemie ist ein Weckruf für uns alle", sagt der Primatologe, die staatlichen Maßnahmen hätten sich aber als effektiv erwiesen.

Die Menschenaffen sind in den letzten Jahren zum Motor des Ruanda-Tourismus geworden.
Foto: AP/Felipe Dana

Eine weitere Sorge treibt die Wissenschafter des Karisoke-Forschungszentrums um: die Zunahme an von Artgenossen getöteten Jungtieren und gewalttätigen Konflikten unter Berggorillas. Verantwortlich dafür machen sie die wachsende Populationsdichte im Schutzgebiet. "Die Regierung prüft die Möglichkeit, den Park zu erweitern", sagt Ndagijimana. Mit der Corona-Krise bleibt jedoch unsicher, ob die Pläne in nächster Zeit umgesetzt werden können.

Föderung und Wiederaufforstung

Weniger als einen Kilometer von der Nationalparkgrenze gräbt Jimmy Nsengimana knietiefe Löcher in die dunkle Vulkanerde am Fuß einer erodierten Kraterwand. Der 30-Jährige verpflanzt mit einem Team aus dem Dorf Bisate Setzlinge. Irgendwann sollen hier oben wieder riesige Urwaldbäume wachsen. Mittlerweile wurden mehr als 30.000 Bäume auf 43 Hektar verpflanzt. Von ihrem Arbeitsplatz haben die Mitarbeiter der Baumschule freie Sicht auf die mächtigen Vulkane Karisimbi und Bisoke. Zwischen dem Vier- und dem Dreitausender hatte Dian Fossey einst ihr Lager unter den damals letzten Berggorillas aufgeschlagen. Bereits zu Lebzeiten der berühmten Primatologin, die 1985 ermordet wurde, war der Dschungel abgeholzt.

Das Wiederaufforstungsprojekt wurde in den letzten Jahren rund um die luxuriöse Bisate-Lodge realisiert. Die royalen Übernachtungspreise fließen teils nicht nur in die Wiederaufforstung, sondern auch in die Förderung von Schulkindern und eine nachhaltige Dorfentwicklung. Der Betreiber der Lodge, Safari-Veranstalter Wilderness Safaris, hofft, dass Bisate irgendwann über einen Wildtierkorridor mit dem Nationalpark verbunden werden kann. "Wir sehen schon jetzt wieder Servale und Goldmeerkatzen hier", sagt Nsengimana. "Wenn meine zweijährige Tochter einmal groß ist, wird hier ein richtiger Wald stehen. Ein Urwald, in dem dann hoffentlich auch Gorillas zu Hause sind." (Win Schumacher, RONDO, 12.2.2021)

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