Fotografen reden mit Fotografen über Fotoapparate. Dabei sollte es im Gespräch viel öfter um die Fotografien selbst gehen.

Foto: dpa/Gregor Fischer

Dank des naherückenden Frühlings werden die Tage immer länger und wärmer. Für manch einen Hobbyfotografen bedeutet das, die eigene Kamera auszugraben und sie zum treuen Begleiter für kommende Sommertage zu machen. Doch auch das Interesse zahlreicher Neueinsteiger dürfte geweckt werden. Auf der Suche nach der "perfekten Kamera" begibt man sich dabei oft in den Fachhandel oder in Onlineforen. Dort fällt man jedoch häufig den scheinbar allwissenden "Profis" zum Opfer und kriegt das Gefühl, man bräuchte die neueste, teuerste Ausrüstung. Dabei hält gerade der oft überbordende Fokus auf die neueste Technik die meisten Menschen davon ab, wirklich gute Fotos zu machen.

Dem Vorurteil, Fotografen würden allzu gerne über ihre Kameras und die neuesten Anschaffungen sprechen, würden wohl die meisten mit einem beschämten Kopfnicken zustimmen. Diese Fokussierung scheint in der Szene sogar so stark etabliert, dass viele von sich selbst behaupten, "GAS", also Gear Acquisition Syndrome, zu haben. Übersetzt bedeutet das so viel wie die Sucht nach dem Kauf neuer Kameraausrüstung. Auf Facebook gibt es hierfür eigene Gruppen mit tausenden Mitgliedern, in denen nichts anderes gemacht wird, als schöne Kameras zu posten. Auf Instagram gibt es wiederum Accounts, die ihre Followerschaft mit schön inszenierten Fotoapparaten bei der Stange halten.

Fast 5.000 Mitglieder tauschen sich in dieser Facebook-Gruppe über ihr Gear Acquisition Syndrome aus und teilen Fotos von Kameras.
Foto: Screenshot/Facebook

Luxus und historische Unternehmen

Dabei zeigt sich ganz deutlich, dass bestimmte Marken sich besonders gut für die Selbstinszenierung eignen. Vor allem Leica, ein traditionsreicher Kamerahersteller aus Deutschland, der 1914 die Kleinbildkamera erfand, steht dabei wohl unangefochten an der Spitze. Während man für das neueste Modell, die Leica M10, mindestens knapp 7.000 Euro hinblättern muss, gibt es einen unfassbaren Hype um die analogen Modelle des Unternehmens.

So kann es schnell passieren, dass man für eine Leica M3, eingeführt in den 1950er-Jahren, mehr als 2.000 Euro bezahlt. Zwar handelte es sich beim Hersteller aus Wetzlar in der Tat noch nie um den günstigsten am Markt, gerade in den vergangenen Jahren scheint sich jedoch ein regelrechter Kult entwickelt zu haben – und Leica wurde zu einem Luxusprodukt für wohlhabende Menschen. In eigens eingerichteten Facebook-Gruppen sprechen Mitglieder dabei über den ominösen "Leica-Look", den nur die Objektive des Unternehmens produzieren könnten.

Leica-Fotografen oder Handyfotos

Zudem reize sie die Herangehensweise an Fotografie mit Messsucherkameras so sehr, da man nicht durch einen elektronischen Sucher oder jenen einer Spiegelreflexkamera schaue, schreiben die Menschen in den Foren. Bei Beobachtung entsprechender Gruppen und der Betrachtung der dort veröffentlichten Fotos fragt man sich jedoch, wovon die Nutzer eigentlich sprechen – denn häufig lassen sich die Beiträge nicht von einem schlecht bearbeiteten Handyfoto unterscheiden. Dies scheint ein deutliches Symptom dafür zu sein, dass Fotografie zwar einen leichten Einstieg bietet, es hingegen unfassbar schwierig ist, sie zu meistern.

Bis sie ihre Arbeiten als professionell bezeichnen würden, war es für die meisten Branchengrößen eine jahrelange Reise voller Rückschläge, Enttäuschungen und Geduld. Denn den eigenen Stil findet man nicht über Nacht, und der richtige Umgang mit Licht und der Bildkomposition will gelernt sein.

Presets und der Betrug von Anfängern

Unterdessen scheint sich ein regelrechter Markt dafür entwickelt zu haben, Anfängern mit falschen Versprechen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Am bekanntesten dürften diesbezüglich wohl sogenannte Presets sein, die vor allem bekannte Youtuber und Instagram-Fotografen für teils sehr viel Geld an ihre Fans verkaufen. Dabei handelt es sich eigentlich nur um exportierte Voreinstellungen für bekannte Fotobearbeitungsprogramme wie Lightroom, Photoshop oder Capture One. Mittels der Presets soll es den Fans möglich sein, den Stil des Verkäufers zu imitieren.

Auf der Plattform "Filtergrade" kann man zahlreiche unterschiedliche Presets kaufen, die analoge Fotografie imitieren sollen.
Foto: Screenshot/Filtergrade

Häufig werden diese Presets regelrecht aufdringlich über Plattformen wie Instagram beworben, um den Followern glaubhaft zu machen, der Kauf würde ihnen einen Vorteil auf ihrer fotografischen Reise bieten. In Wirklichkeit gleichen sich dadurch eigentlich nur fast alle auf Social-Media-Plattformen geteilten Beiträge, und die Käufer werfen sich selbst einen Stock in die Speichen. Denn wenn man Fotobearbeitung nie selbst lernen muss, wird es fast unmöglich, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Interessanterweise scheint insbesondere das gestiegene Interesse an analoger Fotografie und der ihr inhärenten Ästhetik das Geschäft mit digitaler Bildbearbeitung angekurbelt zu haben. Sucht man im Internet nach "Analog Presets", wird man nämlich mit Kaufangeboten überschwemmt, in denen Anbieter versprechen, digitalen Fotos die Ästhetik bestimmter Filme verleihen zu können. Preislich scheint man dabei alles Mögliche zu finden, von zehn bis fast 200 Dollar, wenn man die anscheinend hochwertigsten ihrer Art erwerben möchte.

Ein leichter Einstieg und blockierter Fortschritt

Natürlich ist all das ein zweischneidiges Schwert. Denn wer sich eine Leica kaufen möchte, sollte nicht davon abgehalten werden. Und wer Fotografie bewusst nur als Hobby betreibt, aber nicht Stunden für die Bildbearbeitung aufwenden will, für den scheinen auch Presets nicht verkehrt. Doch scheint Fotografie ganz allgemein in der öffentlichen Wahrnehmung als immer weniger wertvoll betrachtet zu werden. Häufig denken Außenstehende, sie sei leicht erlernbar oder die Kamera produziere die Fotos, nicht der Fotograf. Einerseits spielt dabei bestimmt die Tatsache eine Rolle, dass heutzutage fast jeder ein Smartphone mit Kamera bei sich trägt. Andererseits trägt die Szene auch eine Eigenverantwortung.

Dabei bräuchte es für den Anfang eigentlich nur drei Dinge: eine günstige Kamera, ein passendes Objektiv nach eigener Wahl und – was am wichtigsten ist – das Interesse daran, stetig Neues auszuprobieren und zu entdecken. Doch das ginge deutlich leichter, bekäme man nicht ständig vermittelt, dass neue, teure Produkte die eigenen Fotos verbessern könnten. (Mickey Manakas, 28.2.2021)