Diese DJ ist wohl happy, weil sie im Club funktionierendes Equipment vorfand und nach ihrem Set mit einer Gage nach Hause gehen wird – leider keine Selbstverständlichkeit.

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Sie herrschen über den Dancefloor, sorgen für den guten Ton und zünden das Feuer unterm Hintern der Masse: Discjockeys. Beim Gedanken an sie stellt sich das wohlige Gefühl von Rausch und Hedonismus ein, vielleicht auch etwas Neid: Denn sie sind die unnahbaren, endlos coolen Göttinnen und Götter der Nacht. Selten macht man sich, wenn sie da hinter der Kanzel den Bass reindrehen, Gedanken über ihre Steuererklärung. Haben die Meisterinnen an den Reglern überhaupt so etwas wie ein geregeltes Leben? Die überraschende Antwort lautet: Sie hätten gerne eines.

Österreichische DJs leben oftmals als neue Selbstständige in prekären Verhältnissen, sie haben keine Vertretung. Bis jetzt. Als die Situation für DJs ob der Pandemie besonders virulent geworden war, fiel es dem Wiener Steve Hope (33) wie Schuppen von den Augen: "Durch Covid haben wir deutlich gesehen, dass wir DJs eine Gruppe sind, von der keine Vertreterin zu Gesprächen eingeladen worden ist, wie man diese Krise bewältigen kann. No na ned, es gibt ja keine Vertretung!"

Szenegrößen auf der Suche nach Gemeinschaft

Um das zu ändern, tat sich Hope im Juni 2020 mit Gleichgesinnten zusammen. Mit szenebekannten DJs, Produzentinnen und Veranstaltern wie Johannes Piller (37) alias Koberman, Gerald Wenschitz (40) alias Gerald VDH, Katharina Dürrer (40) alias DJ Pandora, Susanne Kirchmayr (55) alias Electric Indigo und Daniel Fürst Zoffel (42) alias Disaszt suchte er nach einem Hebel, einer größeren Gemeinschaft, in die man sich eingliedern könnte, und fand eine, die bereits 1,2 Millionen Mitglieder hat: den Österreichischen Gewerkschaftsbund.

Man traf sich mit Thomas Dürrer, der unter anderem leitender Sekretär der Sektion Musik in der Younion ist, die zum ÖGB gehört. Er war ganz Ohr. "In Wahrheit ist das ein nicht anerkanntes Berufsbild ohne bindende Normen, die eine anständige Bezahlung oder Arbeitszeit garantieren. DJs hängen völlig in der Luft", so Dürrer.

Missstände ohne Ende

Der Eindruck, dass das Auflegen weniger glamourös ist, als es aussieht, erhärtet sich im Gespräch mit den DJs: Das geht bei technischen Missständen am Arbeitsplatz, also in Clubs oder bei Festivals, los, wo sich DJs häufig mit Equipment konfrontiert sehen, das nicht funktioniert. Es geht um Gagen, die oft spät oder gar nicht ausbezahlt werden. Es geht um scheinbar Banales wie Rechnungslegung und Steuern. Es geht um unprofessionelle und respektlose Spielstättenbesitzer. Es geht auch um strafrechtlich Relevantes wie sexuelle Übegriffe oder andere Formen von Gewalt, die im Club wie überall vorkommen können. Und es geht auch um ideelle Fragen: Wie können Clubs zu Safe Spaces werden – ohne Sexismus, Rassismus, Homophobie? Wie bekommt man mehr Frauen auf Line-ups und fördert den Nachwuchs, wie schließt man die Gehaltsschere zwischen lokalen Künstlern und großen internationalen Headlinerinnen, zwischen Männern und Frauen?

Für all diese Themen und mehr will Deck, wie die gerade in Gründung befindliche Fachgruppe in der Younion heißt, "die zentrale Informations- und Anlaufstelle für die österreichischen DJs werden", so Piller. Mitglied in dieser Gruppe der Younion kann man schon jetzt werden, zwölf Euro pro Monat 14-mal jährlich bieten unter anderem einen Rechtsschutz für die Mitglieder, ab zehn Mitgliedern gilt Deck als offizielle Fachgruppe.

Auch der DJ aus dem Kitzloch darf

Aber wer soll, im wahrsten Sinne des Wortes, mitmischen? Deck möchte alle erreichen: Ob jemand hauptberuflich auflegt oder das nur ab und zu zum Spaß macht, ob sie es via Spotify-Playlist oder mit vier Platten gleichzeitig und verbundenen Augen macht oder ob es "der DJ aus dem Kitzloch ist", wie Hope sagt. "Ich würde mir außerdem wünschen, dass wir möglichst bald noch bunter werden. Wir brauchen unbedingt People of Colour – wir sind also auch als Gruppe noch nicht fertig", ergänzt Kirchmayr.

Am Ende würde Deck das Discjockeytum auch gern zum Gewerbe geadelt sehen. "Das wäre die gesellschaftliche Anerkennung dafür, dass wir keine Knopferldrückerinnen oder Hampelmänner sind", sagt Hope. Er argumentiert, dass die Tättowierer, die gewerberechtlich zur Kosmetik- und Schönheitspflege gehören, ja auch nicht nur handwerklich, sondern künstlerisch tätig sind. Aus der WKO heißt es dazu: "Beim DJ steht das künstlerische Element im Vordergrund. Er wurde daher der ‚Ausübung der schönen Künste‘ bzw. der ‚Öffentlichen Belustigung‘ zugeordnet. Die grundsätzliche Definition, was Gewerbe ist und was nicht, kann der Gewerbegesetzgeber nicht ändern. Dazu wäre praktisch eine Änderung der Verfassung erforderlich." Wenschitz kommentiert vorsichtig: "Es gibt eine Gewerbeordnung aus dem Jahr 1925, von der Künstler prinzipiell ausgeschlossen sind. Man könnte ja zumindest diskutieren, ob eine künstlerische Tätigkeit im neuen Jahrtausend vielleicht doch auch gewerblich sein kann."

Bis diese Diskussion geführt werden wird, werden noch einige BPM über Anlagen laufen. In der Zwischenzeit hat Deck genug zu tun. Zum Beispiel will man ein Gewerkschaftssiegel entwickeln, das Spielstätten als Trusted Partner ausweist, sodass DJs davon ausgehen können, dort fair behandelt zu werden. (Amira Ben Saoud, 26.2.2021)