Schüler und Lehrpersonal des Government Science College in Kagara wurden am Wochenende freigelassen.

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In der Sekundärschule in Jangebe im Bundesstaat Zamfara bleiben die Internatsbetten leer. Von den entführten Schülerinnen fehlt jede Spur.

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Im Nordwesten Nigerias hält eine Welle von Massenentführungen an. Nachdem im Bundesstaat Niger vor drei Wochen 53 Passagiere eines Busses und eine Woche später 27 Schüler eines Internats gekidnappt worden waren, schlugen "Banditen" am Freitag in Nigers nördlichem Nachbarstaat Zamfara zu. Dort wurden in einem Internat in dem Städtchen Jangebe 317 Schülerinnen als Geiseln genommen.

Bereits im Dezember waren im benachbarten Bundesstaat Katsina 350 Schüler eines Internats entführt worden: Sie kamen – vermutlich nach Zahlung eines Lösegelds – sechs Tage später wieder frei. Auch die 27 Schüler aus dem Kagara-Distrikt im Bundesstaat Niger wurden am Wochenende wieder freigelassen. Die Regierung in Abuja bestreitet auch in diesem Fall, Lösegeld bezahlt habe. Von den 317 Mädchen aus Zamfara fehlt bis heute jede Spur.

Überfall

Nach Berichten von Augenzeugen kreuzten in der Nacht zum Freitag Dutzende von Männern in Pickups und auf Motorrädern vor dem Internat in Jangebe auf, brachen das Tor auf und jagten den Wachmann mit Schüssen in die Flucht. Anschließend hätten sie die 12- bis 16-jährigen Mädchen mit Rufen, es sei Zeit zum Beten, aus dem Schlaf gerissen und die meisten von ihnen auf die Ladeflächen der Pickups gezwungen.

Wer keinen Platz mehr darauf fand, sei zu Fuß in ein nahegelegenes Waldstück geführt worden. Die Banditen hätten geschrien und in die Luft geschossen, während die Mädchen weinten, erzählte eine Lehrerin der nigerianischen Zeitung "Punch". Ein Bewohner des Städtchens fügte hinzu, dass einige der Banditen gleichzeitig die Militärstation des Städtchens angegriffen hätten, um zu verhindern, dass die Soldaten den Schülerinnen zu Hilfe kommen.

Suche erfolglos

Am nächsten Morgen machten sich Polizei und Militär mit Unterstützung von Hubschraubern auf die Suche nach den Mädchen, teilte ein Sprecher der Sicherheitskräfte mit. Wie in früheren Entführungsfällen war ihre Suche zumindest bislang allerdings erfolglos.

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari verurteilte die Entführung inzwischen als "inhuman": "Wir werden der Erpressung dieser Banditen nicht entsprechen, die unschuldige Schülerinnen in Erwartung riesiger Lösegelder entführen." Insider wie der nigerianische Sicherheitsberater Kabiru Adamu wollen allerdings wissen, dass die Regierung in Abuja durchaus Lösegelder bezahle, die die "Banditen" zu immer dramatischeren Fällen von Entführungen anspornten.

Entführer unbekannt

Kidnapping von Schulkindern war bislang vor allem aus dem Nordosten des Landes bekannt, wo Kämpfer der islamistischen Boko-Haram-Sekte damit ihrer Ablehnung "westlicher" Erziehung Nachdruck verliehen. Unter anderem entführten sie vor sieben Jahren 276 Schülerinnen aus dem Städtchen Chibok: Der Fall löste unter dem Hashtag "BringBackOurGirls" eine weltweite Empörungswelle aus. Noch heute fehlt von 100 der Schülerinnen jede Spur.

Die Frage, ob auch die derzeitige Entführungswelle Boko Haram oder eher kriminellen Banden zuzuschreiben ist, wird unterdessen kontrovers debattiert. Für Letzteres spricht, dass Boko Haram bislang nur selten im Nordwesten des Landes operierte. Umgekehrt werden gewöhnlichen Banden derartig komplexe Operationen nicht unbedingt zugetraut. Außerdem hatte zumindest für die Entführung im Dezember Boko Haram die Verantwortung übernommen.

Lösegeld

In den nordwestlichen Bundesstaaten Zamfara, Katsina, Niger und Sokoto werden allerdings schon seit Jahren immer wieder einzelne Personen entführt, für deren Freigabe dann hohe Lösegeldsummen oder die Freilassung inhaftierter Bandenmitglieder verlangt werden. Womöglich hätten die kriminellen Banden die Massenentführungen von Schulkindern von den islamistischen Extremisten übernommen, meinen Expertinnen und Experten.

Außerdem kommt es in der Großregion schon seit Jahren zu blutigen Zusammenstößen zwischen Haussa sprechenden Ackerbauern und nomadischen Viehhirten, die den Fulani zugehören: Wegen der zunehmenden Trockenheit in der Sahelzone seien diese gezwungen, für einigermaßen fruchtbare Weiden immer weiter nach Süden zu kommen. Diesem Konflikt sollen im vergangenen Jahrzehnt rund 8000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Präsident Buhari wird immer heftiger vorgeworfen, den zahlreichen gewaltsamen Konflikten in Nigeria nicht entschieden genug zu begegnen. Im Januar wechselte er deshalb die gesamte Führungsspitze der Sicherheitskräfte aus.

Belohnung für Gewalt

Parlamentarier in Zafara schlugen jüngst vor, den "Banditen" Straffreiheit und Ausbildungsplätze oder Jobs im Austausch für ihre Absage an die Gewalt anzubieten –wie das vor zwölf Jahren einigermaßen erfolgreich mit Rebellen im erdölreichen Nigerdelta praktiziert wurde. Der Vorschlag stößt jedoch auch auf heftige Kritik: Auf diese Weise würden unzufriedene Nigerianer sogar noch dafür belohnt, dass sie Gewalt anwenden, heißt es. (Johannes Dieterich, 28.2.2021)