Introvertiere arbeiten gerne alleine und selbstständig. Ihre Stärken können sie im Home Office und Distance Learning entfalten – ganz ohne soziale Zwänge.

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Nach einem Jahr Homeoffice und Treffen nur mit ausgewählten Personen fällt einigen langsam die Decke auf den Kopf. Aber eben nicht allen. Zurückgezogenheit fällt nämlich nicht jedem gleich schwer. Im Internet trenden Survival-Guides wie "Wie man als extrovertierter Mensch ohne soziale Kontakte überlebt"; die deutsche Frauenzeitschrift Brigitte titelte "Jetzt schlägt die Stunde der Introvertierten!".

Ist es so? Ob man introvertiert oder extravertiert ist, dürfte tatsächlich einen Unterschied machen, wenn es darum geht, wie man mit den Phasen der sozialen Distanz zurechtkommt. Während extravertierte Menschen viel sozialen Kontakt für ihr Glück brauchen, reichen Introvertierten wenige externe Reize. Sie regenerieren sich, wenn sie allein sind.

Damit ist ein Lockdown trotzdem nicht automatisch eine paradiesische Phase für Introvertierte. Isolation ist schließlich nur ein Problem, das die Pandemie mit sich bringt. Zudem gibt es auch keine rein Introvertierten oder Extravertierten, der Grad der Ausprägung ist oft abhängig von Situation und Stimmung. Viele haben Merkmale von beiden Seiten: Sie sind etwa privat sehr gesellig und ziehen sich zum Nachdenken zurück. Andere sind wiederum kein Fan von Networking, tun sich aber gerne mit anderen zusammen, um ein Problem zu lösen.

Extravertierte als Ideal

Dennoch zeigt sich nun: Unsere Gesellschaft ist eher für Extravertierte gemacht. Die amerikanische Autorin Susan Cain schreibt in ihrem Buch Still (Goldmann, 2013), dass in der westlichen Welt das "Ideal der Extraversion" herrscht – viele der wichtigsten Institutionen seien auf extravertierte Menschen zugeschnitten. In Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz stehen Teamarbeit und gemeinsames Brainstorming im Zentrum. Dabei reüssieren meist jene, die gesellig und risikofreudig sind, die ihre Kompetenzen anpreisen. Popstars, Influencer – sich offensiv zu zeigen und auszudrücken ist ein Indikator des Erfolgs.

Die Soziologin Laura Wiesböck bezeichnet Introversion in ihrem Buch In besserer Gesellschaft (Kremayr & Scheriau, 2018) sogar als eine Kategorie sozialer Ungleichheit, die im öffentlichen Diskurs zu wenig thematisiert wird. Dabei würde genau das Introvertierten helfen. Viele leiden darunter, nicht der verlangten Norm zu entsprechen. Cain schreibt, dass Introversion als "Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse" gilt. Introvertierte würden demnach wegen eines Merkmals geringgeschätzt, das sie im Innersten definiert. Darüber hinaus wird von ihnen verlangt, in einer extravertierten Welt zu funktionieren. Für viele von ihnen ist es eine lebenslange Aufgabe, sich anzupassen und beispielsweise öffentliches Sprechen zu üben oder sich dazu zu zwingen, bei beruflichen Veranstaltungen zu socializen. Gutgemeinte Ratschläge, doch einmal aus sich herauszugehen oder lauter zu sein, führen oft erst recht zu Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühlen.

Introvertierte vor den Vorhang

Dabei verfügen Introvertierte über Stärken, die es wert sind, gehört zu werden. Ihre nach innen gerichtete Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass sie gut zuhören können, nachdenken, bevor sie sprechen, und sich gut konzentrieren können. Sie ziehen es vor, allein und selbstständig zu arbeiten, was zu kreativeren und produktiveren Ergebnissen führt. Diese Vorzüge treten durch pandemiebedingte Arbeitsweisen sichtbarer hervor. Introvertierte können im Homeoffice und Distance-Learning ihre Stärken ausspielen, ganz ohne soziale Vorschriften und Zwänge.

Gleichzeitig finden sich Extravertierte in einer Welt wieder, in der es von Vorteil ist, etwas mit sich selbst anfangen zu können. Und manche von ihnen genießen es sogar, nun etwas mehr reflektieren zu können und Probleme allein lösen zu müssen. Wer weiß, der eine oder andere Introvertierte wird sich nach so langer Isolation vielleicht auch nach mehr sozialen Kontakten sehnen. Womöglich rückt uns die Krise damit weg von den Extremen auf der Skala und sorgt dafür, dass wir in unserer Gesellschaft eine bessere Balance zwischen Introversion und Extraversion finden. Zumindest soll sie uns lehren, einander wertzuschätzen. Und auf Gruppenarbeiten können wir künftig sicher gerne verzichten. (Davina Brunnbauer, 13.2.2021)