In Zeiten des Coronavirus und der Klimaerwärmung wird das Gemeinwohl wiederentdeckt. Im Gastkommentar plädiert der Theologe und Ethiker Kurt Remele, Gemeinwohl umfassender zu denken.

Das Gemeinwohl kann nicht von oben verordnet werden – es muss im Diskurs ausverhandelt werden.
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In Zeiten des Coronavirus werden die Menschen wieder öfter an ihre Verantwortung für das Gemeinwohl erinnert. Auch in der zeitgenössischen politischen Philosophie und in der christlichen Sozialethik erfährt der Gemeinwohlgedanke in letzter Zeit erneut stärkere Beachtung.

Der Gemeinwohlgedanke als regulative Idee macht klar, dass das Wohlergehen des Individuums und die Beschaffenheit der Gesellschaft aufeinander bezogen sind. Soll mein eigenes Leben glücken, hat das etwas mit mir, meinen Fähigkeiten, meinem Handeln zu tun. Aber das Gelingen des eigenen Lebens hat auch etwas mit anderen und mit den Gemeinschaften und Gesellschaften zu tun, in denen ich lebe. Andere Menschen schränken den eigenen Freiheitsdrang ein. Das wird uns in der Pandemie schmerzlich bewusst.

Andere Menschen ermöglichen aber auch, das eigene Leben so zu gestalten, wie es mir sinnvoll und befriedigend erscheint. Gemeinwohldenken weist darauf hin, dass menschliche Möglichkeiten und vermeintlich eigene Leistungen vorrangig den anderen Menschen, der nichtmenschlichen Natur und glücklichen Zufällen verdankt sind. Kein Heranwachsen ohne elterliche Fürsorge, keine menschliche Gesundheit ohne adäquate Lebensräume für freilebende Tiere, keine Schulbildung ohne Gewinn in der Geburtslotterie.

Starre Hierarchien

Die Renaissance des Gemeinwohls als Theorie der sozialen Gerechtigkeit und Praxis solidarischen Verhaltens ist etwas Gutes. Aber nicht nur. Es wird dabei nämlich bisweilen übersehen, dass der Gemeinwohlbegriff historisch belastet und anthropozentrisch verengt ist. Mit dem Hinweis auf ein statisch verstandenes Gemeinwohl wurden und werden obsolete gesellschaftliche Hierarchien festgeschrieben, Menschenrechte verletzt und Angehörige anderer Nationen ausgegrenzt.

Mit dem Hinweis auf ein exklusiv auf den Menschen bezogenes Gemeinwohl wird zudem eine scharfe Trennungslinie zwischen Mensch und Tier verteidigt, werden Tierrechte verletzt und Angehörige nichtmenschlicher Spezies ausgegrenzt. Als ethisch adäquat und zeitgemäß erweist sich das Gemeinwohl nur dann, wenn es dynamisch, global und ökologisch verstanden wird und Leid und Leben von nichtmenschlichen Tieren berücksichtigt ("mitfühlender Naturschutz").

Lange Tradition

In der politischen Philosophie hat das Gemeinwohl eine lange Tradition und einen festen Platz, vom antiken Griechenland bis zu heutigen sozialphilosophischen Abhandlungen. John Rawls’ vor fünfzig Jahren erschienene Theorie der Gerechtigkeit und die sozialphilosophische Denkschule des Kommunitarismus bemühten sich auf unterschiedliche Weise, das Gemeinwohl unter Bedingungen der (Spät-)Moderne zu interpretieren. Heute ist klar, dass das Gemeinwohl weder ein für alle Mal definiert noch unhinterfragt von oben verordnet werden kann, sondern in egalitären und zivilen Diskursen auszuhandeln ist.

Kurt Remele zitiert mit dem Buchtitel die Vision des 2002 verstorbenen progressiven US-Demokraten Paul Wellstone.
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Einen zentralen Platz nimmt das Gemeinwohl in der katholischen Soziallehre und Sozialethik ein. Es wird dort als sozialphilosophisches Prinzip verstanden, das darauf hinweist, dass das Wohlergehen aller Einzelnen, jedes und jeder Einzelnen nur zusammen mit anderen möglich ist. Menschen sind "persons-in-community" und "beings-with-others", wie es die US-amerikanischen Bischöfe formulierten.

Geradezu revolutionär

Die Sozialverkündigung der katholischen Kirche hat die vorher angesprochene nationalchauvinistische Engführung des Gemeinwohlkonzepts bereits in den 1960er-Jahren aufgebrochen. Die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil versammelten Bischöfe stellten klar, dass "jede Gruppe (...) den Bedürfnissen und berechtigten Ansprüchen anderer Gruppen, ja dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen" müsse. Den strukturell benachteiligten Mitgliedern der Menschheitsfamilie wird zugestanden, sich zu wehren: "Wer aber sich in äußerster Notlage befindet, hat das Recht, vom Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen." Heute klingt diese Aussage geradezu revolutionär.

Sich von einem anthropozentrisch verengten Gemeinwohlverständnis zu verabschieden und eines zu konzipieren, das auch nichtmenschliche Tiere und nichtmenschliche Natur berücksichtigt, fällt sowohl der Philosophie als auch der Theologie schwer. Eine beachtenswerte Ausnahme im Bereich der theologischen Ethik stellt die 2015 erschienene Enzyklika "Laudato si‘" von Papst Franziskus dar.

Universale Familie

Der Papst hat darin Aussagen gemacht, die einer ökozentrischen Ethik nahekommen. "Wir vergessen, dass wir selber Erde sind", heißt es gleich zu Beginn des päpstlichen Schreibens. "Unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet; seine Luft ist es, die uns den Atem gibt, und sein Wasser belebt und erquickt uns." Der Papst betont sowohl den Eigenwert jedes einzelnen Geschöpfs als auch die Verbundenheit aller Geschöpfe miteinander. Aus der theologischen Prämisse, dass sämtliche Geschöpfe des Universums von ein und demselben Vater (sic) geschaffen wurden, leitet er ab, dass alle Kreaturen durch unsichtbare Bande verbunden sind und miteinander "eine Art universale Familie bilden, eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt."

Der Papst trägt seine Erkenntnis mit Emphase vor. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wer jedoch weiß, wie gedankenlos Tiere in Kloster- und Pfarrküchen zubereitet und wie ungezügelt sie zu christlichen Hochfesten gegessen werden, würde sich etwas weniger ökologisches Pathos und etwas mehr tierethische Praxis wünschen. (Kurt Remele, 27.2.2021)