Hoch geflogen – tief gefallen: Der Bilanzskandal rund um Wirecard wird die Gerichte noch lange beschäftigen.

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Je tiefer man in die Causa Wirecard eintaucht, desto verwobener erscheint das Netzwerk, in dem sich die ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun (in U-Haft) und Jan Marsalek (auf der Flucht) bewegt haben. Beruflich seit 2009 in Deutschland verankert, haben beide ihre österreichischen Wurzeln nicht vergessen und Kontakt gehalten zu heimischen Lobbyisten, Politikern und Bankern.

So war Braun mit seiner Frau etwa gern gesehener Gast bei Feiern von Österreichs PR-Doyen Wolfgang Rosam, bei denen auch ORF-Chef Alexander Wrabetz, WKO-Präsident Harald Mahrer oder C-Quadrat-Chef und Aufsichtsrat der Deutschen Bank, Alexander Schütz, immer wieder auf der Gästeliste standen.

Getroffen hat man sich zu Verkostungen von Weinen und Champagner, wie es nun aufgetauchte E-Mails, die dem STANDARD vorliegen, zeigen. Ein Treffen im Mai des Vorjahrs etwa fand bei einem Nobelitaliener im ersten Bezirk statt, gesessen ist man in Vierer-Gruppen pro Tisch – ganz Corona-gemäß – mit Sicherheitsabstand.

Juni 2020 – der Zusammenbruch

Es wird wohl eines der letzten netten Treffen für Braun gewesen sein. Im Juni 2020 brach Wirecard zusammen, der Rest ist Geschichte und wird von der Münchner Staatsanwaltschaft aufgearbeitet. Auch ein U-Ausschuss in Deutschland läuft wie berichtet auf Hochtouren.

In Letzterem wurde die Verbindung Braun-Schütz unlängst zum großen Thema. Schütz hatte im Februar 2019 in einer persönlichen E-Mail an Braun geschrieben, Wirecard solle die Financial Times wegen ihrer laufenden kritischen Berichte über Wirecad "fertigmachen". Die Zeitung hatte regelmäßig über Missstände bei Wirecard berichtet, die weder die beiden Chefs noch die Finanzaufsicht Bafin und auch nicht die langjährigen Wirtschaftsprüfer von EY wahrgenommen oder wahrhaben wollten.

Die EY-Prüfer dürfen im Wirecard-Ausschuss nun auch aussagen. Das hat der Bundesgerichtshof in einem Beschluss klargestellt.

Doch nicht nur Prüfer, geschädigte Anleger, Richter und Sachverständige fragen sich, wie das System Wirecard so lange hat funktionieren können. Braun und Marsalek haben das Unternehmen zu einem weitverzweigten, rund 5000-Mitarbeiter-Konzern aufgebaut. 2018 war der Zahlungsdienstleister an der Börse mehr wert als die Lufthansa oder die Deutsche Bank. Wie das ging? Und warum am Ende 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz fehlen? Das wissen auch langjährige Mitarbeiter nicht.

Einer von ihnen ist Jörn Leongrande. Er hat 15 Jahre bei Wirecard als Marketing- und Innovationschef gearbeitet. Das Geschäftsmodell des Unternehmens und dessen laufenden Erfolg kann er im Rückblick weder verstehen noch erklären.

Keine genaue Ahnung

In seinem Buch Bad Company: Meine denkwürdige Karriere bei der Wirecard AG beschreibt Leongrande nun firmeninterne Strukturen und Abläufe. Demnach war das Geschäftsmodell mehr eine Luftblase als ein im Sinne eines ordentlichen Kaufmanns geführtes Unternehmen. In der ZiB 2 sagte Leongrande, dass der Geschäftserfolg durch laufende Zukäufe und den dazugehörigen Pressemeldungen gepusht worden ist.

Aufgrund der vielen unterschiedlichen Produkte und der weit vernetzten Konzernstruktur sei es für die Mitarbeiter nicht leicht gewesen, einen Über- bzw. Durchblick zu erhalten. Braun beschreibt Leongrande als zurückhaltenden Manager. Die Bilanz hätten Braun und Marsalek aber immer schlüssig erklärt. Braun hätten die Mitarbeiter nur beim Sommer- und Weihnachtsfest gesehen, und selbst dort sei er abgeschottete gewesen.

Marsalek hält Leongrande für einen intelligenten Menschen mit geringer Aufmerksamkeitsspanne. Dass er an all dem beteiligt sein soll, was man ihm vorwirft, ist für den Ex-Mitarbeiter nicht glaubwürdig. Er glaubt übrigens auch nicht, dass Marsalek tatsächlich noch in Russland ist. Die Freiheit der Bewegung hätte Marsalek immer geprägt. Nachdem alle nach Russland blicken, sei es denkbar, dass er schon wieder ganz woanders – womöglich näher, als wir denken – ist.

Wo Marsalek jedenfalls nicht mehr sein wird, ist auf dem Wiener Opernball. Dort war er gerne Gast – samt Übernachtung im Luxushotel. Wie gerne er auch dort abgeschottet war, zeigt die Antwort an eine ORF-Kollegin, die 2015 Marsaleks Assistentin um die Namen der Logengäste bat, um diese im Falle einer Einblendung der Opernball-Berichterstattung nennen zu können. Marsaleks Antwort: "Das geht die nichts an." (Bettina Pfluger, 12.2.2021)