Wir wittern schon die Freiheit, die uns nach Aufhebung der Reisebeschränkungen da draußen erwartet.

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Ein gepflegter alter Campingbus, ein nagelneuer PKW mit Dachzelt und ein Kombi stehen an diesem Morgen am Ende einer Straße hinter dem Salzburger Gut Hinterlehen. Der fotogene Bauernhof von Fritz Zehentmayr liegt in einsamer Höhenlage und ist bekannt für seine edlen Schnäpse wie den Vogelbeer. Noch ist alles ruhig auf den Schlafplätzen der Camper, vermutlich hat die Verkostung am Vorabend etwas länger gedauert.

"Schau aufs Land": Symbiose zwischen Bauer und Camper.
Foto: Christian Gruber-Steffner

Nun aber tut sich etwas im Kuppelzelt, das wohl noch rechtzeitig zur Schlafenszeit aus dem Kombi geholt und auf der freien Wiese hoch über Saalfelden aufgestellt wurde. Der Reißverschluss öffnet sich, ein junges Pärchen tritt heraus, streckt sich, genießt die sagenhafte Stille und den Panoramablick aufs Steinerne Meer. Kaum zu glauben, dass das legal ist, was die beiden da machen: weit weg von einem parzellierten Campingplatz mit Waschbetonplatten, Plastikrutsche und Strandbuffet zu nächtigen.

Campingurlaub am Bauernhof

Für diese im Herbst 2020 beobachtete, rechtlich völlig unbedenkliche Symbiose zwischen Bauer und Camper ist der Umweltwissenschafter Leonard Röser verantwortlich. Selbst begeistert von dieser Art des Reisens, fiel er bereits durch ein spannendes Konzept für einen Elektro-Camper auf und hat zuletzt in Graz ein Start-up für Campingurlaub am Bauernhof gegründet.

"Schau aufs Land" nennt sich seine Plattform, über die Camper tagesaktuell verfügbare Stellplätze auf Bauernhöfen, in Weingütern oder auch bei kleinen Lebensmittelproduzenten angezeigt bekommen. Der Platz und die Übernachtung selbst kosten nichts, für den Dienst wird nur eine Jahresgebühr von 35 Euro fällig. Über 200 Betriebe in ganz Österreich machen bereits mit, seit die ersten Camper etwa auf Gut Hinterlehen ihre Zelte aufschlugen.

Nicht alles beim Alten

Beinahe ein Jahr ist es her, dass die Reisefreiheit durch die Corona-Pandemie massiv eingeschränkt wurde. Kaum einer hätte sich vor dieser Zeit ausmalen können oder wollen, wie sehr sie das weltweite Reiseverhalten beeinflussen würde. Und wohl auch nicht allzu viele hätten darauf gewettet, dass Bauernhöfe in Österreich einmal kostenlos Logis geben.

Selbst mit Nachtzugverbindungen quer durch Europa hat es – trotz Krise – schon lange nicht mehr so gut ausgesehen wie jetzt.
Foto: ÖBB/Marek Knopp

Schon gar nicht, wenn man mit altmodischen Fremdenzimmern in der Hochblüte des Massentourismus jederzeit beste Preise erzielen konnte. Doch die wichtigste Frage, die sich bei "Schau aufs Land" und ähnlichen Initiativen stellt, ist: Sind sie eine vorübergehende Mode, die aus der Not der Alternativlosigkeit heraus geboren wurden, oder bleibt nach der Krise vielleicht doch nicht alles beim Alten?

In einer Umfrage, die der Verein für Konsumenteninformation (VKI) jüngst unter reisewilligen Österreichern durchgeführt hat, gibt es diesbezüglich einige Überraschungen. Hatte vor der Krise nur ein Viertel einen Urlaub in Österreich geplant, kann sich das für die Zeit danach angeblich fast die Hälfte vorstellen.

Umweltfreundliche Anreise

Recht erstaunlich ist auch, dass jetzt "intakte natürliche Gegebenheiten" mit großem Abstand als das wichtigste Merkmal eines Urlaubsziels angegeben werden. Ob das Ziel "neu, exotisch oder anders" ist, scheint dagegen für wenige Menschen eine Rolle zu spielen. Und fragt man die Österreicher ins Blaue hinein, was ihnen im Urlaub wirklich wichtig ist, antworten derzeit die meisten: "kein Massentourismus".

Auf die Frage, wie wichtig einem die umweltfreundliche Anreise ist, werden gerne sozial erwünschte Antworten gegeben. Das liefert mitunter realitätsferne Ergebnisse. In der VKI-Umfrage etwa gaben besonders viele Menschen an: Selbstverständlich würden sie mit nachhaltigen Mitteln anreisen, wäre nur der Ticketkauf einfacher. Doch das war schon vor der Krise einfach möglich.

Das mehrfach ausgezeichnete österreichische Reisebüro Traivelling etwa, das auf die Initiative eines Schülers entstanden ist, funktioniert mittlerweile richtig gut. Man kümmert sich dort sowohl um das Heraussuchen komplizierter Zugverbindungen als auch um die Tickets. Selbst mit Nachtzugverbindungen quer durch Europa hat es – trotz Krise – schon lange nicht mehr so gut ausgesehen wie jetzt.

Neue Allianz für Nachtzüge

Alleine die ÖBB betreiben derzeit 16 Nachtzuglinien – etwa von Wien nach Berlin, Brüssel und Rom, aber auch von Hamburg nach Zürich. Weitere Verbindungen wie die traditionelle auf Teilen der Orient-Express-Strecke nach Paris sollen noch 2021 folgen. Im Dezember 2020 haben zudem die deutschen, französischen, Schweizer und eben die österreichischen Staatsbahnen eine Allianz für mehr Nachtzüge in Europa in diesem Jahr verkündet. Auch Frankreich und Schweden wollen die nationalen Netze wieder fitter für Nachtzüge machen.

Im Windschatten der Krise hob die erste Passagiermaschine der Welt mit synthetischem Kerosin ab.
Foto: REUTERS/Piroschka van de Wouw

Immerhin rund 1.500 Nacht- und Liegezüge sind momentan europaweit im Einsatz. Wer das zuletzt wegen der Corona-bedingten Unmöglichkeit, ins Ausland zu reisen, nicht mitbekommen hat, sei entschuldigt. Wichtiger wird es ohnehin sein, den nächstmöglichen Städtetrip in Europa tatsächlich im Schlafwagen zu absolvieren, damit das Angebot nicht gleich wieder versiegt.

Synthetisches Kerosin

Apropos wegen Corona vielleicht nicht mitbekommen: Im Windschatten der Krise hob die erste Passagiermaschine der Welt mit synthetischem Kerosin ab. Anfang Februar flog ein KLM-Flugzeug mit dem auf Basis von Wasser und CO2 mit erneuerbaren Energien hergestellten Sprit von Amsterdam nach Madrid.

Allerdings ist es noch ein großer Schritt, bis das saubere Fliegen dadurch Realität wird: Der Treibstoff ist derzeit noch so teuer, dass er dem herkömmlichen Kerosin nur beigemengt war.

Prinzipiell wird dieses Gegenmittel für die Klimakrise dennoch sinnvoller sein als CO2-Kompensationszahlungen. Erst ein Fünftel der Österreicher hat jemals Wiedergutmachung für die durch Flüge verursachten Umweltschäden geleistet, wie die VKI-Umfrage ebenfalls zeigt.

Absurd klingende Vorhaben

Lieber einmal weniger pro Jahr, dafür aber länger, intensiver und entspannter Urlaub machen, lautet ein Vorsatz, der mitten in der Krise häufig zu hören ist. Etwa nur, weil zwischen den Lockdowns einfach nicht mehr Kurztrips möglich sind? Kann sein, allerdings bemühen sich nun auch gar nicht so kleine Player am Reisemarkt, ihren Kunden vor der Krise absurd klingende Vorhaben schmackhafter zu machen – unter anderem der größte Anbieter von Fincas und Ferienwohnungen auf Mallorca Fincallorca.

Auf dem Landweg und mit der Fähre nach Mallorca? Ja, das geht.
Foto: imago images / imagebroker

Dieser schlägt seinen Kunden jetzt allen Ernstes vor, auf dem Landweg und mit der Fähre auf die Baleareninsel zu kommen. Er hat ihnen einige wirklich lohnende, familientaugliche Auto- oder noch besser Zugrouten ausgearbeitet – etwa von Wien oder Salzburg über Mailand, Genf oder Toulon –, um nur ja nicht das Flugzeug nehmen zu müssen.

Purer Aktionismus, weil es dem Anbieter egal sein kann, wie man tatsächlich anreist? Absolut, doch solche Vorschläge, dem Klima zuliebe nach der Krise einfach einmal Alternativen anzudenken, häufen sich in der Pandemie.

Deutlich flexibler

Neues auszuprobieren, bevor man es gleich ausschließt, ist auch bei der Gestaltung des Familienurlaubs einfacher als früher. Das zeigt das eingangs erwähnte Beispiel mit der Outdoor-Übernachtung am Bauernhof. Denn man muss nicht mehr "gläubiger Camper mit fixem Kultort (Campingplatz)" sein, um einmal unverbindlich auszuloten: Warum soll es jedes Mal die erprobte Pauschalreise mit Flug sein, um im Urlaub glücklich und erholt zu sein?

Auch für einmalige Camper gibt es genügend Möglichkeiten zum Probieren, vom großen deutschen Vermittler für wenig ausgelastete Fahrzeuge von Privatleuten bis hin zum kleinen Kärntner Start-up für die Vermietung topmoderner Bullys.

Wenn die Pandemie bisher nur einen einzigen guten Aspekt hatte, dann diesen: Wir sind deutlich flexibler geworden, im Kopf und in manchen Taten. Beim Reisen haben wir neue Wege halt nur noch nicht ausprobieren können. (Sascha Aumüller, RONDO, 26.2.2021)