Wenig los an diesem Tag in Schanghai. Die Ansichten auf diversen Flughäfen in vielen Teilen der Welt ähneln sich derzeit.

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Nichts wie weg. Das dürften sich derzeit viele Corona-Müde denken. Kaum hatte der britische Premier Boris Johnson am Montag den Öffnungsplan Großbritanniens vom Lockdown vorgestellt, schnellten die Flugbuchungen beim Billigflieger Easyjet um das Dreifache nach oben. Die Briten schnuppern Reiseluft. Malaga, Alicante, Palma, Kreta – Sonnendestinationen stehen hoch im Kurs.

Geht es nach Johnson, sollen fast alle Corona-Beschränkungen ab Ende Juni fallen – wenn es das Infektionsgeschehen zulässt. Manche Länder winken bereits mit mehr Freiheiten für Geimpfte, Reisen rückt wieder in greifbare Nähe. Der weltgrößte Reiseriese Tui verzeichnete über Nacht einen Buchungsanstieg von 500 Prozent.

Flügellahme Branche

Nimmt man die Börse als Indikator, hat die flügellahme Reise- und Airlinebranche Chancen, wiederanzuspringen. Bitter nötig hat sie es. Seit Lockdowns und Reiserestriktionen den Alltag beherrschen, liegt der Sektor darnieder. Auf Österreichs Flughäfen tummelten sich 2020 um 75 Prozent weniger Passagiere als im Jahr davor. Gemessen an den Fluggästezahlen katapultierte Corona die Branche in das Jahr 1994 zurück.

Anderswo ist es nicht viel besser. Jeder Hoffnungsschimmer ist willkommen: An der Londoner Börse machten Aktien von Fluggesellschaften Luftsprünge. Bei der AUA ist man von solchen weit entfernt, sieht aber zumindest "Bewegung im Sommer".

Die Diskussion um eine Rückkehr zur Normalität für Geimpfte ist voll im Gange. International geht die Tendenz in der Reisebranche Richtung Nachweis einer Impfung oder eines negativen Tests. Diskutiert wird darüber schon lange. Die heimische Bundesregierung, viele Flughafen- und Airline-Chefs halten das für vernünftig und drängen zu entschlossenen Schritten.

Impfungen vorschreiben will kaum jemand. Ausnahmen gibt es: Scott Kirby, Chef von United Airlines, erklärte jüngst laut Independent: "Wenn andere mitziehen und bereit sind, Impfungen vorzuschreiben, sollten Sie wahrscheinlich erwarten, dass United zu der ersten Welle von Unternehmen gehört, die das tun." Kirby wagte sich weit vor. Er habe "Vertrauen in die Sicherheit des Impfstoffs – und ich gebe zu, dass er umstritten ist."

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach sich jüngst hingegen für den stärkeren Einsatz von Corona-Tests aus. Es fehle an behördlichen Vorschriften, moniert der Chef der AUA-Mutter. Ein AUA-Versuch, der bis Mitte Dezember 2020 lief, wurde wieder eingestellt. Auf der Strecke Wien–Hamburg wurden Antigen-Schnelltests durchgeführt. Die Passagiere konnten sich auf dem Flughafen Wien kostenlos testen. Allerdings blieben erhoffte Erleichterungen – dass Passagiere etwa um eine Quarantäne am Zielort herumkommen – aus. Von einer Impfpflicht hält man im Kranichreich nichts.

Schnelltests wurden in Wien bereits erprobt.
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Der deutsche Luftfahrtexperte Christoph Brützel empfiehlt ohnehin, mit "der vorgeschriebenen oder auch eigeninitiativen Einführung von Impfpflichten sehr vorsichtig" zu sein. Einmal eingeführt, könnte dies auf andere Infektionskrankheiten ausgedehnt werden. "Ob es jemals wieder aufgehoben wird, steht in den Sternen. Die nach 9/11 eingeführten besonderen Verbote und Sicherheitsauflagen gelten heute noch, obwohl die Sinnhaftigkeit in einzelnen Fällen durchaus zweifelhaft ist", so Brützel.

Würden in Zukunft nur noch gegen alle möglichen Infektionskrankheiten Geimpfte ein Flugzeug betreten dürfen, würde dies wohl zu erheblichen Mobilitätseinschränkungen führen, nicht nur für Impfverweigerer, sondern auch für Menschen aus Ländern, in denen die medizinische Versorgung lückenhaft ist, gibt der Experte zu bedenken.

Alternativen zur Zettelwirtschaft

Die Airlines sind derzeit aber ohnehin damit beschäftigt, Alternativen zur manuellen Kontrolle der Tests oder Impfungen zu erproben. Pilotprojekte wie Impfnachweise, Tests und Einreisebestimmungen digital zu sammeln sind am Laufen.

Die Lufthansa etwa ist beim Projekt Common Pass an Bord, aber auch beim IATA-Travel-Pass. Dänemark bastelt an einem digitalen Impfpass samt App, Österreich soll, geht es nach ÖVP-Staatssekretär Magnus Brunner, bis zum Sommer die "Stopp Corona"-App adaptieren. Er ist mit dem Gesundheitsministerium in der Sache "in Kontakt". Dabei geht es wohl auch um die Frage, wer die Kosten übernehmen soll. Alleine die Entwicklung und der holprige Betriebsstart (die durch eine zweckgewidmete Spende der Uniqa-Stiftung finanziert wurden) schlugen mit immerhin zwei Millionen Euro zu Buche. Welcher Standard sich durchsetzt, ist ohnehin offen. Schreckgespenst der Passagiere ist wohl, dass sie für jedes Land eine eigene App brauchen.

Testen und Impfen

Technisch dürfte die Umsetzung eines digitalen Impfpasses kein größeres Problem darstellen. Schwierig ist die Anbindung der Reiseanbieter, impfender Labore und der lokalen Behörden. Sie müssen ein Zertifikat anstelle eines Impfpasses akzeptieren.

Beim Testen und Impfen sind manche Airlines schon weit. Wer mit der Golfairline Emirates fliegt, braucht weltweit einen Test. Ab April kann man die Testergebnisse zunächst vor Abflug in Dubai via App, den IATA-Pass, vorlegen. Auch Etihad will im ersten Quartal dieses Jahres den IATA-Pass zunächst auf ausgewählten Flügen aus Abu Dhabi anbieten. Dieser Tage flog eine Emirates-Maschine von Dubai nach Los Angeles – die Crews am Boden und in der Luft waren vollständig geimpft. Seit Start einer Impfkampagne vor einem Monat haben sich 26.000 Mitarbeiter, fast die Hälfte der Beschäftigten in der Branche in den Vereinigten Arabischen Emiraten, für eine Impfung entschieden, heißt es stolz.

Die AUA gibt ab 1. März Selbsttests an die Cockpit-Crews aus. Das Ergebnis gilt dann 72 Stunden. Hintergrund sei, dass die Piloten aus "behördlichen und Sicherheitsgründen im Cockpit die Maske nicht während des Fluges tragen können". Aus diesem ersten Test wolle man auch Erkenntnisse für unternehmensweite Testungen gewinnen. Solche würden geprüft. (Regina Bruckner, 24.2.2021)