Ein Poster des ermordeten Journalisten bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag seines Todes.

Foto: AP / Emrah Gurel

Im Fall des Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi sollen in einem US-Geheimdienstbericht schwere Vorwürfe gegen den Kronprinzen Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, erhoben werden. Dieser habe die Ermordung des regierungskritischen Bloggers zumindest genehmigt, aber wahrscheinlich sogar selbst in Auftrag gegeben, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag mehrere Vertreter der US-Behörden.

Neues Beziehungskapitel

Die geplante Veröffentlichung des bisher zurückgehaltenen Berichts durch die US-Regierung wirft auch ein Licht auf die künftigen Beziehungen zwischen Washington und Riad.

Während Ex-Präsident Donald Trump sich dem Journalisten und Buchautor Bob Woodward zufolge damit rühmte, den Kronprinzen nach dem Mord den Rücken gedeckt zu haben und dafür milliardenschwere Rüstungsgeschäfte mit Riad eingestreift zu haben, plant der neue Staatschef Joe Biden offenbar, andere Wege zu gehen und die Beziehungen zu der arabischen Regionalmacht neu zu ordnen.

Das Weiße Haus teilte mit, dass Biden demnächst sein Antrittstelefonat mit Saudi-Arabien führen werde – nicht etwa mit dem 35-jährigen Kronprinzen, der alle wichtigen Amtsgeschäfte kontrolliert, sondern vielmehr nur mit dem Vater Mohammed bin Salmans, dem greisen König Salman selbst. Nur auf den niedrigeren Ebenen soll Bidens Regierung mit der saudischen Seite Gespräche führen. Trump hatte während seiner Amtszeit stets den Kronprinzen als sein Gegenüber betrachtet. Die gravierenden Menschenrechtsverletzungen und auch den Krieg Saudi-Arabiens im Jemen kritisierte Trump nicht.

MbS-Kritiker

Khashoggi, der unter anderem als Kolumnist für die "Washington Post" tätig war und dabei immer wieder scharfe Kritik an Mohammed bin Salman alias MbS formuliert hatte, war zu einem Termin in das Konsulat in Istanbul gegangen, um sich die Papiere für seine bevorstehende Hochzeit zu organisieren, und verschwand spurlos. Nach Erkenntnissen der CIA soll der saudische Botschafter in den USA und Bruder des Kronprinzen, Khalid bin Salman, Khashoggi in einem Telefonat persönlich ins Konsulat gelockt haben.

Erst nach Wochen des Leugnens gab Saudi-Arabien zu, dass Khashoggi im Konsulat getötet wurde. Der 59-Jährige war von einem eigens aus Saudi-Arabien eingeflogenen 15-köpfigen Kommando im Konsulat empfangen worden. Den türkischen Behörden zufolge, die nach eigenen Angaben über Ton- und Videoaufnahmen aus dem Konsulat verfügen, wurde Khashoggi verhört, gefoltert und womöglich lebendig zerstückelt – während seine Verlobte vor dem Konsulat wartete.

Khashoggis Leiche wurde nie gefunden. Angeblich soll sie in Säure aufgelöst oder im Garten des Konsulats verbrannt worden sein. Nachdem der Fall international Wellen schlug, verhafteten die saudischen Behörden 18 Personen, zum Teil aus dem direkten Umfeld des Kronprinzen. Fünf Todesurteile wurden verhängt, aber in Haftstrafen umgewandelt. (Michael Vosatka, 25.2.2021)