Impftermin in Soweto, Johannesburg.

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Ganze 70 Prozent der Corona-Impfdosen von den derzeit führenden Herstellern haben sich weltweit die Industrienationen gesichert. Während die Europäische Union für ihre knapp 450 Millionen Einwohner mehr als zwei Milliarden Impfdosen geordert hat, drohen im bevölkerungsreicheren Globalen Süden Engpässe. Weil die Produktion für die reichen Absatzmärkte zuletzt deutlich hinter der Planung zurückblieb, erwarten Experten nicht, dass in Europa oder andernorts viel Serum übrig bleibt, das man ärmeren Ländern zur Verfügung stellen könnte.

Über Lösungen für eine gerechtere globale Impfstoffverteilung wird längst debattiert. Südafrika und Indien fordern etwa die temporäre Aufhebung der Eigentumsrechte für Impfstoffe. Dann könnten die Länder ihre eigenen Kapazitäten nutzen, um das begehrte Pharmakon zu produzieren. Europa und die USA – die Länder, wo das Gros der Pharmakonzerne zu Hause ist – bremsen.

Indiens Kapazitäten nutzen

Werner Raza, Ökonom an der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) kann der Forderung durchaus etwas abgewinnen. Indien ist schon seit mindestens zehn Jahren der weltweit größte Impfstoffproduzent, erklärt er. Von dort wird der Globale Süden beliefert. Es gebe durchaus Kapazitäten, um die Produktion weiter zu erhöhen.

Astra Zeneca kooperiert bereits mit dem Serum Institute of India. Würden Patentrechte gelockert, könnten auch andere indische Produzenten Vakzine herstellen, erklärt Raza. Allerdings seien die Kapazitäten vor allem für technologisch weniger komplexe Vektor-Impfstoffe geeignet, für die mRNA-Vakzine, wie sie etwa Biontech/Pfizer und Moderna auf dem Markt haben, fehle womöglich die Infrastruktur.

Darius Lakdawalla, Professor für Gesundheitsökonomie an der University of Southern California, hält mRNA-Impfstoffe aus mehreren Gründen für ärmere Länder für weniger geeignet. Zum einen ist die Logistik herausfordernd. Die Vakzine sind instabil und müssen sehr kühl gelagert werden. Zweitens könne es bei den Grundmitteln, etwa bei Lipid-Nanopartikeln, zu Engpässen kommen. "Wenn Rohstoffe knapp werden, werden das vor allem ärmere Länder zu spüren bekommen", erklärt er – die reicheren Länder würden sie für ihre eigenen Produzenten aufkaufen.

Kurzfristig führe der Weg zu mehr globaler Impfgerechtigkeit über die Welthandelsorganisation, so Raza. Die Initiative Covax will weltweit einen kaufkraftunabhängigen Zugang zu Impfungen schaffen. Die EU stellt 500 Millionen Euro dafür bereit, Österreich will 2,4 Millionen beitragen. Das ist zu wenig, beklagt Raza, die Republik trage im europäischen Vergleich sehr wenig bei. Würden mehr Finanzmittel für die Initiative bereitgestellt, könnte man damit zumindest vulnerable Gruppen im Globalen Süden rasch impfen.

Insider erwarten auch, dass Impfriesen wie Sanofi, Merck oder GSK in den sauren Apfel beißen könnten und womöglich die zugelassenen Vakzine der Konkurrenz herstellen werden. Die Branchenführer hinken bei der Entwicklung einer Corona-Impfung bisher hinterher. (Aloysius Widmann, 18.2.2021)