"shadow procession" von William Kentridge aus dem Jahr 1999.

Foto: Patrick Lichtenecker

Die Coronakrise wirft uns alle zurück: auf Partner, die eigenen vier Wände, engste Freunde. Die Albertina hat sich wegen der ungewissen Öffnungssituation auf ihre Gründungskompetenz besonnen: die grafische Sammlung. Statt der eigentlich geplanten Großausstellung zum Maler Amedeo Modigliani setzte man für das erwartete Corona-Hoch im Winter auf Zeichnungen aus dem eigenen Bestand.

Zurecht, denn schon nach zwei Wochen verschwand "Schwarz Weiß & Grau" Ende Dezember im Lockdown. Nun ist wieder offen. Und zuallererst stößt man in den Räumen auf dubios im Wald herumstreunende Männer in Hoodies von Alois Mosbacher. Was führen sie im Schilde? Hätte man das nicht auch im echten Leben haben können?

Eduard Angelis fahlen Ansichten aus Venedig gehört dann ein ganzer Raum. Seit den vielen Lockdowns kennen wir auch solche leeren, abweisenden Wände aus erster Hand. Überhaupt liegt der Österreicheranteil unter den gezeigten Künstlern bei mehr als der Hälfte. Sonja Gangl zeichnet etwa Fernsehbilder mit Bleistift nach. Das ist einerseits interessant, weil sich durch das Weglassen von Hintergrund vieldeutigere Szenen ergeben. Andererseits zeichnet sie die TV-Szenen als technoide Pixel ab.

Bleistift, Tusche, Kohle oder Kreide

Die eine Generation ältere Florentina Pakosta (88) webt ihre großformatigen Hände dagegen aus einander überlagernden, fließenden Linien. Ob in Bleistift, Tusche, Kohle oder Kreide, zu sehen sind nicht Skizzen, sondern dezidiert Werke. Von fast allen Künstlern sind dabei mehrere Arbeiten gehängt, was erlaubt, die jeweilige Handschrift zu studieren. Motivischen oder thematischen Fluchtpunkt gibt es keinen. "Kontrast" ist der kunsthistorisch argumentierte Aufhänger.

Praktisch gibt die Schau einen Eindruck von der Sammlungstätigkeit der Albertina in den letzten Jahren. Somit steht jede Position für sich, aber doch auch in vielfältigen Zusammenhängen mit den anderen.

Rainer Wölzl widmet sich in einem Großformat im ersten Raum etwa einem der größten Flüchtlingslager der Welt in Jordanien. Thematisch würde das ohne weiteres zu William Kentridges Video "Schattenprozession" über Krüppel, Vertriebene und Apartheid später im Rundgang passen. Andererseits erweitert Kentridge die Zeichnung mit schmissiger Musik hin zum Film – und das wiederum harmoniert als Auslotung medialer Grenzen ebenso gut mit Birgit Knoechl. Was muss es für ein logistischer Wahnsinn gewesen sein, deren gigantische Papierinstallation aufzubauen! Vorne schwarz und hinten weiß, wuchern die zugeschnittenen Papierbahnen ineinander verhakt, in sich verdreht, an Nägeln und Fäden in einer Ecke von der Decke.

Das würde aber wiederum zum aus schwarzem Draht geformten 3D-Piano von Fritz Panzer passen, das zwei Räume zuvor aus einer Ausstellungswand wächst. Es bildet neben den Konturen auch krakelige Linien nach – imitiert so eine Zeichnung. Es hätten sich zu viele Bezüge ergeben. Man kann Max Weilers Naturszenen und diejenigen Ugo Rondinones drei Räume weiter ja auch im Geiste vergleichen. Oder ein paar Mal mehr hin- und herlaufen. Vorbei an Jim Dines eher privatistischen Selbstporträts und den massenmedialen, sehr ikonischen Motiven auf Robert Longos fotorealistischen Riesenformaten. Für diese Schau schließt man die Wohnungstür gern mal wieder von außen. Bis 21.2.

(Michael Wurmitzer, 9.2.2021)