Nick Kyrgios schwebt über den Platz.

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Dominic Thiem geht als Favorit in das Match der dritten Runde.

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"Enfant terrible" klingt aber auch einfach gut. Vielleicht ist es das Französische, das dem schrecklichen Kind eine Coolness, ja, etwas Rebellisches einhaucht. "Rüpel" ist da schon plumper, "Bad Boy" irgendwo zwischen "Bravo"-Fotolovestory und 90er-Sitcom. Der 25-jährige Australier Nick Kyrgios hat in seiner Tenniskarriere bisher fleißig Zuschreibungen gesammelt. Und das in einem Sport, in dem die Etikette noch immer heimlich Trumpf ist. Ein Sport, in dem man sich zu benehmen hat, in dem Konformität bald nach Leistung kommt.

Enfant terrible, Rüpel, Bad Boy, Exzentriker, Pöbel: Kyrgios ist vieles, aber sicher nicht fad. Er ist eine Show – auf dem Platz, bei Pressekonferenzen, in den sozialen Medien. "Verleumdungen langweilen nie", hat der Philosoph Emanuel Wertheimer einmal gesagt. "Bad boy for life", hat der Rapper P Diddy öfters gesagt. "Unangenehm", sagte der österreichische Tennisspieler Dominic Thiem vor seinem Drittrundenduell bei den Australian Open mit Kyrgios.

Showtime

Am Freitag ist Showtime (8.50 Uhr/live auf ServusTV). Für Österreichs Nummer eins, die gleichzeitig die Nummer drei der Welt ist, wird das Match eine harte Nuss, denn Kyrgios kann fantastisches Tennis spielen. "Wenn er will, er einen guten Tag hat, kann er gegen jeden Gegner auf der Welt gewinnen", sagte Thiem im Vorfeld.

Kyrgios hat Pfeile in der Tennistasche, der augenscheinlich gefährlichste ist sein herausragendes Service. Auch die Vorhand kann richtig gemein sein. Das Gemeinste für den Gegner ist aber wohl die Unberechenbarkeit des sechsfachen Turniersiegers. Das Unkonventionelle wird zur Konvention. Wenn's läuft, kann Kyrgios ein Zug sein, der über einen drüberfährt, ohne Gnade, aber immer mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht. Wenn's aber krankt, bleibt er ein Bus ohne Räder in der Garage, die Matches gehen schnell und unweigerlich verloren. Da Tennis an der Spitze ein Sport der Beständigkeit ist, ist Kyrgios aktuell 47. der Weltrangliste. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie spielte der Rechtshänder nicht viel, positionierte sich in der Krise klar, verzichtete nach der Tour-Wiederaufnahme auf Reisen.

Das Image der Ehrlichkeit

Und überhaupt: Kyrgios ergibt sich nicht plump seinem Image. Nach seinem packenden Fünfsatzsieg in der zweiten Runde gegen den Franzosen Ugo Humbert, in dem er zwei Matchbälle abwehren musste, streute er dem Verlierer Rosen: "Er spielt richtig gut Tennis, hat eine große Zukunft vor sich. Wenn der eine Punkt anders gelaufen wäre, würde er jetzt hier sitzen." Vielleicht ist es Kyrgios' Ehrlichkeit, die man als rüpelhaft deuten kann. Er sagt, was für ihn ist, Filter bleiben für den Instagram-Account bestimmt.

Dabei kracht es abseits des Platzes immer wieder mit dem aktuell besten Tennisspieler der Welt, Novak Djokovic. Für das Adria-Tour-Desaster vergangenes Jahr, bei dem Djokovic unter anderem mit Thiem und dem Deutschen Alexander Zverev eine Einladungsturnier-Party während der Pandemie feierte, gab es Kritik von Kyrgios. Auch im Vorfeld der Australian Open feuerte Kyrgios auf den "Djoker" scharf, der konterte: "Er hat einen großen Namen und bewiesen, dass er jeden besiegen kann. Aber abseits des Courts habe ich nicht viel Respekt vor ihm."

Das bisher einzige Duell zwischen Thiem und Kyrgios fand 2015 in Nizza statt. Der Australier gab beim Stand von 4:3 auf, Thiem feierte danach seinen ersten von mittlerweile 17 Turniersiegen. Thiem ist am Freitag Favorit, das sagen Blicke auf die Weltrangliste und die zwei souveränen Auftritte des Österreichers im bisherigen Turnierverlauf. Auch Kyrgios hat und zeigt Respekt: "Er ist wahrscheinlich einer der physisch Stärksten auf der Tour, er ist ein extrem guter Spieler." Aber auch: "Ich erwarte mir trotzdem, dass ich eine gute Chance habe. Was passiert, passiert. Ich werde mit Instinkt spielen. Wenn es genug ist, ist es genug, wenn nicht, dann nicht." Das klingt angenehm ehrlich.

Fünf Sätze für ein Halleluja

Die Physis spielt bei Grand-Slam-Turnieren, bei denen man drei Sätze für einen Sieg gewinnen muss, freilich eine Rolle. Auf den ersten Blick ist Kyrgios' Zweitrundenmatch also ein Vorteil für Thiem, der bislang keinen Satz abgab. Auf den zweiten Blick scheint der Australier aber gerade diese Schlachten zu lieben. In seinen vergangen neun Fünfsatzpartien hat Kyrgios eine Bilanz von 8:1. Thiem sollte also vor der vollen Distanz auf der Hut sein.

Der Sieger dieses Duells wird gegen den Bulgaren Grigor Dimitrow (Nr. 18) oder den Spanier Pablo Carreno Busta (15) um den Einzug ins Viertelfinale spielen. (Andreas Hagenauer, 11.2.2021)