Sia bei einem Auftritt im Herbst 2020.

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Sia verachte übrigens Musicals. Sie könne das Gesinge und Getanze nur schwer ertragen, meint sie aktuell in einem Interview. Deshalb wollte die 45-jährige, im australischen Adelaide geborene Sia Kate Isobelle Furler ja mit Music einen klassischen Spielfilm drehen. Es hätte eine Coming-of-Age-Geschichte werden sollen, in der es um eine autistische Protagonistin namens Music und ihre drogensüchtige Schwester Zu geht – und darum, wie sich die beiden nach diversen Schicksalsschlägen zusammenraufen. Können wir das schaffen?! Ja, wir schaffen das!

Zu ihrem Unglück ließen ihr das die Produzenten dieses nun auf diversen Video-on-Demand-Plattformen erhältlichen Films nicht durchgehen. Sia könne sich zwar ihren Traum erfüllen und gern Regie führen sowie das Drehbuch gestalten. Die Tatsache aber, dass es sich bei Sia um die derzeit weltweit erfolgreichste Popkomponistin handelt, sollte man im Hinblick auf die Kassa nicht ganz außer acht lassen. Nicht nur solo, sondern vor allem auch als musikalische Geburtshelferin für Songs von Rihanna, Shakira, Adele, Celine Dion, Pink! oder Problembär David Guetta spielt Sia auf Youtube in der obersten Liga, wenn es um Clicks in Milliardenhöhe geht.

Sia

Dem Erfolg ihres Films könnte das trotzdem nicht dienlich sein. In Music geht es neben dem Problemfeld der Darstellung von Menschen, die psychisch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, auch um schwere Depressionen und um die doppeldeutig zu lesende Kraft von Music. Sia litt jahrelang selbst unter Depressionen. Speziell auch auf Tourneen knallte sie sich mit harten Drogen und Psychopharmaka zu wie einst Keith Richards in seinen besten Jahren. Xanax, Tramal, und wie das Zeug gerade heißen mag, stimmen natürlich nicht froh. Sias Rettung lag, mit über 30 Erdenjahren auf dem Buckel schon relativ spät für eine Popkarriere im knallbunten Bereich, tatsächlich in der Musik.

Die Mauern von Jericho

Nach Anfängen im Trip-Hop während der Nullerjahre mit der Band Zero 7 ging nach jahrelangen Versuchen, eine Solokarriere zu starten, der Knopf doch noch auf. Neben einer beinharten, für ehemalige Junkies nicht ungewöhnlichen Arbeitsmoral (Arbeit und Struktur!) wäre vor allem Sias Talent zu nennen, Songs klassisch aufzubauen, um dann mit bombastischen, als Rollkommando daherkommenden Refrains die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen. Diamonds von Rihanna sei erwähnt oder eigene Hits wie We Are Born, Cheap Thrills oder The Greatest.

Für öffentliche Auftritte hat Sia sich zu ihrem Selbstschutz längst eine eigene – widdewiddewitt! – kunterbunte Welt eingerichtet, die in ihren Videos wie auch live merkwürdige Assoziationen weckt: Pippi Langstrumpf und Alice im Wunderland werfen gemeinsam in der Plastikkugelwanne in der Kinderzone bei Ikea LSD ein und tanzen. O du fröhliche! Großes breites Wow! Ihr Gesicht mag Sia schon länger nicht mehr herzeigen, dafür sind überlebensgroße Perücken da, die alles verdecken. Als ihr Alter Ego nutzt Sia als Patentante seit Jahren schon ihre Wahlneffin, US-Schauspielerin Maddie Ziegler, als Frontfigur für ihre Musik und nun eben auch als Protagonistin Music in Music.

Movie Coverage

Alles könnte in dieser Welt also gut sein. Nur dass der Film, in dem die autobiografischen Elemente geradezu kitschverdächtig auftauchen, nicht funktioniert. Man ist doch immer wieder sehr verstört, wenn unvermutet die Musik losböllert und die Menschen zu singen beginnen, als gelte es, Uwe Kröger, Pia Douwes, die Cats und Evita aus den Stadttheatern dieser Welt, und Lady Gaga aus der Wiener Stadthalle zu vertreiben.

Die Proteste wegen der Darstellung einer autistischen Person durch eine "normale" Person wie Maddie Ziegler sorgen erwartungsgemäß für Proteste bezüglich des Themas Inklusion. Der Film wurde mit knapp zwei Stunden Spieldauer möglicherweise zwei Stunden zu lang veranschlagt. Die internationalen Kritiken sind jedenfalls allesamt vernichtend. Unter anderem kann man den Film derzeit bei iTunes erwerben. Ab März soll er als regulärer Stream erscheinen. (Christian Schachinger, 12.2.2021)