Die Ursprünge von Stonehenge liegen über 5.000 Jahre zurück.
Foto: REUTERS/Toby Melville

Über Ursprung und Funktion der jungsteinzeitlichen Anlage Stonehenge wurden schon viele Theorien gesponnen. Seit der frühen Neuzeit hält sich hartnäckig der Irrtum, Stonehenge sei von den keltischen Druiden als Heiligtum errichtet worden war. In Wahrheit war Stonehenge schon uralt, als die ersten Druiden ins Land kamen. Einer englischen Volkssage zufolge wiederum hatte der Teufel beim Herbeischaffen des Baumaterials seine Finger im Spiel. Beelezebub soll die gewaltigen Steine einer Frau in Irland abgekauft und sie zur Salisbury Plain, ihrem heutigen Standort, gebracht haben.

Eine Bauwerk der Riesen

Der Ring aus Erdwällen und Gesteinsblöcken knapp vier Kilometer westlich vom südenglischen Amesbury wurde wegen seiner imposanten Dimensionen auch häufig dem Tun von Riesen angedichtet – und er fand sogar Eingang in den Legendenkreis um den Zauberer Merlin. Geoffrey of Monmouth, Schöpfer der höfischen Version der Artussage, berichtet im 12. Jahrhundert in seiner Historia Regum Britanniae, dass "diese Steine vor langer Zeit von Riesen aus den entferntesten Winkeln Afrikas geholt und in Irland aufgestellt wurden."

Sie stünden in Zusammenhang mit geheimnisvollen religiösen Riten und hätten heilende Wirkung, lässt der mittelalterliche Geschichtsschreiber Merlin erzählen. Der ursprüngliche Standplatz hieß demnach Giants’ Dance, also Tanz der Riesen, und befand sich auf dem legendären Mount Killaraus. Von dort soll Merlin sie mit magischer Hilfe nach England geschafft haben.

Von weit her

So völlig ohne historisches Fundament sind diese Legenden nicht, wie eine Studie zur Herkunft der Stonehenge-Steine nun beweist. Während die großen Sandsteinblöcke aus einem West Woods genannten 25 Kilometer entfernten Hügelland stammen, haben die sogenannten Blausteine aus Dolorit eine zehn Mal so weite Reise hinter sich: Zwar kommen sie weder aus Afrika, noch von der irischen Insel, dafür aber aus dem rund 240 Kilometer entfernten Wales – das für die Menschen des frühen Mittelalters irisches Territorium war.

Aufgrund unterschiedlicher Datierungsmethoden geht man heute davon aus, dass die Blausteine in den Preseli-Bergen im heutigen Pembrokeshire in Wales abgebaut wurden. Aber sie kamen nicht auf direktem Weg zur Salisbury Plain.

Die großen Blausteine von Stonehenge stammen aus Wales. Aktuelle Funde lassen vermuten, dass die Blöcke ursprünglich im Steinkreis von Waun Mawn standen.
Grafik: Antiqity/M. Parker Pearson et al.

"Wie ein Schlüssel zu einem Schloss"

Ein Team von Wissenschaftern um Mike Parker Pearson vom University College London entdeckte nun ganz in der Nähe des Steinbruchs Spuren einer Anlage, die jener von Stonehenge in vieler Hinsicht zu gleichen scheint – nur dass die Steine offenbar entfernt wurden. Der Graben, der den walisischen Steinkreis von Waun Mawn einst umgab, entspricht mit 110 Metern genau dem Radius des Grabens in Stonehenge, was sie zur drittgrößten britischen der Anlage macht. Auch sind beide Halbkreise auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnwende ausgerichtet.

Das Spannende an der Fundstätte sind allerdings eine Reihe von früheren Löchern, die sich durch unterschiedliche Farben im Erdreich abzeichnen, und genau auf die Stonehenge-Megalithen passen. Am Grund eines der Löcher blieb sogar ein Abdruck erhalten, der zum ungewöhnlichen Querschnitt einer der Stonehenge-Blausteine passt, "wie ein Schlüssel zu einem Schloss", wie die Archäologen verblüfft feststellten.

Ein stehender und ein liegender Megalith im walisischen Steinkreis von Waun Mawn.
Foto: Hansjoerg Lipp

Aktuellen Datierungen aus dem Steinbruch ergaben zudem, dass die Stonehenge-Blöcke um 3.300 vor unsere Zeitrechnung herausgebrochen wurden – also etwa zu jener Zeit, als die Menschen mit der Errichtung des Steinkreises von Waun Mawn begannen.

Auf welchen Wegen die Steine später nach Südengland transportiert wurden, ist umstritten. Einige Experten halten den Seeweg für plausibel, andere vermuten eher, dass die tonnenschweren Felsblöcke mit Holzwägen über Land gerollt wurden.

Alte Theorie

Bereits vor rund 100 Jahren hatte der Geologe Herbert Thomas vermutet, dass die Megalithen von Stonehenge lange Zeit davor schon Teil eines älteren Heiligtums in Wales gewesen waren. Nun scheint sich diese Theorie zu bestätigen, schreiben die Archäologen im Fachjournal "Antiquity". "Ich forsche seit 20 Jahren zu Stonehenge und das ist wirklich das Aufregendste, was wir jemals gefunden haben", erklärte Pearson gegenüber dem "Guardian". (tberg, red, 15.2.2021)