2021 ist auch für die MSC kein "normales Jahr". Deshalb soll sie bald im gewohnten Format nachgeholt werden.
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Das massive Polizeiaufgebot, das normalerweise nötig ist, wird dieses Jahr nicht gebraucht. Denn am traditionellen Ort der Münchner Sicherheitskonferenz, dem Hotel Bayerischer Hof, wo sonst 600 Teilnehmer mit dreimal so viel Security-Kräften sind, sind dieses Jahr nur zwei Personen: der Vorsitzende der Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger und ARD-Moderatorin Natalie Amiri. Nur sie sind im Festsaal und moderieren. Zuschauer und Redner nehmen virtuell teil.

Am Promenadeplatz wird es am Freitag kein Schwarze-Limousinen-Ballett geben, es werden keine Sternegeneräle zu sehen sein, und auch die US-Delegation wird dieses Mal nicht anreisen. Nur die Security-Kräfte stehen wie jedes Jahr vor dem Hotel. Wer hinein möchte, muss sich testen lassen. "Wenn mein Corona-Test negativ ist, kommen Botschafter Ischinger und ich uns auf der Bühne vielleicht sogar näher", sagt Amiri im Scherz.

Trotz – oder wegen – des Onlineformats haben die einflussreichsten Köpfe der Welt zugesagt. Erstmals nimmt ein amtierender US-Präsident teil – wohl aus Verbundenheit: Joe Biden war oft da. Die Staats- und Regierungschefs Angela Merkel, Emmanuel Macron, der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, Nato-Chef Jens Stoltenberg und UN-Generalsekretär António Guterres sowie Melinda und Bill Gates werden nacheinander zu ihren Fachgebieten sprechen.

Vier Themen, drei Stunden

Vier Themenkomplexe in drei Stunden: Multilateralismus, die Pandemie, die transatlantischen Beziehungen und das Klima. Hat Amiri, die "Master of Ceremony" sein wird, Angst vor Pannen? "Die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk sind ja erfahren mit solchen Schalten, da verlasse ich mich drauf." Zu gerne wäre man dabei, wenn sich das Technikteam von Biden, vielleicht aus dem Oval Office, für die technische Generalprobe einwählt, oder das des Élysée-Palastes.

Die Teilnehmerliste ist erstaunlich, bedenkt man, dass das Attraktive der Münchner Sicherheitskonferenz schon immer die Gelegenheit war, sich auf dem kurzen Dienstweg in Hinterzimmern auszutauschen.

Ischinger erklärte den Reiz der Sicherheitskonferenz in einem Interview selbst vor ein paar Tagen so: Sie ermögliche, dass "ein amerikanischer Politiker hinter den Kulissen mit dem iranischen Außenminister reden könnte". Und deutete an, dass er das "vielleicht sogar tut" – ganz "ohne Visum, ohne Aufsehen". Fakt ist: Die US-Delegation mietet üblicherweise für diese "bilaterals", Zwei-Staaten-Gespräche, tatsächlich immer ein Stockwerk, wie das Hotel bestätigt.

Laut Ischinger gebe es jedes Jahr weit mehr als 2000 dieser Gespräche hinter verschlossenen Türen. Das sorgt mitunter auch für Unbehagen. Die Befürchtung: dass Staaten Absprachen fernab der Nato treffen. Für die deutsche Linke Julia Schramm ist die Sicherheitskonferenz "eine Art Kaffeeklatsch von Nato, Rüstungsindustrie und Diktaturen".

Wird es auf der virtuellen Konferenz auch virtuelle Hinterzimmertreffen geben? "Nein", sagt Amiri. Manches kann man eben nur von Angesicht zu Angesicht besprechen. Vielleicht betonen die Veranstalter auch deshalb, dass man so bald wie möglich die "Siko" nachholen wolle, am besten noch in dieser Jahreshälfte.

Reale Demonstrationen

Und wie demonstriert man gegen einen gigantischen geopolitischen Videocall? Claus Schreer, 83, trifft sich am Samstag um 14 Uhr mit Gegnern auf dem Marienplatz. Transparente male er keine mehr, sagt er, er habe "etliche zur Auswahl": Ob "Abrüstung statt Aufrüstung" oder "US-Atomwaffen raus aus Deutschland" entscheide er spontan. Er ist seit 63 Jahren Friedensaktivist, organisiert die Demos gegen die Konferenz seit knapp 20 Jahren mit. Neue Chancen durch die Digitalisierung sieht er auch im Demo-Sektor: "Normalerweise ist das Hotel ja immer abgeriegelt, dieses Jahr können wir die Kundgebung direkt davor machen", sagt Schreer. "Wir sind gegen die Aufrüstung Deutschlands und der EU, sie führt nicht zu mehr Sicherheit auf der Welt. Und für die atomare Abrüstung." Zuletzt seien noch 3000 Protestierende gekommen. Wegen der Pandemie habe man die Demo am Samstag für "300+" Menschen angemeldet.

Amiri, lange Iran-Korrespondentin, sieht es so: "Gerade im Klima des Populismus muss man miteinander sprechen. Ohne Kommunikation kann es auch keine Friedensabkommen geben." Es sei "schlimm genug", dass die USA zuletzt "Vorbild für viele Despoten in der Welt waren". (Nora Reinhardt aus München, 19.2.2021)