Nicht immer ist mit den Tirolern gut Speckknödel essen. Doch in Wahrheit eint alle Österreicher, über sämtliche Besonderheiten hinweg, ihre tiefsitzende Heimatliebe!

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Auf nichts reagiert ein hochalpiner Bergbewohner unwirscher als auf Vorhaltungen, ausgesprochen von Wichtigtuern aus Wien. Wer am Sonntag im ORF erlebt hat, mit was für einer Entrüstung der Tiroler Wirtschaftskämmerer Christoph Walser das schlichte Wort "Ottakring" aussprach, nur um damit Wiens Bürgermeister in die Schranken zu weisen, der muss Schlimmstes befürchten. Jeder, von dem bereits das "Mutterl a Weanerin" war, sollte sich im Heiligen Land vorsehen. Womöglich ist es klüger, sich die nächste gesunde Speckknödeljause in einer der vielen verträumten Raststätten an der Inntal-Autobahn zweimal zu überlegen.

In Wahrheit handelt es sich bei den Vorbehalten, die Tiroler gegenüber Wienern hegen, um keine Marotte eines einzelnen Volksstammes. Als kleiner, dicker Babyboomer begleitete ich meine Eltern jedes Wochenende in unseren annähernd würfelförmigen Bungalow am Land. Die Wochenendtage der Kreisky-Ära pflegten Wiener Familien häufig im Grünen zu verbringen. Prompt streiften die Städter ihre zivilisatorischen Fesseln ab.

Fit im Feinrippleibchen

Sie schlüpften in Feinrippleibchen. Sie krönten das Haupthaar mit unwürdigen Kopfbedeckungen und verwandelten sich in kugelbäuchige Wochenendgärtner. Ähnlich widerspenstig wie das biedere Landvolk verhielten sich allenfalls noch die Buschrosen: Sie stachen, was das Zeug hielt! Doch die Mühsal war streng kalkuliert. Sie schuf den dringend benötigten Appetit für alles goldbraun Gebackene.

Skeptisch, ja missgünstig blickten bloß die eingesessenen Bewohner durch die Maschen des Drahtzauns. "Es Weana", lautete die deutlich reserviert klingende Ansprache. Unser Blechschild mit der Hausnummer sah aufgrund vieler anonymer Steinwürfe bald aus wie ein Relikt aus Kriegstagen. Merkwürdig: Die stille Ortschaft, in deren Weichbild wir saftiges Gartenland urbar machten, trennten von Wien gerade einmal 18 Kilometer Luftlinie!

Das Nachbarsmädchen schüttelte damals entrüstet den Kopf: Niemals würde sie freiwillig nach Wien übersiedeln. Sie schaffte es später dennoch bis nach Floridsdorf. Dort, im Schatten bedrohlicher Wohnsilos, verkaufte sie Riemchenschuhe. Und wurde, der Liebe wegen, restlos überzeugte Wienerin. (Ronald Pohl, 10.2.2021)