Die Ängste, die den Golfkrieg von 1991 weltweit begleiteten, manifestierten sich in Österreich mit einer im Nachhinein eher kurios wirkenden Begleiterscheinung, an die im Corona-Jahr 2021 wieder erinnert wurde: Zum ersten Mal seit seiner Wiedereinführung 1956 wurde der Wiener Opernball abgesagt. Keinem Krieg seitdem, und war er noch so grausam und nah, wie etwa das Gemetzel in Exjugoslawien, wurde diese Ehre zuteil.

Warum das erwähnenswert ist: weil es die angstvolle Stimmung der Zeit gut wiedergibt. Der Irak unter Saddam Hussein, der am 2. August 1990 seine Elitetruppen im benachbarten Kuwait hatte einmarschieren lassen, galt als große militärische Gefahr für den gesamten Golf – und damit für die Ölsicherheit der ganzen Welt.

Irakische Soldaten, auf dem Rückzug aus Kuwait, ergeben sich Angehörigen einer französischen Spezialeinheit.
Foto: AFP / Mike Nelson

Deshalb war es auch ziemlich schnell klar, dass die Herstellung des Status quo ante – des Zustands vor dem Überfall auf Kuwait – nicht das einzige politische Ziel in dieser Situation sein würde. Nicht umsonst lautete das Mandat, das der Uno-Sicherheitsrat für diesen Krieg vergab, nicht nur auf die Befreiung Kuwaits, sondern auf die "Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit". Hartnäckig hält sich die Geschichte, die USA hätten Saddam sogar zum Einmarsch in Kuwait ermutigt, indem ihm die US-Botschafterin gesagt habe, innerarabische Streitereien interessierten Washington nicht.

Stutzen, nicht stürzen

Sicher ist: Als es passiert war, wollte man Saddam Hussein stutzen – wenngleich nicht stürzen, dazu später. Der wirkliche Krieg zur Abrüstung des Irak fand demnach zwischen 16. Jänner und 28. Februar 1991 statt – und nicht im März und April 2003, als Saddam Husseins damals nicht mehr existente Massenvernichtungswaffenprogramme als Vorwand für den US-Einmarsch dienten.

Seit 1988, dem Ende des Krieges mit dem Iran, hatte Saddam weiter aufgerüstet, so viel war bekannt, wenn auch keine Details. Nach der irakischen Niederlage wurden in den 1990er-Jahren ehrgeizige ABC-Waffen- und Raketenprogramme aufgerollt (ABC = atomar, biologisch, chemisch). Aber schon beim – von CNN live übertragenen – Kriegsbeginn mit einem tödlichen Angriffsfeuerwerk über Bagdad wurde überraschend schnell klar, dass der Irak militärisch krass unterlegen war. In wenigen Tagen war die Luftabwehr zerstört. Der Bodenkrieg zur Befreiung Kuwaits begann am 24. Februar, am 26. begannen die Iraker mit dem Rückzug, am 28. kapitulierten sie.

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Brennende Ölfelder, Teil der kollektiven Erinnerung an den Irakkrieg 1991.
Foto: MICHEL GANGNE / AFP / picturedesk.com

Was nicht heißt, dass der Irak kein schrecklicher Gegner war. Er hatte Scud-Raketen im Arsenal, mit denen er, wenngleich nicht sehr zielgenau, Israel und Saudi-Arabien beschoss. Saddam versuchte vor Kriegsbeginn auch, Israel als politische Karte auszuspielen, indem er seinen Abzug aus Kuwait an den israelischen Rückzug aus den Palästinensergebieten verband. Die arabischen Verbündeten in der US-geführten Allianz, die sich am Golf sammelte, blieben standfest. Dass sich die Palästinenser damals instrumentalisieren ließen, wird ihnen von den Golfarabern bis heute verübelt.

Neben der Angst, dass ein angegriffener Saddam Hussein wild um sich schlagen könnte, gab es aber auch noch einen zweiten Grund, warum dieser Krieg die ganze Welt erschauern ließ. Er fiel mit dem Ende der Sowjetunion zusammen – aber das war im Denken der Menschen noch nicht angekommen, und am allerwenigsten in jenem Saddam Husseins.

Nicht im Kalten Krieg

Mit einer starken Sowjetunion, in der Hochzeit des Kalten Kriegs, hätte es den US-geführten Aufmarsch hunderttausender Soldaten im Nahen Osten und den Krieg nicht gegeben. Oder wenn doch, hätte die Gefahr einer Eskalation in der Region und darüber hinaus bestanden. Auch daher kam damals die blanke Angst, mit der viele auf den Irak schauten.

Die politische Realität war jedoch bereits eine andere: Einem diplomatischen Profi im Weißen Haus, George H. W. Bush, gelang es, den – wie sich herausstellen sollte – letzten Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, zum Verbündeten im Uno-Sicherheitsrat zu machen.

Am 29. November 1990 stimmte Moskau für Resolution 678, die Saddam ein Ultimatum bis 15. Jänner 1991 stellte – andernfalls die internationale Gemeinschaft "alle erforderlichen Mittel" einsetzen würde, also Militärgewalt, um ihn aus Kuwait zu vertreiben. China enthielt sich, Kuba und Jemen stimmten dagegen.

Verheerende Niederlage

Die Niederlage Saddam Husseins Ende Februar war verheerend. Die geschlagenen irakischen Truppen begaben sich auf den Heimweg, nicht ohne noch in Kuwait die Ölquellen anzuzünden. Irakische Soldaten zettelten aber auch einen Aufstand gegen Bagdad an, der sich im Süden schnell ausbreitete. Bush hatte Flugblätter abwerfen lassen, um die Menschen zur Revolte zu ermutigen.

Als der Aufstand im Süden "schiitisch" und vom Iran unterstützt wurde, drehte sich die US-Stimmung jedoch: Keine zwei Jahre nach dem Tod von Revolutionsführer Khomeini sollte der Iran keinesfalls gestärkt werden.

Daraus entstand die US-Politik der "doppelten Eindämmung" von Iran und Irak. Der "eingefrorene" Saddam war immer noch nützlich als Garant gegen Irans Einfluss im Irak. 2003, als George W. Bush – der Sohn – ihn stürzte, folgte, was sein Vater vermeiden wollte: der Aufstieg des Iran. Und viele Iraker glaubten nach dem Verrat von 1991 und zwölf schrecklichen Sanktionsjahren nicht mehr, dass von den USA Gutes zu erwarten sei, und bekämpften die Besatzer. (Gudrun Harrer, 28.2.2021)