Die US-Band Chicken Snake ist eine von vielen, die an den Idealen des Rock ’n’ Roll festhalten. Diese sind aktueller, als man vielleicht denkt.

Foto: Beast Records

Im Allgemeinen sind Verallgemeinerungen schlecht. Doch steckt in ihnen oft ein Körnchen Wahrheit. Die Chronik der populären Musik als schnelllebiges und auf markige Ansagen trainiertes Fach liebt Zuspitzungen. Im Wochentakt werden neue Helden ausgelobt, andere totgesagt, ganze Genres als obsolet erklärt.

Rituell wird Rockmusik zu Grabe getragen oder wenigstens der bärtige Witz mit dem schlechten Geruch bemüht. Und man kann es verstehen. Wenn man an den breitbeinigen Middle-of-the-road-Rock denkt, der in den 1970ern aus Rock ’n’ Roll eine familientaugliche Wochenendbeschäftigung gemacht hat und dessen Auswüchse bis heute die Stadien füllen, auf dessen Grün zehntausende Bierbäuche parken und Feuerzeug oder Handy schwenken.

Rock ’n’ roll ...

Quicklebendig ist der Rock ’n’ Roll. Der ist nur schwerer zu vermitteln, weil er für Dinge steht, die gesellschaftlich nur geringfügig akzeptiert sind. Der wohnt tiefer als der gebügelte Rock, im Souterrain, gilt als stur und großgoschert. Als "Music to drink, dance, fight and fuck", wie der Rockabilly-Sänger Billy Lee Riley sie beschrieben hat.

Derlei Klartext stößt im Bürgerlichen bis heute auf Ablehnung – wiewohl dessen Existenz belegt, dass selbst Hochwohlgeborene mindestens einer dieser Todsünden nachgehen. Aber bleiben wir bei der Musik.

Da hat eben eine Band wie Chicken Snake ein neues Album veröffentlicht. Es heißt Shapeshifter und hätte genauso gut vor zehn, 20 oder 50 Jahren erscheinen können. Denn was die Band ein bisserl überfrachtet Voodoo-Psych-Blues nennt, ist nichts anders als Rock ’n’ Roll.

... will ...

Auf krummen Beinen singen Chicken Snake von windigen Predigern, heulen den Devil Moon an, ersehnen in stolpernden Rhythmen Erlösung: Bury My Trouble. All das in einer archaischen Form; in perfekter Imperfektion. Genau das war es, was Sam Phillips mit seinem Aufnahmestudio und dem Label Sun Records suchte und fand. In Figuren wie Elvis Presley, Howlin’ Wolf, Jerry Lee Lewis, Warren Smith, Junior Parker und vielen anderen.

Chicken Snake – Bring Down the Rain.
Jerry and Pauline Teel

Chicken Snake sind Urenkel in diesem Stammbaum. Ihre Musik trägt Spuren jener DNA in sich, die in den 1950ern zur demokratischen Bewegung des Rock ’n’ Roll zusammenfand, aus Country, Blues und allen möglichen Derivaten.

Plötzlich musste man nicht mehr jahrelang am Cello kratzen, um als Musiker zu gelten. Plötzlich reichte es, ums Eck eines Juke Joints aufzuwachsen, der die Nachbarschaft mit wilder Musik versorgte, mit Jump Blues, Jazz, Boogie. Zusammen mit der Kirche erwiesen sich solche soziale Treffpunkte an der untersten Stufe der sozialen Leiter als verführerische Kraftzentren für Gestalten wie Jerry Lee oder Elvis.

Diese Attraktivität hält an: Rock ’n’ Roll ist seit Jahrzehnten im Dauerrevival und infiziert immer wieder neu. Auf etlichen Labels wie Beast Records, Norton, Voodoo Rhythm, In The Red, Goner, Bang! oder dem heimischen Trash Rock Productions hat sich ein zeitgenössischer Auswurf des Rock ’n’ Roll etabliert, dem der Furor des Punk oft als Brandbeschleuniger dient. Und manchmal kratzt diese Musik sogar am Mainstream.

... never ...

Etwa die White Stripes, deren Jack White ein Big Player und Beförderer dieser Kultur wurde. Oder eine Band wie Volbeat, die jedoch mit einem Bein im Metal steht.

Wie ernst Jack White dieses Anliegen ist, hat er oft bewiesen: 2015 ersteigerte er die erste Aufnahme von Elvis Presley um 300.000 Dollar. Auf seinem Label Third Man Records veröffentlicht er Alben von Jerry Lee Lewis, alten Bluesern oder der Grand Dame des hüpfenden Rockabilly Wanda Jackson. Der 45-Jährige versorgt damit alte und neue Fans. Für ihn ist Rock ’n’ Roll eine gültige Formel, und je konservativer die Gesellschaft wird, desto mehr provoziert sie Rock ’n’ Roll. "Drink, dance, fight, fuck", wir erinnern uns.

Doch Rock ’n’ Roll war nie nur Opposition und Renitenz. Er injizierte unlustigen Zeiten Lebensfreude und war der Soundtrack zur Etablierung der Jugendkultur.

Wie der US-amerikanische Autor Peter Guralnick in seinem neuen Buch Looking To Get Lost schreibt, war Rock ’n’ Roll der erste unumkehrbare Schritt der Integration. Er hat die Schranken von Klasse und Rasse niedergerissen und eine gesellschaftliche Veränderung herbeigeführt, die bis heute nachwirkt – Stichwort Popkultur, die sich auch darin zeigt, dass heute Bruce Springsteen und Barack Obama für einen Podcast zusammensitzen und über ihre Visionen der USA parlieren.

... die!

Rock mag tatsächlich oft abgestanden daherkommen. Rock ’n’ Roll aber ist unzufriedenes Aufbegehren, ist Black Lives Matter, ist die Inklusion, nicht die Ausgrenzung, eine Richtlinie, aber keine Vorschrift. Sam Phillips träumte von einer gerechteren Welt, Rock ’n’ Roll war sein "I have a dream". Und da muss man sagen, dass eine Band wie Chicken Snake mit ihrer Musik die Nase doch weiter vorn hat als viele Business-Class-Revoluzzer im Mainstream. (Karl Fluch, 24.2.2021)