Das Separatismusgesetz, das Emmanuel Macron vorantreibt, soll muslimische Parallelgesellschaften verhindern.

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Vier Monate nach dem Mord an dem Geschichtslehrer Samuel Paty verabschiedet die französische Nationalversammlung heute, Dienstag, ein Gesetz "zur Stärkung der republikanischen Prinzipien". Es schafft ein Delikt für verbale oder physische Gewalt gegen Beamte. Um den islamistischen "Separatismus" in den Parallelgesellschaften der Banlieue zu bekämpfen, soll der Heimunterricht verboten werden. Der Präfekt könnte in Zukunft Moscheen schließen und allgemein über die Zulassung religiöser Vereine befinden. Das Gesetz wird von links als rassistisch kritisiert, von rechts als zu lasch. Moslems fühlen sich unter Generalverdacht. Die Philosophin Razika Adnani glaubt, dass Gesetze allein keine Veränderung bewirken werden.

STANDARD: Ist ein solches Vorgehen, wie es der Gesetzesvorschlag ermöglichen würde, ein wirksames Mittel gegen den Islamismus?

Adnani: Zahlreiche Maßnahmen wie etwa das Schulungsverbot außerhalb der Schulen können mithelfen, Banlieuebewohner besser zu integrieren. Ihre Viertel stehen unter dem Einfluss der Salafisten, die ihre eigenen, islamistischen Gesetze verbreiten. Das Gesetz gegen den Separatismus kann diesen Druck vielleicht etwas zurückdrängen.

STANDARD: Außerdem sollten die verschiedenen Islamgemeinschaften Frankreichs eine "Charta" zur Einhaltung republikanischer Werte unterzeichnen.

Adnani: Das ist ein interessanter Ansatz, aber er ändert nicht viel, wenn der Islam nicht selbst an sich arbeitet.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Adnani: Die Muslime müssen erkennen, dass das Problem im Islam selbst liegt, auch im Verhältnis zu den modernen Gesellschaften. Seine Werte, die aus dem siebten Jahrhundert stammen, werden heute von Konservativen zementiert, obwohl sie nicht mehr kompatibel sind mit einer sich verändernden Welt. Der Islam muss zuerst einmal Politik und Religion voneinander trennen und sich auf Letztere beschränken.

STANDARD: Eine sehr grundsätzliche Forderung ...

Adnani: Ja, aber die Reform des Islams ist die Voraussetzung für alle wirklichen Veränderungen.

STANDARD: Das Christentum brauchte für die Trennung von Kirche und Staat Jahrhunderte. Verlangt man von den Muslimen nicht zu viel?

Adnani: Nein, es ist gar nicht so unmöglich, wie es scheint. Die Muslime sind wie alle Menschen in der Lage, sich an die neuen Zeiten und die modernen Werte anzupassen. Sie haben die neuen Technologien wie Internet und Handys übernommen. Warum soll das nicht bei humanistischen Werten möglich sein? Atatürk hatte Religion und Staat schon 1924 getrennt und die Türkei säkularisiert und modernisiert. Das Problem sind die Konservativen, die einen starken psychologischen Einfluss auf die Muslime ausüben. Sie beherrschen den Islam seit dem neunten und zehnten Jahrhundert.

STANDARD: Das Gesetz gegen den islamistischen Separatismus versucht zumindest, die Finanzierung der Moscheen durch ausländische Mächte wie gerade auch die Türkei zu unterbinden.

Adnani: Das ist eine gute Idee, aber sie wird die zugrunde liegenden Probleme nicht lösen. Die französischen Muslime müssen sich Werte wie die Gleichheit von Mann und Frau oder die Gewissensfreiheit selbst aneignen.

Razika Adnani arbeitet als Philosophin und Islamologin in Paris.
Foto: Privat

STANDARD: Die Imame sollen besser kontrolliert werden, indem sie ab 2024 in Frankreich ausgebildet werden müssen.

Adnani: Es ist wichtig, das Wirken ausländischer Imame zu verhindern, die weder die Kultur noch die Sprache Frankreichs kennen. Es genügt aber nicht zu sagen, man müsse "die Regeln der Republik respektieren" – wenn die Imame in den Moscheen weiter predigen, dass der Mann der Frau überlegen sei. Abgesehen davon agieren die Salafisten nicht nur in den Moscheen, sondern auch in den sozialen Medien. Also dort, wo die Jugendlichen hinhören. Sie gehen nicht mehr in die Moscheen, sondern ins Internet.

STANDARD: Die von Emmanuel Macron initiierte Charta verlangt von den französischen Muslimen genau die Einhaltung der Geschlechtergleichheit. Ein frommer Wunsch?

Adnani: Die Diskriminierung der Frauen, das Verhältnis zu anderen, der Gewaltdiskurs – all das müssen die Muslime mit sich selbst regeln und beseitigen. Per Gesetz kann man höchstens unmenschliche Praktiken wie die Genitalverstümmelung kleiner Mädchen verbieten. Und die sind oft nicht an den Islam geknüpft; der Maghreb (die nordwestafrikanischen Länder Tunesien, Algerien, Marokko und Westsahara, Anm.) kennt zum Beispiel keine Verstümmelungspraktiken.

STANDARD: Aber können ein Gesetz und eine Charta nicht wertvolle Impulse vermitteln?

Adnani: Das neue Gesetz geht zum Beispiel nicht gegen den Schleier vor, obwohl er die Vorherrschaft des Mannes symbolisiert. Der Koran verlangt von der Frau nirgends das Bedecken der Haare. Und selbst wenn der Koran diese Vorschrift aufstellen würde, heißt das noch nicht, dass sie angewandt werden müsste. Viele Koranregeln werden nicht befolgt.

STANDARD: Wie etwa?

Adnani: Die Sklaverei wird in 25 Koranversen erwähnt, doch die islamischen Länder haben die Sklaverei alle zwischen 1848 und 1880 abgeschafft. Die Strafe des Handabschneidens für Diebe wird auch nicht mehr praktiziert. Dagegen behaupten viele Muslime, es sei unmöglich, das Kopftuch oder die Polygamie abzuschaffen. Diese Praktiken sind aber nur deshalb so tief verankert, weil sie auf der Unterdrückung der Frau basieren.

STANDARD: Um eine neue Kopftuchdebatte zu vermeiden, hat die Regierung in Paris darauf verzichtet, ein Schleierverbot für kleine Mädchen ins Gesetz aufzunehmen, wie es eine Abgeordnete aus der Partei von Präsident Emmanuel Macron forderte. Verstehen Sie das?

Adnani: Ein Kopftuch für Fünfjährige ist schlicht ein Verbrechen. Es heißt, die Frauen wählten den Schleier freiwillig. Das stimmt sicher nicht für kleine Mädchen. Ihnen wird der Schleier so lange anerzogen, bis sie sich selbst nackt fühlen, wenn sie ohne ihn auf die Straßen gehen. Man lehrt den Kindern, dass ihr Körper ein Störfaktor ist, dass sie ihn verbergen sollen. So gewöhnen sie sich an den Schleier und tragen ihn ihr Leben lang.

STANDARD: In dem Fall sind Sie auch für das sogenannte Burkaverbot?

Adnani: Zuerst einmal: Burka und Nikab werden im Koran gar nicht erwähnt. Der Koran enthält keine Vorschrift, Haare oder Gesicht zu verhüllen. Der Ganzkörperschleier ist eine Erniedrigung und ein Verbrechen an der Frau. Er wurde erfunden, um die Frau aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, denn er verlängert die häusliche Einschließung der Frau, indem sie nun in ihr Tuch eingeschlossen wird. Das ist diskriminierend, schließt es doch die Frau vom Sozialleben, der Kultur und der Politik aus. Wer kein Gesicht hat, kann nicht sprechen und keine Politik machen.

STANDARD: Feministinnen wenden ein, man könne die Freiheit nicht mit einem Bekleidungsverbot erzwingen. Leuchtet Ihnen das ein?

Adnani: Die Musliminnen haben sich nie gekleidet, wie sie wollten – es waren die Männer, die den Frauen einen Schleier auferlegt haben, und zwar lange vor der Entstehung des Islams. Die Musliminnen tragen ihn weiter, weil sie unter einem sozialen und kulturellen Druck stehen, ihn anzulegen. (Stefan Brändle aus Paris, 16.2.2021)