Vincent Kriechmayr ist als Favorit zu Gold gefahren.

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Ein Sieg ist immer auch ein Mannschaftserfolg.

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Cortina d'Ampezzo – Spektakel, Drama und eine Beinahesensation. Was hatte dieser Super-G der Herren am Donnerstag auf der zuvor milde belächelten Pista Vertigine in Cortina nicht alles zu bieten! "Incredibilie", schrie der Kommentator, als der seit 2019 für Deutschland startende Österreicher Romed Baumann im Ziel laut jubelnd abschwang, weil er nur um Haaresbreite an der Goldmedaille vorbeigeschrammt war.

Kriechmayr wurde aber schließlich doch wie die Schweizerin Lara Gut-Behrami im Damen-Super-G der Favoritenrolle gerecht und komplettierte nach Super-G-Silber und Abfahrtsbronze bei der WM in Åre 2019 seine Medaillensammlung. Der 29-jährige Oberösterreicher lag in 1:19,41 Minuten nur um sieben Hundertstelsekunden vor Baumann. Bronze holte sich der französische Edeltechniker Alexis Pinturault (+0,38 Sekunden).

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Den Medaillencoup verpasste Brodie Seger. Der Kanadier kam mit Startnummer 28 praktisch aus dem Nichts und schrammte um vier Hundertstel an Bronze vorbei. Dominik Paris, angetrieben von einem völlig enthusiasmierten Kommentator ("Forza Domme, Forza Domme!"), ging als Fünfter (0,55) ebenso leer aus wie Matthias Mayer. Der Olympiasieger von Pyeongchang 2018 verpasste als Sechster um 22 Hundertstel Bronze.

Historischer Baumann

Den deutschen Kollegen stockte zwischendurch der Atem, danach rauften sie sich die Haare. Was wäre das für eine Geschichte gewesen, wenn ausgerechnet der mit Nummer 20 fahrende Baumann seinem früheren Kollegen Kriechmayr die Show gestohlen hätte? Der achtfache Weltcupsieger musste noch einmal gehörig bangen, als der nach der Saison 2018/19 aus dem A-Kader des ÖSV gefallene Baumann mit Spitzenzwischenzeiten aufzeigte. Kriechmayr war davor schon relativ entspannt bei Sonnenschein auf dem Thron im Ziel gesessen.

"Das war keine einfache Situation. Ich wusste, dass es eine schwierige Passage ist. Im Super-G muss man hin und wieder improvisieren", sagte Kriechmayr, der die Schlüsselstelle mit einem unansehnlichen, aber letztlich optimalen "100-Meter-Drift" bewältigt hatte. Baumann war unterwegs bewusst, "dass es ein cooler Lauf war. Ich war ganz unten, sportlich gesehen. Jetzt bin ich fast ganz oben", sagte der 35-jährige Routinier, der seit seiner Heirat im Sommer 2019 auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Baumann ist nach Team-Silber 2011 in Garmisch und Bronze in der Super-Kombi 2013 in Schladming der erste Skirennfahrer der Nachkriegszeit, der WM-Medaillen für zwei Nationen geholt hat. Pinturault gestand, sich "nicht so gut gefühlt" zu haben. "Es war sehr kompliziert, man musste ein bisschen intelligent fahren", sagte der Franzose, der seine bereits fünfte WM-Medaille gewann.

21 Ausfälle

Im geschlagenen Feld landeten die Schweizer. Beat Feuz belegte als bester unmittelbar vor Mitfavorit Marco Odermatt Platz zehn. Wie schwierig dieser Super-G zu bewältigen war, zeigt die Ausfallsliste. Nicht weniger als 21 Läufer schieden aus, so auch Max Franz.

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Aufregende Kurssetzung

Für Kriechmayr war es wahrlich keine einfache Prüfung. Der nach Siegen in Kitzbühel und Garmisch-Partenkirchen mit viel Selbstvertrauen im Gepäck nach Cortina d'Ampezzo gereiste Oberösterreicher hatte mit Startnummer fünf als erst zweiter Starter das Ziel erreicht. Der Italiener Alberto Ghidoni hatte im Mittelteil eine äußerst gemeine, völlig unübliche Setzung gewählt, die Christian Walder mit Startnummer eins, dem Schweizer Loic Meillard mit zwei und seinem als Dritten gestarteten Landsmann Mauro Caviezel zum Verhängnis geworden war. Als Testpiloten hatten sie letztlich keine Chance.

Nach zunächst mächtigen Sprüngen beim Salto Vertigine konnten die Rennläufer tatsächlich Schwindelgefühle bekommen, denn die extrem drehend gesetzte Passage in den Canalone-Schuss schien zunächst nicht bewältigbar. Als Erster fand die Nummer vier, der Kanadier James Crawford, eine Möglichkeit, diese Stelle zu meistern. Das richtige Maß zwischen Attacke und ungewöhnlichem Bremsschwung war gefragt, um die folgenden Tore ordnungsgemäß zu bewältigen. (Thomas Hirner, 11.2.2021)